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Wählte das "traditionelle" Ende für sich: Yukio Mishima.

Foto: AFP / Picturedesk.com

Aber plötzlich war ihm der Gedanke an Selbstmord gekommen, so wie man auf die Idee kommt, ein Picknick zu machen ..." So lapidar, man möchte fast sagen, leichtsinnig, beginnt Yukio Mishimas Roman Leben zu verkaufen.

Am 29. November 1968 fasst der junge Werbetexter Hanio in einer Snackbar den spontanen Entschluss – ohne triftige Veranlassung, ohne jeden nachvollziehbaren Grund. Weder hat er finanzielle Probleme, noch würde eine unglückliche Liebe ihn dazu bewegen, und selbst, wenn, würde ihn das nicht motivieren, sich das Leben zu nehmen. Nein, es gibt kein Motiv. Kurz darauf spricht Hanio ein junges Mädchen an: "Ich werde heute Abend Selbstmord begehen." Das Mädchen lacht, dann schiebt es ein Stück getrockneten Tintenfisch in den Mund.

Hanios Vorsatz misslingt, im Krankenhaus wacht er auf, nicht in einer tiefen Depression, nein, "eine leere und zugleich großartige, freie Welt" eröffnet sich ihm, der gescheiterte Suizid ist wie eine Befreiung. Er kündigt seinen Job und gibt eine Annonce in der Zeitung auf: "Life for Sale", ein solches Schild hängt er auch an seine Wohnungstür. Dann wartet er ab.

Aber was heißt schon "frei", wenn dieses neue Leben so "leer wie eine unmöblierte Wohnung" ist. Nur dass Hanio keine Verantwortung mehr für dieses Leben zu haben braucht, dass er sich nicht mehr an die Welt gebunden fühlt.

Große Nachfrage

Also was ist mit diesem Leben? Die Nachfrage, es kaufen zu wollen, ist groß. Schon am nächsten Morgen klopft ein älterer Mann an die Tür – der ist von seiner um etliches jüngeren Frau verlassen worden, Hanio soll mit ihr eine Affäre beginnen und so ihren neuen Liebhaber provozieren. Der würde dann Hanio und vielleicht auch die Frau töten, und der alte Mann als Auftraggeber könnte sich daran "ergötzen". "Meinen Sie", fragt er, "Sie können Ihren Tod so raffiniert einfädeln?"

Eigentlich müsste dieser erste Auftrag der letzte sein, aber die Sache geht immer so aus, dass Hanio überlebt und die anderen sterben. Das ist zwar nicht das angestrebte Ziel, und es geht ihm auch nicht um das Geld aus dem Verkauf seines Lebens, aber es ist nun einmal ebenso eine Tatsache wie die Absicht, mit dem Verkauf sein Leben zu beenden.

Vielleicht vertreibt ihm gerade das die Langeweile, und als die nachfolgende Auftraggeberin zu ihm meint, er sei ein seltsamer Mensch, antwortet Hanio entschieden: "Wenn hier jemand seltsam ist, dann Sie."

Einsam und sinnlos

Die Fälle werden freilich immer bizarrer: Es geht um Experimente mit geheimen Substanzen, die Menschen willfährig und todesbereit machen sollen, dann taucht eine Vampirfrau auf, aber auch die überlebt Hanio, schließlich gerät er in einen richtigen Spionagefall, immer mehr Geld wird geboten ... Aber Geld interessiert ihn nicht, wie auch, was sollte er damit anfangen, wenn er ja sein Leben verkauft und dabei draufgehen soll.

Hanios gleichgültiges Leben ist ein einsames und sinnloses Dasein, irgendwann begreift auch er, dass er einer kalten Welt ausgeliefert ist, in der Menschen durch Puppen ersetzt werden sollen. Als ihm am Ende Unbekannte nach dem Leben trachten, bekommt ausgerechnet er plötzlich Angst vor dem Tod.

Man muss Handlungszeit und Entstehungsdatum im Auge haben: 1968, Studentenbewegung, Erschütterung und Umkehr aller tradierten Werte, der Existenzialismus prägt die Literatur. Dabei hat Mishimas Held wenig Verständnis für die Hippiebewegung – die besteht für ihn aus jungen Leuten auf der Suche nach Sinnlosigkeit, die sich aber mit der Sinnlosigkeit gar nicht auseinandersetzen.

Nationalistischer Poseur

Keine Frage, Mishimas Nihilismus kennt eine andere Richtung. Da mag vieles an die französischen Existenzialisten, ein wenig auch an Kafka erinnern, und doch steht Mishima einer japanisch-spirituellen Tradition viel näher: ein nationalistischer Poseur, der nicht nur in Samuraifilmen mitwirkte, der das "traditionelle" Ende auch für sich wählte.

Als er sich mit dem Verlust der Göttlichkeit des japanischen Kaisers und der Entmythisierung japanischer Größe nicht abfinden wollte, unternahm er 1970 einen Putschversuch und beging Seppuku: Er schlitzte sich den Bauch auf und ließ sich gleichzeitig von einem Gefährten enthaupten.

So widersprüchlich er als Autor war, so umstritten seine Rolle als politischer Aktivist, in Japan wurde Mishima zur Literatur-Ikone, und vielleicht hätte er sogar den Literaturnobelpreis erhalten, für den er dreimal nominiert war, wäre nicht 1968 ein anderer Japaner, Yasunari Kawabata, sein Mentor, damit ausgezeichnet worden. Die Anziehungskraft seiner Literatur besteht zweifellos noch immer oder heute erst recht wieder.

2018 hat der Verlag Kein & Aber begonnen, Mishimas bisher nur in wenigen Übersetzungen vorliegendes Werk auf Deutsch zugänglich zu machen. Mit dem Goldenen Pavillon 2019 erschien ein Meisterwerk der Weltliteratur erstmals auf Deutsch. Die jüngste Edition, Leben zu verkaufen, stammt aus dem Jahr 1968, zwei Jahre vor Mishimas rituellem Suizid. Aus dieser Perspektive ist es ein noch abgründigeres Buch, das mit Fortdauer die eigene nihilistische Perspektive sprengt. (Gerhard Zeillinger, ALBUM, 31.10.2021)