Orale Drogenersatzmedikamente würden auch die Gefahren durch Injektionen verhindern.

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Grundlsee/Wien – 1987 wurde in Österreich die Drogenersatztherapie mit oralen Opioid-Substitutionsmitteln per Erlass geregelt. Ende 2020 befanden sich laut den Zahlen des Gesundheitsministeriums 19.233 Opiatabhängige in Therapie. Doch die Entwicklung stagniert. Die Krankenkassen zahlen die innovativste Therapie nicht. Probleme bei den behandelnden Ärzten sind absehbar, hieß es am Wochenende beim Interdisziplinären Symposium zur Suchterkrankung in Grundlsee in der Steiermark.

"Wir haben derzeit eine sehr gute Versorgungssituation der Patienten. Es gibt aber Regionen, wo die Patienten sehr weite Wege (zur Behandlung beziehungsweise Verschreibung der Substitutionsmittel; Anm.) haben. Das wird sich in den nächsten Jahren möglicherweise massiv verschärfen", sagte Norbert Jachimowicz, Leiter des Referats für Substitutionsangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer.

Weniger Erstbehandlungen

Speziell für Abhängige mit risikoreichem Opiatkonsum ist die Drogenersatztherapie mit vom Arzt verschriebenen Substitutionsmitteln (zum Beispiel Methadon, Buprenorphin, retardiertes Morphin et cetera) die beste Möglichkeit, langfristig mit ihrer Krankheit zurechtzukommen. Die bisher vor allem oral einzunehmenden Medikamente verhindern Suchtgiftkonsum durch Injizieren mit der Gefahr von HIV- oder Hepatitis-Infektionen, reduzieren das Mortalitätsrisiko (akute Überdosierungen), bringen die Betroffenen in ärztliche Behandlung und tragen zur sozialen Stabilisierung inklusive eines geregelten Arbeitslebens bei. In Österreich ging man auf der Basis von Schätzungen 2018/2019 von zwischen 31.000 und 37.000 Abhängigen mit risikoreichem Opiatkonsum aus.

Österreich sah sich ab den späten 1980er-Jahren in Europa und international durchaus als Vorreiter. Doch seit Jahren hat sich die Aufnahme von Patienten in die Substitutionstherapie verlangsamt. In Vertretung des zuständigen Referenten Franz Pietsch stellte in Grundlsee Andreas Weinseiss (Gesundheitsministerium) die aktuellsten Daten vor: Ende 2020 waren in Österreich 19.233 Patienten in Opioid-Erhaltungstherapie (OEH). Das waren weniger als 2019 (19.587). Erstbehandlungen gab es 2020 nur noch 297, im Jahr zuvor waren noch 1.197 Erstbehandlungen registriert worden. 2018 hatten sich 19.216 Personen in oraler Substitutionstherapie befunden.

Strukturen hängen von Bundesländern ab

Die Corona-Pandemie hätte 2020 wahrscheinlich zu dem Ergebnis beigetragen, hieß es bei dem Symposium in Grundlsee. Allerdings ist die Plateaubildung laut den Zahlen zumindest schon seit 2018 zu erkennen. Auch zuvor gab es kaum Veränderungen. Zwischen 2015 und 2017 stieg die Zahl der OEH-Patienten nur langsam von 17.599 auf 18.632. Allein von 2009 auf 2010 hatte es beispielsweise einen Sprung von 14.201 auf 15.798 Behandelte gegeben.

Was in Österreich womöglich hinderlich ist, sind die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Strukturen. In Österreich erfolgen 71 Prozent der Substitutionstherapien über Allgemeinmediziner, 29 Prozent via Fachärzte. Am höchsten ist der Anteil der Allgemeinmediziner mit der wohnortnahen Versorgung in Wien (88 Prozent), am geringsten in Salzburg (acht Prozent). In Kärnten existieren nur zwei Ambulanzen und ein Facharzt, der auf diesem Gebiet tätig ist. Auch die Häufigkeit der Verschreibung der verschiedenen Substitutionsmittel (Methadon, Levomethadon, Buprenorphin, Buprenorphin plus Naloxon, retardiertes Morphin) schwankt von Bundesland zu Bundesland. Warum sich die Bundesländer voneinander hier unterscheiden, ist medizinisch kaum erklärbar.

Österreich hinkt hinterher

Deutlich gegenüber anderen Ländern, zum Beispiel Deutschland, im Rückstand ist Österreich, was das innovativste Substitutionsmedikament betrifft: unter die Haut (subkutan) zu injizierendes Buprenorphin. Eine Injektion hält eine Woche oder einen Monat an. "Die lange wirksame Therapie ist wohl vor allem bei stabilen Patienten angebracht", sagte Michael Soyka von der Psychiatrischen Klinik der Universität München. In Deutschland steht das Medikament seit zwei Jahren in Verwendung.

Die Situation in Österreich: Die Krankenkassen lehnen bisher die Übernahme der Kosten ab. "Ich habe mir das zeitweise selbst gezahlt", sagte ein Patient bei dem Symposium. Das ist nur den wenigsten Opiatabhängigen möglich. Sowohl der Patient als auch ein Arzt aus Oberösterreich berichteten davon, dass Ärzte einen Brief von der Krankenkasse bekommen hätten, in dem sie aufgefordert worden seien, das Depot-Buprenorphin wegen Kosten und aus verhandlungstechnischen Gründen nicht mehr neu zu verschreiben.

Rechtslage klar

Dagegen stehen die Vorteile, so Soyka: Die Patienten müssen nicht mehr ständig in die Apotheke. Eine Weitergabe dieses Substitutionsmittels als missbräuchliche Verwendung ist unmöglich. In Studien wurde eine hohe Behandlungstreue der Patienten nachgewiesen. Beruf und Reisen werden einfacher. Auch in Haftanstalten könnte das Depot-Buprenorphin positive Effekte (Handel mit Ersatzdrogen et cetera) haben.

Der österreichische Gesetzgeber hat bereits gehandelt: Laut dem geltenden Recht kann eine Drogenersatztherapie nicht mehr nur oral erfolgen. Jachimowicz: "Eigentlich tut die Gesundheitskasse da etwas entgegen den Intentionen des Gesetzgebers."

Im Hintergrund stehen offenbar die Preisverhandlungen zwischen dem Dachverband der Sozialversicherungsträger und der Pharmaindustrie. Auch auf anderen Gebieten der Psychiatrie sei Österreich mit innovativen Arzneimitteln nicht mehr optimal versorgt, stellte der Wiener Psychiater Lukas Pezawas (MedUni Wien) fest. So sei beispielsweise bei den Behandlungsmöglichkeiten für therapieresistente Depressionen in Österreich seit Jahren kein neues Arzneimittel mit Kassenerstattung hinzugekommen. (APA, 25.10.2021)