FDP-Vorsitzender Christian Lindner sieht in der steigenden Inflation "ein Verarmungsprogramm gerade für Menschen ohne hohes Sachvermögen".

Foto: imago images/Emmanuele Contini

Berlin – Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat sich besorgt über eine verlangsamte wirtschaftliche Erholung in Deutschland und die andauernde Inflation geäußert. "Die Risiken der ökonomischen Gesamtlage werden in der deutschen Politik momentan unterschätzt", sagte Lindner der Deutschen Presse-Agentur. Inflation sei "ein Verarmungsprogramm gerade für Menschen ohne hohes Sachvermögen". Die Bekämpfung der Geldentwertung sei Ausdruck sozialer Verantwortung.

"Die öffentliche Finanzen solide zu halten, ist dafür der wesentliche Baustein", sagte er und warnte mit Blick auf die Europäische Zentralbank (EUB): "Wenn die EZB in das Schlepptau der Fiskalpolitik stark verschuldeter Staaten geraten würde, dann hätte sie kaum Möglichkeiten, die Inflation zu bekämpfen. In den USA deutet sich aus diesem Grund bereits eine Zinswende an, die in Europa schwer realisierbar wäre."

Die Begrenzung von ausufernder Staatsverschuldung müsse daher auch Ziel einer künftigen deutschen Bundesregierung sein, so Lindner. "Deutschland hat hier eine Schlüsselstellung für die Stabilität ganz Europas. Investitionen sind dringend nötig, aber ihre Finanzierung kann nachhaltig solide gelingen, wenn nicht zugleich die Wünsche nach staatlichen Konsumausgaben durch die Decke gehen."

DIW-Chef erwartet Inflationsanstieg

Etwas positiver sieht die Lage der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Er rechnet für Deutschland mit einem kurzfristigen Anstieg der Inflation bis Jahresende und einer anschließenden Entspannung. "Ich gehe davon aus, dass sich die Teuerung zum Jahresende bis auf fünf Prozent bewegen könnte", sagte Fratzscher der "Augsburger Allgemeinen" (Samstagsausgabe).

Allerdings dürfe man die Entwicklung nicht überbewerten, so der Ökonom: "Wir rechnen für das gesamte Jahr 2021 mit einer Inflationsrate von drei Prozent, was nicht dramatisch ist." Das DIW gehe davon aus, dass für Deutschland in 2022 eine Teuerung von 2,5 Prozent anstehe. Die Chancen stünden gut, dass sich die Inflation wieder auf etwa zwei Prozent einpendele. "Wir sollten also einen kühlen Kopf bewahren und nicht in Inflationspanik verfallen", so der DIW-Präsident. Fratzscher erklärte auch, dass ohne Steuererhöhungen in Deutschland kein Weg an zusätzlichen Schulden vorbeiführen werde: "Alle Rechnungen zeigen uns, dass der deutsche Staat in den nächsten zehn Jahren jedes Jahr 50 Milliarden Euro für mehr Klimaschutz und den Ausbau der Digitalisierung braucht." (APA, red, 30.10.2021)