Biblische Erzählungen weisen häufig Mehrdeutigkeiten oder Unstimmigkeiten auf, die auch als Unterbrechung oder Leerstelle bezeichnet werden. Derartige Unterbrechungen verunmöglichen ein eindeutiges Verstehen oder nahtloses Lesen des biblischen Textes. Ein sehr anschauliches Beispiel für einen derart fragmentierten Text ist der Ringkampf der biblischen Figur Jakob (Abrahams Enkel) am Jabbok. Diese schwierig zu verstehenden Textpassagen werden zum Teil damit erklärt, dass unterschiedliche historische Überarbeitungsschichten aufeinandertreffen und sich überlagern, oder aber dass sich unterschiedliche Gottesvorstellungen an diesen Stellen begegnen.

Biblische Erzählungen und überwältigende Erfahrungen

Was haben nun biblische Narrative und überwältigende/traumatische Erfahrungen miteinander zu tun? Eine mögliche Verbindung liegt darin, die Bibel als sogenannte Traumaliteratur zu lesen, in der auf mögliche Spuren von überwältigenden Erfahrungen im Text geachtet wird. Um diese herauszuarbeiten, wird in der Theologie häufig die literaturwissenschaftliche Methode der Literarkritik genutzt. Eine weitere Verbindung möchte ich im Folgenden gerne aufzeigen.

Der Psychiater Bessel van der Kolk, der sich auf die Erforschung von Traumata spezialisiert hat, konnte zeigen, dass überwältigende Erfahrungen vorwiegend die linke Gehirnhälfte zu einem großen Teil abzuschalten vermögen, in der auch das Sprachzentrum beheimatet ist, während bilderfassende und emotionale Zentren hochaktiv sind. Van der Kolk findet damit wichtige Brücken, die es uns erlauben, besser zu verstehen, warum uns überwältigende Erfahrungen: "[...] an den Rand unseres Fassungsvermögens [bringen] und es uns unmöglich [machen], mit sprachlichen Mitteln auszudrücken, was uns bewegt."1

Dieses Zitat deutet bereits auf die häufig hingewiesene isolierende Wirkung von überwältigenden Erfahrungen hin und verdeutlicht die Unmöglichkeit, das Erlebte adäquat auszudrücken. Es bedürfe daher eines symbolischen oder narrativen Ausdrucks, da, so meine Interpretation, narrative Darstellungen eher dazu geeignet sind, das Erlebte in abstrahierter Form auszudrücken, wodurch Sprache einen stärkeren Symbolcharakter erhält. Ein solcher Prozess könne zudem dabei helfen, überwältigende Erfahrungen in bestehende "mentale Schemata"2 einzuordnen.

Leerstelle eines Textes: Zwischen biblischen Narrativen und überwältigenden Erfahrungen

Um überwältigende Erfahrungen nun mit den biblischen Narrativen auf eine weitere Art zu verbinden, möchte ich noch einmal van der Kolk zu Wort kommen lassen, der mittels sogenannter Rohrschachtests herausfinden konnte, dass: "Traumatisierte dazu neigen, ihr Trauma in alles, was in ihrer Umgebung geschieht, hineinzusehen und daß sie das, was um sie her geschieht, kaum jemals adäquat verstehen können."3 Bezogen vor allem auf den ersten Teil des Zitates wird deutlich, dass biblische Erzählungen sich durch die darin enthaltenen Leerstellen sehr gut dazu eignen – die Leserin, den Leser geradezu dazu einladen –, die eigene Lebensrealität in das jeweilige biblische Narrativ hineinzulesen.

Aufgrund dieser Besonderheit muss betont werden, dass dieser Prozess des Hineinlegens keineswegs zu einem reibungslos lesbaren Text führt. Eindringlich ist daher darauf hinzuweisen, dass eine ausgleichende Leseweise der Narrative, in der versucht wird, den Text in ein bruchloses Ganzes umzuformen, nicht ermöglicht wird, da sich ein: "Trauma [...] [gegen] eine [...] Einbindung in ein textliches Narrativ sträubt, gerade weil es sich einer Einbindung in ein persönliches Narrativ widersetzt."4 Weiters muss betont werden, dass die zuvor genannten Leerstellen in den Narrativen bestehen bleiben – selbst nachdem diese von der Leserin, dem Leser augenscheinlich befüllt wurden.

