In Israel bringen Drohnen teilweise schon das Mittagessen.

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Sushi ist eher keine klassische Picknickspeise, umso weniger in der Tel Aviver Mittagshitze. Das Paket, das nun an einem Strand im Norden Tel Avivs unter den Augen vieler Journalisten geöffnet wird, enthält aber genau das: Reis, rohen Fisch und Avocadorollen mit Mayonnaise. Die leicht verderbliche Kost hat vor nur zehn Minuten die Küche verlassen. Auf der Straße hätte die Zustellung, je nach Tageszeit und Transportmittel, zwanzig bis vierzig Minuten gedauert. Zum Glück kam das Essen per Drohne.

Viel wurde über eine Zukunft mit Lieferdrohnen berichtet, von einem Regelbetrieb kann aber auch in Israel noch keine Rede sein. Der Mittelmeerstaat ist aber auf dem besten Weg dorthin. In einer großangelegten Test serie namens Israelische Drohneninitiative (Indi) rollt ein Verbund die Transportlogistik der Zukunft aus. Derzeit findet Testetappe drei von acht statt. Schon bald seien es 9000 Lieferdrohnen, die im Testbetrieb in den Himmel geschickt werden, sagt Libby Bahat, Leiter der Abteilung für Fluginfrastruktur in der israelischen Luftfahrtbehörde. "Wir haben erst über ländlichen Gebieten getestet, aber sobald wir uns sicherer waren, begannen wir auch den Luftraum über dichter besiedelten Gegenden zu nutzen", sagt Bahat, sodass aktuell schon der dichtbesiedelte Großraum Tel Avivs genutzt wird. Bereits Ende nächsten Jahres könnten mehrere Drohnen-Airlines kommerziell durchstarten.

Stauumflieger

In der Drohne sehen Verkehrsplaner nicht nur eine emissionsarme Alternative zu anderen Transportmitteln. In Israel drängt das Problem auch wegen der immer länger werdenden Verkehrsstaus. Die Bevölkerung wächst rasch an, immer mehr Naturfläche wird mit mehrspurigen Autobahnen überzogen, doch der Straßenbau kann mit der Zunahme an Autofahrten nicht mithalten. Allein seit Beginn der Epidemie ist die Straßennutzung um 27 Prozent angestiegen. Unter anderem liegt das daran, dass einige Israelis jenen Teil des Haushaltsbudgets, der in pandemie-freien Jahren in den Familienurlaub fließt, nun in einen weiteren Wagen investierten.

Ein Kontrollraum der nationalen Drohneninitiative in Tel Aviv.
Foto: AP/Oded Balilty

Vor allem in medizinischen Notfällen wird die Verkehrsüberlastung zum Problem. Daher gehört der Gesundheitsbereich neben der Sicherheitsbranche zu den ersten Sektoren, die in Israel schon jetzt im Rahmen des Testbetriebs auf Drohnenlieferungen setzen. Allein in der ersten Epidemiewelle im Jahr 2020 wurden rund 700 Pakete mittels unbemannter Fluggeräte zugestellt, sagt Libby Bahat.

Mehrere Krankenhäuser konnten auf diese Weise die Bedarfsspitzen an Covid-19-Testkits, Blut- und Plasmaspenden oder Mund-Nasen-Schutz auf unkomplizierte Weise abdecken. In Zukunft könnte der Drohneneinsatz ausgeweitet werden: Naheliegende Anwendungen seien etwa dringend benötigte Insulin abgaben für Diabetespatienten oder Gegengiftlieferungen bei Schlangenbissen. Alle israelischen Krankenhäuser planen schon Drohnenflugplätze auf ihren Arealen ein oder haben sie bereits integriert, sagt Bahat.

Israel ist nicht das einzige Land, das an einer zivilen Drohneninfrastruktur arbeitet. Während anderswo große Konzerne aber jeweils ihre eigenen Pläne schmieden, arbeiten die Anbieter in Israel verschränkt. Es gibt bereits mehrere Serviceprovider für Drohnenbetreiber, sodass private Drohnen-Transportunternehmen sich künftig den jeweils günstigsten oder zuverlässigsten Provider aussuchen können. Jede Drohne, die abhebt, muss sich über einen solchen Provider Zugang zum Luftraum verschaffen. Koordiniert wird das von einer zentralen Drohnen-Luftfahrtbehörde, die sich in Israel aus Sicherheitsgründen eng mit der Luftwaffe abstimmen muss.

Ein teilnehmendes Unternehmen ist das Software-Start-up High Lander, das schon heute in vielen Ländern private Flugsicherungsdienste für etliche Drohnentypen anbietet – vor allem für Sicherheits- und Medizinunternehmen. Schon bald könnten private Zustellungen im größeren Stil möglich sein, meint Start-up-Gründer Alon Abelson.

Optimierung immer und überall

Teil der Drohneninitiative sind neben der Luftfahrtbehörde auch die Autobahngesellschaft Ayalon sowie die israelische Innovationsbehörde. Die Testergebnisse fließen jeweils in die Arbeit der Legisten im Verkehrsministerium ein, die die Erfahrungen wiederum nutzen, um den gesetzlichen Rahmen für die künftige Drohnenluftfahrt zu optimieren.

Israel nimmt für die Drohneninitiative umgerechnet mehr als fünf Millionen Euro in die Hand, um eine nationale Infrastruktur aufzubauen. Die Flughöhe darf hundert Meter nicht überschreiten, das durchschnittliche Liefergewicht liegt derzeit bei fünf Kilogramm. Zwar schaffen die meisten Drohnentypen rund 25 Kilo Nutzlast, allerdings ist dabei das Gewicht der Drohne einberechnet. "Wir schicken Drohnen aber aus Sicherheitsgründen noch mit Fallschirm in die Luft, und das drückt aufs Gewicht", sagt Bahat.

Da Israel in ständiger Kriegs- und Terrorgefahr schwebt, hat das Land viel Erfahrung mit der militärischen Nutzung unbemannter Fluggeräte gesammelt. Diese Expertise kommt der Nation nun auch in der Transportlogistik zugute. Unternehmer Abelson, der sein Drohnenprojekt nach mehreren Jahren Mitarbeit in der israelischen Flugsicherung gegründet hat, denkt aber schon weit über Landesgrenzen hinaus: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in zehn Jahren auch transatlantische Drohnenlieferungen sehen werden." (Maria Sterkl, 24.10.2021)