Das dritte Quartal wird für viele Autobauer höchst unerfreulich. Der VW-Konzern muss mit minus 25 Prozent bei den Verkäufen leben, Mercedes trifft es mit 28 Prozent, BMW verkaufte gut zwölf Prozent weniger Autos als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, beim französischen Autobauer Renault dürfte heuer eine halbe Million Fahrzeuge weniger vom Band laufen als geplant.

Die Chipkrise hinterlässt deutliche Spuren. Sie trifft die Autobauer mitten im Umbau in Richtung zu mehr E-Mobilität. Vor allem in der Autonation Deutschland flackern neue Sorgen um großflächigen Stellenabbau auf. Volkswagen-Chef Herbert Diess hat unlängst mit Aussagen zu möglichen Stellenstreichungen scharfen Protest des Betriebsrats ausgelöst. Dieser soll Ende September im Aufsichtsrat vor dem Szenario eines Abbaus von bis zu 30.000 Stellen in Deutschland gewarnt haben. Kein Thema, keine entsprechenden Pläne, ruderte der Konzern zurück.

Die Wogen gehen vor wichtigen Beschlüssen am 12. November im VW-Aufsichtsrat über Investitionen für die nächsten fünf Jahre hoch. Auch an den heimischen Zulieferern geht all das nicht spurlos vorbei.

Nicht nur bei europäischen Autobauern führt der Chipmangel dazu, dass weniger Autos von den Bändern laufen – es trifft auch Österreichs Zulieferer, die Bauteile beisteuern.
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Zuletzt griffen wieder immer mehr Betriebe zum Kriseninstrument Kurzarbeit. Das Opel-Getriebewerk in Wien Aspern, der Laakirchner Zulieferer Miba, Stiwa in Gampern in Oberösterreich, BMW in Steyr, Magna in der Steiermark, das seit kurzem im Eigentum von Siegfried Wolf stehende MAN-Werk in Steyr – sie und andere reagieren so auf den seit Monaten schleppenden Nachschub an Chips, die aus heutigen Autos nicht mehr wegzudenken sind. Überall dort, wo Bordelektronik drin ist, braucht es Sensoren.

Geliefert werden sie den Autozulieferern in Vorprodukten verbaut – als elektronische Steuerung für Lüftungen oder Klimaanlagen oder das Beleuchtungssystem. Auf dem Weg zum rot-weiß-roten Zulieferbetrieb – der wiederum einen Wertschöpfungsschritt hinzufügt – kann derzeit viel passieren.

Versorgungsengpässe nicht nur bei Chips

Denn gekämpft wird an vielen Fronten: Zum Chipmangel kommt der da und dort aufkeimende Mangel an Rohstoffen oder ein deftiger Preisanstieg. Das gilt auch für die Frachtkosten, die sich vervielfacht haben, immer wieder fallen auch Kapazitäten durch Corona-bedingte Stillstände – etwa in Häfen – aus.

Für die 900 heimischen Betriebe mit ihren rund 81.700 Beschäftigten bedeutet dies eine Achterbahnfahrt. Denn zu den Problemen auf Zulieferseite kommen jene aufseiten der Abnehmer: Was von den großen Autobauern bestellt worden ist, wird oft nicht abgerufen – kurzfristig. Deswegen reagieren die Betriebe mit Urlaubsabbau, Kurzarbeit oder Umschichten, meint etwa Axel Preiss, Leiter Advanced Manufacturing & Mobility beim Berater EY. Wobei die staatliche geförderte Kurzarbeit, die in der Phase fünf angekommen ist, wohl eines der wichtigsten Instrumente ist.

Kurzarbeit

15 Prozent der Betriebe gaben im jüngsten Wifo-Konjunkturtest zu Protokoll, für rund die Hälfte ihrer Leute Kurzarbeit in Anspruch zu nehmen, sagt Clemens Zinkl von der Arge Automotive Zulieferindustrie. Wie viele Beschäftigte aus der Automotiven Zuliefererbranche derzeit exakt in Kurzarbeit sind, ist dennoch allenfalls zu schätzen, denn viele der Betriebe beliefern etwa neben der Autoindustrie auch die Luftfahrtbranche.

