Corona ist in Afrika noch weniger besiegt als im reichen Europa.

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Kaum bahnt sich bei der Verfügbarkeit von Covid-Impfstoffen in Afrika eine Entspannung an, kündigt sich auf dem Kontinent ein neuer Notstand bei der Immunisierung von Millionen von Menschen an. Inzwischen drohe ein akuter Mangel an Einwegkanülen, die Impfkampagnen in den 54 Staaten des Erdteils zum Erliegen zu bringen, teilte die Afrika-Direktorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Matshidiso Moeti, mit: Ein Defizit von bis zu 2,2 Milliarden Einwegspritzen sei zu erwarten. "Drastische Maßnahmen zur unverzüglichen Produktion von Kanülen müssen ergriffen werden", sagte Moeti am Donnerstag vor der Presse: "Davon hängen unzählige afrikanische Leben ab."

Die Zahl fehlender Spritzen geht auf Berechnungen des Kinderhilfswerks Unicef zurück. Davon betroffen sind sowohl die 0,5 Milliliter großen Kanülen, die für die meisten Covid-Vakzine und andere Impfungen nötig sind, sowie die 0,3 Milliliter fassenden Spritzen, die für das Pfizer-Biontech-Produkt verwendet werden. Letztere werden derzeit offenbar besonders knapp: Von ihnen gebe es auch keine größeren Lagerbestände. In einigen afrikanischen Staaten wie Kenia, Ruanda und Südafrika käme es wegen des Spritzenmangels bereits heute zu Verzögerungen, sagte Moeti: Wenn die Produktion nicht schleunigst gesteigert werde, sei in den kommenden Monaten mit akuten Engpässen zu rechnen.

Nur sechs Prozent Durchimpfungsrate

Bis heute sind lediglich 77 Millionen Afrikaner gegen Covid immunisiert – weniger als sechs Prozent der 1,3 Milliarden Bewohner des Kontinents. Dagegen sind rund 70 Prozent der Bevölkerung der Industriestaaten geimpft. Der Vakzinmangel in afrikanischen Staaten wird dazu führen, dass lediglich fünf Länder das von der WHO gesetzte Ziel erreichen, bis Ende dieses Jahres mindestens 40 Prozent ihrer Bevölkerung zu immunisieren. Dabei handelt es sich vor allem um kleinere Inselstaaten wie die Seychellen, Mauritius und die Kapverden; außerdem Marokko und Tunesien. Bislang gingen nur 2,5 Prozent der weltweit hergestellten Covid-Vakzine nach Afrika, während die Industrienationen auf riesigen Reserven sitzen und derzeit dazu übergehen, ihre Bevölkerung mit einem dritten "Booster-Shot" noch zusätzlich zu schützen.

Einem Bericht der People's Vaccine Alliance zufolge haben die Industrienationen ihre Versprechungen, Entwicklungsländern insgesamt 1,8 Milliarden Impfstoffdosen zukommen zu lassen, bei weitem nicht erfüllt. Bislang seien dort nur gut 260 Millionen Portionen angekommen. Auch die westlichen Pharmakonzerne hätten lediglich zwölf Prozent der ursprünglich versprochenen Dosen an die Covax-Initiative geliefert, die zu Beginn der Pandemie gegründet worden war, um eine gerechte Verteilung der Impfstoffe zu sichern. Jetzt bahnt sich das Problem an, dass Teile der in den Industriestaaten gebunkerten Vakzine ihre Haltbarkeitsgrenze überschreiten – ohne rechtzeitig in die südliche Erdhalbkugel und zu den noch nicht geimpften Menschen transportiert werden zu können.

Am Freitag haben 160 ehemalige Regierungschefs und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die Industrienationen dazu aufgefordert, bisher nicht benutzte Impfstoffe nach Afrika zu schicken, bevor sie wegen ihres Haltbarkeitsdatums verfallen.

Südafrika produziert Vakzin

Dass dem Mangel an Impfstoffen in Afrika bald begegnet werden könnte, liegt vor allem an der Produktion von 250 Millionen Dosen des Johnson-&-Johnson-Vakzins in Südafrika, die dem Kontinent zugutekommen sollen. Sowie am Erwerb von 110 Millionen Impfstoffportionen des US-Konzerns Moderna seitens der Afrikanischen Union.

Offiziell wurden in Afrika bisher gut 8,5 Millionen Covid-Fälle und über 218.000 Opfer gemeldet. Die tatsächliche Zahl der Ansteckungen liegt nach Auffassung der WHO jedoch siebenmal höher, weil nur ein Bruchteil der Infizierten getestet wird. Mit fast 60 Millionen Fällen liegt Afrika dann in Wahrheit zwischen Nordamerika (56 Millionen) und Europa (64 Millionen) – aus Asien wurden fast 80 Millionen Ansteckungen gemeldet. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 30.10.2021)