Bavaria hat das Nest in Berchtesgaden verlassen und ist mittlerweile auf Erkundungstour durch Österreich.

Foto: LBV / Markus Leitner

Bavaria und Wally sind Spätzünderinnen. Eigentlich wurde im Nationalpark Berchtesgaden erwartet, dass die beiden Bartgeierdamen Mitte September auf und davon fliegen. Doch die beiden Greifvogelweibchen, die im Juni am Hintersee in der Ramsau ausgewildert wurden, haben sich Zeit gelassen, bis sie die Felsnische im Klausbachtal verlassen haben.

"Wir mussten immer öfter scherzhafte Fragen von Geierfans beantworten, ob wir Wally und Bavaria zu gut füttern würden", berichtet Projektleiter Toni Wegscheider schmunzelnd. Junge Bartgeier besitzen einen angeborenen Wandertrieb und erkunden in den ersten Lebensjahren tausende Quadratkilometer Gebirgsraum auf der Suche nach Nahrung, einem eigenen Revier oder einem künftigen Partner zur Fortpflanzung.

Bartgeier fliegt von Gipfel zu Gipfel

Nun dürfte es jedenfalls für Bavaria so weit sein. Die Geierdame ist Richtung Wien aufgebrochen und hat in der Vorwoche dem Schneeberg einen Besuch abgestattet. Für den Flug von 230 Kilometern brauchte sie drei Tage. Mittlerweile zieht es die Bartgeierdame offenbar wieder mehr gen Westen, sie ist nun im Wildnisgebiet Dürrenstein an der steirisch-niederösterreichischen Grenze unterwegs. Wally hingegen fliegt noch im Nationalpark Berchtesgaden ihre Runden, ihre weitesten Streifzüge waren bislang der Untersberg, das Hagengebirge und der Hochkönig im Salzburger Land.

Die beiden Großcousinen sind mit GPS-Sendern ausgerüstet, und ihre Flugrouten werden online auf einer Karte dargestellt. So können neben den Biologen auch Interessierte den weiteren Lebensweg der Vögel mitverfolgen. Dank ihrer eindeutigen Flügelmarkierungen sind sie auch mit dem Fernglas zu erkennen. Wally hat zwei helle Stellen am rechten Flügel, Bavaria hat zwei gebleichte Stoßfedern am Schwanz.

Fast drei Meter Flügelspannweite

Als die beiden Geiermädels aus spanischer Nachzucht im Juni in der Halsgrube ausgewildert wurden, waren sie drei Monate alt und konnten noch nicht fliegen. In Tragekisten wurden sie zu Fuß zu der Felsnische gebracht. Das Projekt wird vom bayerischen Landesbund für Vogelschutz und dem Nationalpark Berchtesgaden betrieben.

Mit fast drei Metern Flügelspannweite gehört der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Geier gefürchtet und im gesamten Alpenraum ausgerottet. Nach 100 Jahren sollen sie mit Wiederansiedelungsprojekten nun wieder heimisch werden. Derzeit leben rund 300 Bartgeier im gesamten Alpenraum. Bis zum Jahr 2020 wurden 229 Jungtiere ausgesetzt, davon 63 in Österreich. Bartgeier sind reine Aasfresser und daher ein wichtiges Glied in der Nahrungskette innerhalb des Alpenraumes. Sie ernähren sich nur von Knochen, die sie dank ihrer starken Magensäure verdauen können. (Stefanie Ruep, 29.10.2021)