Einige tausend Beschäftigte sind wieder in Kurzarbeit. Mancher fürchtet wohl um seinen Job.
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Eine Annäherung erlauben aktuelle Daten des AMS. Demnach liegen dem AMS am Stichtag 21. Oktober KUA-Anträge für 29.070 Beschäftigte vor, wovon 22.701 der Warenherstellung, der Rest dem Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kfz zuzurechnen sind. Dazu kommen in diesem Segment 9.793 Personen, die vom Anfang der Phase 5 Anfang Juli bis zum Stichtag gefördert worden sind. Es werden einige Tausend Beschäftigte sein, die seit einigen Monaten direkt von der Misere betroffen sind.

Fallen diese Jobs womöglich mittelfristig weg? Die Unternehmen würden alles daran setzen, die Leute zu halten, beteuert Zinkl, denn für die auf Spezialprodukte fokussierte Branche seien die gut ausgebildeten Mitarbeiter das Um und Auf. Wird sich die Lage zuspitzen? Schwer zu sagen, meint Zinkl und verweist auf weitere Druckstellen.

Engpässe bei Rohstoffen

Das Umsteuern Richtung mehr E-Mobilität würde wohl zu Engpässen bei anderen Rohstoffen führen. Aluminium etwa oder Magnesium. Das sehen auch andere so. So deutet laut dem Kepler-Cheuvreux-Analysten Michael Raab einiges darauf hin, dass China Beschränkungen für den Export von Magnesium verhängt habe – ausgelöst durch die Energieknappheit vor Ort, da die Verfahren zur Trennung des Magnesiums von den Verbindungen, in denen es enthalten ist, vergleichsweise energieintensiv sei.

Laut Wirtschaftsvereinigung Metalle könnten die europäischen Magnesiumvorräte bis Ende November erschöpft sein. Magnesium gehört aber inzwischen auch zu den Werkstoffen, die für die Autoindustrie ein wichtiger Bestandteil im Leichtbau sind.

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Der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer warnt davor, "aus jeder kurzfristigen Knappheit oder höheren Preisen "ein Weltuntergangsszenario" zu machen. Die wahre Knappheit seien die Halbleiter. "Das zu beseitigen, dafür braucht es halt Zeit. Die große Unbekannte ist Corona und nicht Holz, Magnesium oder Öl." Dudenhöffer geht wie andere davon aus, dass die Knappheit bei den Chips erst im Jahr 2023 abklingen wird: "Der Grund ist, dass es einfach drei Jahre braucht, bis neue Produktionen aufgebaut sind und laufen. Derzeit ist der Ausbau in der Umsetzung. Und viel wird in China entstehen."

Optimiert

EY-Mann Axel Preiss geht nicht davon aus, dass der heimischen Zuliefererbranche noch gröberes Ungemach dräut. "Die großen Autobauer haben wohl im vergangenen Jahr bereits optimiert, was geht." Dafür spricht, dass in den vergangenen Quartalen trotz gesunkenen Absatzes und weniger Neuzulassungen Aktienkurse, Gewinne und Margen gestiegen sind. Auch die heimischen Zulieferer hätten grosso modo auf die Probleme reagiert. Preiss verweist auf den sprunghaften Anstieg bei den Stromern. Im September wurden erstmals mehr E-Autos als Diesel neu zugelassen. Probleme bekämen nur jene, die nicht auf den E-Mobilitätszug aufspringen würden.

Der US-Autobauer Tesla hat ebenfalls einen Weg gefunden, um auf den Chipmangel zu reagieren. Einige Modelle in den USA werden um bis zu 5000 Dollar teurer. (Regina Bruckner, 25.10.2021)