Nach einem Jahr im Amt ist von Joe Bidens großen Ambitionen so gut wie nichts mehr übrig.

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Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet, auf dem dann zwei Senatoren über Wochen hinweg genüsslich herumtrampeln: Fast ein Jahr nach seiner Wahl ist US-Präsident Joe Biden angezählt. Die Umfragewerte im Keller, die eigene Partei zerstritten und die Wähler frustriert.

Was hatte Biden seinen Anhängern nicht alles versprochen: Zuschüsse für die medizinische Versorgung, eine kostenlose College-Ausbildung, drei Monate Elterngeld. Von alldem ist jetzt keine Rede mehr. Der Präsident hat sich aus seinen eigenen Reihen erpressen lassen, um von seinen Reformplänen zu retten, was noch zu retten war.

Blamage

Nur zehn Monate nachdem Biden seinen Amtseid abgelegt hat, bleibt der US-Präsident ohne Fortune. Der überstürzte Abzug aus Afghanistan. Der Streit mit Frankreich über den geplatzten U-Boot-Deal. Die Flüchtlingskrise an der mexikanischen Grenze. Und jetzt: die Blamage um seine bis zur Unkenntlichkeit zusammengestutzten Jahrhundertreformen.

Und die Republikaner? Lehnen sich zurück und genießen die Show. Nicht einmal für die Scharfmacher in den rechtskonservativen TV-Networks und Radio-Talkshows bleibt noch viel zu tun. Die Demokraten übernehmen gerade ihre Arbeit und demontieren sich Woche um Woche selbst.

"Kompromiss" sei kein schmutziges Wort, ließ das Weiße Haus zuletzt immer wieder verkünden. Auf einer Wahlkampfveranstaltung am Dienstag in Virginia rühmte sich Biden, man sei hier nicht auf einer Trump-Rallye. Wenn man Amerika schon als Erfolg verkauft, nicht Donald Trump zu sein, weiß man, wie es um eine Präsidentschaft steht. (Richard Gutjahr, 29.10.2021)