Alle wollen weh, nur Mara (Henriette Confurius) will bleiben: "Das Mädchen und die Spinne" von Ramon und Silvan Zürcher.

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Eine junge Frau zieht aus, verlässt eine WG. Das genügt in Das Mädchen und die Spinne, um die emotionale Feinabstimmung eines illustren Ensembles zu studieren: Mit dem Ein- und Auspacken von Möbeln, dem Kommen und Gehen von Figuren, mit Blicken und dem Aneinander-Anstreifen, mit Allianzen und Entfremdungsmomenten wird raffiniert eine Geschichte des Übergangs erzählt. Einzig Mara (Henriette Confurius), die keine Veränderung will, leistet stur Widerstand im beweglichen Miteinander.

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Nach ihrem gefeierten Debüt Das merkwürdige Kätzchen (2013) demonstrieren die Brüder Ramon und Silvan Zürcher mit ihrem neuen filmischen Kammerspiel ein weiteres Mal, mit wie viel Witz und Übersicht sie von Irritationen und kleinen Manipulationen zu erzählen vermögen. Auf der Berlinale gab es dafür den Preis für die beste Regie der Sektion "Encounters".

STANDARD: "Das Mädchen und die Spinne" ist gemeinsam mit "Das merkwürdige Kätzchen" als Trilogie konzipiert. Geht es um eine Ausweitung der Konstellationen, um Aufbruch und Befreiung?

Ramon Zürcher: Der konzeptuelle Gedanke einer Trilogie ist eigentlich erst beim Schreiben gekommen. Silvan hat nach dem Kätzchen an der Spinne zu arbeiten begonnen und ich an Der Spatz im Kamin. Da existierten die drei Filme noch unabhängig voneinander, aber dann sind uns die formalen Ähnlichkeiten aufgefallen: etwa dass der erste an einem Tag spielt, der zweite an zwei, der dritte an drei Tagen; und dass es insgesamt um kammerspielartige Grundsituationen geht. Inhaltlich gab es beim Kätzchen und beim Spatz die Familie im Zentrum, bei der Spinne die Ersatzfamilie, die WG, die Freundschaften. So kam ganz assoziativ das Gefühl auf, dass die drei Filme verwandt sind. Dass sie wie Geschwister sind, danach haben wir auch die Tiere als eine Art Begründung verstanden, eine inhaltliche Bewegung.

Ramon undSilvan Zürcher (geboren 1982) sind Zwillingsbrüder aus Aarberg im Kanton Bern und haben an der Berliner Filmhochschule (DFFB) studiert.
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STANDARD: Die in welche Richtung tendiert?

Ramon Zürcher: Für mich ist es ein wenig wie eine Reise, die fort von der gefangenen Mutter aus dem Kätzchen hin zu einer Befreiung führt, bei der so etwas wie eine Utopie möglich wird. Ein freieres Leben, mit weniger Regeln. Aber eigentlich ist es schwierig, so etwas wie ein Etikett zu finden, weil es bei uns ja wie in den meisten Filmen um menschliche Beziehungen geht.

STANDARD:Wie sind Sie auf das Motiv der Spinne gekommen? Sie ist janicht angstbesetzt, sondern fast so etwas wie ein Teil der WG.

Silvan Zürcher: Bei den Tieren geht es um ein Spiel mit Assoziationen, bei der Spinne denkt man sofort auch an das Spinnennetz. Uns war bald klar, dass wir diesmal verschiedene Figuren und Wohnungen verweben wollen und dass wir im Unterschied zum Kätzchen den räumlichen Radius und die Figurenpalette ausweiten, um wie bei einem Baukasten zu experimentieren: Was passiert im Labor, wenn man einen der Parameter verändert? Da lag das dramaturgische Prinzip vom Verweben nahe – es geht jetzt aber mehr um Beziehungen, die zu Ende gehen; darum, dass die Welt brüchig ist und Dinge kaputtgehen. Es gibt ein destruktives Potenzial, eine Zerstörungskraft, aber die Spinnwebe bleibt als Spur zurück. Das fanden wir in einem poetischen Sinn schön.

STANDARD: Wie schon das "Kätzchen" ist auch dieser Film präzise inszeniert, die Entfremdungs- und Eifersuchtsmomente der Figuren werden oft indirekt, durch Blicke und räumliche Manöver gespiegelt. Wie genau ist das alles inszenatorisch vorbereitet?

Silvan Zürcher: Auf der Ebene des Drehbuchs sind die Choreografien schon in einer idealen Form mitgedacht. Meistens ist es so, dass wir an Originalmotiven drehen, da müssen dann Anpassungen stattfinden. Diesmal war es jedoch so, dass wir die Orte in der Realität nicht gefunden haben, also haben wir uns dazu entschieden, sie in einer Halle nachzubauen. Die Wohnungen wurden so gebaut, wie wir sie im Kopf hatten ...

Ramon Zürcher:... und meistens ist es am Drehtag dann so, dass ich mir auch einen Animationsfilm im Kopf zusammenbaue, sodass ich die Ausgangslage habe, um dann mit den Schauspielern in den Proben zu überprüfen, ob das funktioniert. Gegenstände und Aktionen sind so gebaut, dass die Mise en Scène ein Futter hat – damit es keine Mise en Scène der Mise en Scène wegen wird. Es geht vor allem um Gegensätze von Bewegung und Statik, der Raum ist dann wie ein weißes Papier, das man in der Tiefe, auch von links und rechts ausfüllt.

STANDARD: Kann man auch von einer Geometrie der Beziehungen sprechen – es gibt ja zwischen den Figuren gewisse Nachbarschaftsverhältnisse?

Ramon Zürcher: Das Geometrische der Figuren ist hier vor allem auf Mara und Lisa bezogen: Mara ist der statische Körper, Lisa der Bewegungskörper. Die anderen Figuren ordnen sich je nachdem zu, ob sie zum Umzug tendieren oder ihn wie Mara behindern. Sie will ja den Status quo beibehalten und sucht ihre Verbündeten.

STANDARD: Kann man sie als Saboteurin bezeichnen? Sie agiert enigmatisch und äußerst eigensinnig ...

Ramon Zürcher: Sie hilft nicht mit, den Schrank hinunterzutragen. In der neuen Wohnung kratzt sie lieber in die Anrichte, als zu putzen, und drückt Zigaretten auf dem Geländer aus. Alles, was in diesem Kosmos Bewegung ist, ist aus Maras Perspektive eine antagonistische Kraft. Ihr Protagonismus wäre die Statik.

STANDARD: Wissen Sie mehr über die Figuren, als Sie zeigen?

Silvan Zürcher: Wir haben Hilfsmittel beim Schreiben. Beim abgeschlossenen Film ist es aber nicht so, dass wir mehr wissen. Schon beim Kätzchen war es, als wäre der Erzähler wie ein Alien in eine Situation gesetzt worden. Ich finde es schön, wenn der Erzähler sich die Handlung wie ein zersprengtes PDF zusammenbasteln muss. Das ist wie in der außerfilmischen Realität, in der man auch nicht elegant vor fertige Bilder gesetzt wird.(INTERVIEW: Dominik Kamalzadeh, 22.10.2021)