Die überwältigenden Erfahrungen finden durch die biblischen Erzählungen eine Repräsentationsform.
Foto: REUTERS/Luis Echeverria

In anderen Worten bietet das Narrativ einen Raum, in dem Überwältigendes in abstrahierter Form an die Oberfläche treten kann, ohne indes die biblische Erzählung daran zu hindern, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Die überwältigenden Erfahrungen finden durch die biblischen Erzählungen somit sowohl eine narrative Repräsentationsform als auch eine Rahmung oder Begrenzung. Die Begrenzung ergibt sich aus der Eigenschaft des Narrativs, sich trotz allem geduldig dagegen zu sträuben, von überwältigenden Erfahrungen vollständig überlagert zu werden. Diese Begrenzungen stehen somit dem ursprünglichen Fokus, der ausschließlich auf die Unterbrechungen oder Leerstellen gerichtet war, entgegen.

Durch den sich dadurch vollziehenden Perspektivenwechsel, in dem der Fokus zurück auf das Narrativ gelenkt wird, treten biblische Motive (die häufig eng mit Hoffnungs- und Zukunftsperspektiven verknüpft sind) wieder verstärkt in den Vordergrund, während das Erlebte der eigenen Lebensrealität zunehmend in den Hintergrund tritt.

Wie überwältigende Erfahrungen unser Dasein prägen

Bezugnehmend auf Hoffnungs- und Zukunftsperspektiven wird von vielen Betroffenen von überwältigenden Erfahrungen berichtet, dass das Erlebte zu einer Einteilung des Lebens in eine "traumatische Vergangenheit" und eine "verblasste Gegenwart"5 führt. Besonders auffällig bei dieser Art, das Leben wahrzunehmen, ist die fehlende Zukunftsperspektive, die auch als Angst vor dem Ungewissen interpretiert werden kann. Vor allem deutet eine derartige Dualität aber auch darauf hin, dass überwältigende Erfahrungen "das Vertrauen in fundamentale Konzepte unseres Daseins erodieren."6

Der Begriff des Daseins wurde maßgeblich von dem Philosophen Martin Heidegger geprägt und unter anderem von dem Religionsphilosophen und Theologen Bernhard Welte weiterentwickelt. Welte verband den Begriff insbesondere mit einer fundamentalen Offenheit des Lebens, die unser Dasein grundlegend prägt. Betrachtet man eine solche fundamentale Offenheit im Kontext von Begegnungen, dann wird deutlich, dass es bis zum Moment einer tatsächlichen Begegnung ungewiss bleibt, was sich einem darin alles zeigen wird: Großes Potenzial für Verletzungen oder Unsicherheiten finden darin ebenso Platz wie das Potenzial, Freundschaft oder Liebe zu finden. Welte beschreibt diesen Vorgang als ein "sich Freigeben an das Du"7.

Wie unschwer erkennbar ist, kann eine solche Offenheit durch eine etwaige traumatische Erfahrung ("Nichtungserfahrung"8) bis auf die Grundfesten erschüttert werden, da (zum Teil auch körperliche) Erinnerungen an derartige Erlebnisse imstande sind, diese fundamentale Offenheit zu verstellen. Dem begegnenden Du wird dann ängstlich entgegengetreten; vielleicht nicht einmal der Blick gesucht. Eine Begrüßung scheint in weite Ferne gerückt, und eine misslungene Begegnung entsteht. Wie kann einer solchen Angst vor dem Unbekannten konstruktiv begegnet werden?

Zukunfts- und Hoffnungsperspektiven neuerlich öffnen

Wie ich darzustellen versucht habe, tragen sprachgebende Effekte, auf die ich im Rahmen dieses Beitrags anhand biblischer Narrative kurz eingegangen bin, dazu bei, überwältigende Erfahrungen in bestehende Denkschemata und als in der Vergangenheit liegend einzuordnen. Um Zukunfts- und Hoffnungsperspektiven neuerlich zu öffnen, braucht es neben solchen Leerstellen-reichen Texten aber auch immer neue Begegnungen mit dem Anderen, ebenso wie Freundschaft; ein Miteinander; ein Füreinander-da-Sein.

Beschließen möchte ich die hier dargebotenen Überlegungen mit Gedanken des Theologen Eberhard Jüngel, der in seinen Ausführungen über die Liebe schreibt, dass diese von außen betrachtet hochfragil sei. Liebe sei, so seine Argumentation, hilflos ausgeliefert gegenüber allem, was ihr begegnet. Von innen her wäre sie aber selbst noch in ihrer Ausgeliefertheit imstande, diese Machtlosigkeit zu überwinden. Aus diesem Grund votiert er für das Festhalten an dieser so fragil anmutenden Größe, die, so möchte ich ergänzen, die Hoffnung auf gelingende Begegnungen stets bewahrt. (Lisa Achathaler, 5.11.2021)