Viele Erwachsene in Österreich haben sich bislang noch nicht gegen Covid-19 impfen lassen. Ein Teil der Impfskeptiker gibt an, den neuartigen Impfstoffen zu misstrauen und auf einen "traditionellen" Impfstoff warten zu wollen – auch wenn von den beiden mRNA-Vakzinen, die hierzulande hauptsächlich eingesetzt werden, weltweit bereits Milliarden Dosen verimpft wurden.

Für Thomas Lingelbach ist solche Skepsis aus wissenschaftlicher Sicht nicht nachvollziehbar: "Alle zugelassenen Impfstoffe sind sicher und wirksam", sagt der Experte, der seit 30 Jahren Impfstoffe entwickelt: "Der Schutz durch diese Impfstoffe überwiegt bei weitem alle Risiken."

Gewichtige Expertenstimme

Lingelbachs Einschätzung hat besonders viel Gewicht. Denn er ist österreichischer Geschäftsführer des französisch-österreichischen Pharmaunternehmens Valneva, wo man seit April 2020 mit inaktivierten Viren an einem "traditionellen" Impfstoff gegen Covid-19 arbeitet, umgangssprachlich auch als "Totimpfstoff" bezeichnet.

Im konkreten Fall dieses Vakzins wird dem Immunsystem des Körpers das gesamte abgetötete Virus präsentiert. Diese Herangehensweise ist seit 70 Jahren erprobt und wird auch bei Impfungen gegen andere Krankheiten eingesetzt. Doch in der EU ist noch keiner dieser "Totimpfstoffe" zugelassen.

Novavax und Valneva

Gleich zwei Hersteller solcher Impfstoffe haben kürzlich wichtige Phase-III-Studienergebnisse veröffentlicht, die entscheidend für die Zulassung sind: Am Montag präsentierte Valneva die Daten für den Impfstoff VLA2001 im direkten Vergleich mit dem Impfstoff Vaxzevria von Astra Zeneca. Und bereits letzte Woche publizierte der US-Hersteller Novavax seine Ergebnisse für den Impfstoff NVX-CoV2373, der im Gegensatz zum Vakzin von Valneva aus inaktivierten Virenpartikeln und nicht aus ganzen Viren besteht und vom Hersteller offiziell als "rekombinanter Nanopartikel-Impfstoff" bezeichnet wird.

Laut der in Mexiko und den USA durchgeführten Studie mit 30.000 Teilnehmern reduziert NVX-CoV2373 das Risiko für symptomlose Infektionen oder leichte Erkrankungen um mindestens 83 Prozent, wie auch bereits in einem Preprint berichtet wird.

Der Impfstoff von Novavax könnte noch 2021 in Europa zugelassen werden.
Foto: AP / Alastair Grant

Das Risiko für eine mittelschwere bis schwere Erkrankung sinkt sogar um mindestens 87 Prozent. Novavax hat bereits im Februar einen Antrag bei der EMA gestellt, der zuständigen europäischen Behörde. Mit einer Zulassung in der EU ist wohl noch dieses Jahr zu rechnen, was den Tennisspieler Dominik Thiem freuen wird, der – warum auch immer – auf dieses Vakzin warten will.

Valnevas Studiendesign war etwas anders, wie Thomas Lingelbach erklärt. Denn es gilt in Europa wegen der Pandemiesituation als unethisch, Studien mit Placebo-Impfstoffen durchzuführen. Sprich: Alle Probanden müssen einen echten Impfstoff erhalten. Also verglich man die Wirkungen von VLA2001 mit jenen von Vaxzevria, dem Impfstoff von Astra Zeneca – und zwar an 4012 britischen Erwachsenen.

"Äußerst ermutigend"

Die Ergebnisse, bisher nur in Form einer Presseaussendung kommuniziert, fielen durchwegs positiv aus: Die Antikörpertiter, die als relativ zuverlässiger Indikator für einen Immunschutz gelten, waren nach zwei Impfungen beim Valneva-Vakzin höher, und die gemeldeten Nebenwirkungen fielen geringer aus. In den Worten von Adam Finn (Uni Bristol), dem Leiter der Studie: Die "geringe Reaktogenität und die starke funktionelle Antikörperantwort sowie die breiten T-Zell-Reaktionen" seien "beeindruckend und äußerst ermutigend".

Das ließ auch gleich einmal die Valneva-Aktien gehörig nach oben schnellen, auch wenn die Studiendaten erst noch offiziell publiziert werden müssen (geplant für Anfang November) und weitere Teilstudien an über 55-jährigen und zwölf- bis 18-jährigen Probanden noch am Laufen sind.

Wann der Impfstoff dann in der EU zugelassen und verfügbar sein wird, mag Lingelbach deshalb noch nicht prognostizieren. Er rechnet aber damit, dass dies erst im ersten Quartal 2022 geschehen wird. Erstens muss noch der formelle Antrag bei der EMA gestellt werden, und zweitens will man dort auch die Daten für die über 55-Jährigen abwarten. Etwas weiter ins man in Großbritannien: Dort dürfte die Zulassung durch die MHRA bereits in diesem Jahr erfolgen.

Mit Großbritannien hat man indes ein anderes Problem: Obwohl die britische Regierung bereits viel Geld in den Impfstoff investiert hat, ist sie im September, also kurz vor den Resultaten der Phase-III-Studie, aus den Verträgen mit Valneva wieder ausgestiegen.

Vertrag mit EU fehlt noch

Einen Vertrag mit der EU gebe es trotz monatelanger Verhandlungen freilich auch noch nicht, räumt Lingelbach ein, der eine klare Zielgruppe für seine "alternative Impfstofflösung" im Auge hat: Laut Umfragen gebe es drei bis fünf Prozent, die sich nur mit einem "Totimpfstoff" gegen Covid-19 impfen lassen wollen. Allen anderen, die nur unschlüssig sind, rät er gebetsmühlenartig zur möglichst baldigen Impfung mit den bereits zugelassenen Vakzinen, denn "jede Impfung gegen Covid-19 ist besser als keine Impfung."

Der Impfstoff von Valneva schnitt im direkten Vergleich mit jenem von Astra Zeneca sehr positiv ab. Mit einer Zulassung in der EU ist aber vermutlich erst Anfang 2022 zu rechnen.(Klaus Taschwer, 20.10.2021)