Die Sonne über New York geht wieder auf.

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Von wegen Stadt, die niemals schläft: 19 Monate waren die New Yorkerinnen und New Yorker weitestgehend unter sich. Der Times Square – auch heute an manchen Tagen kaum wiederzuerkennen. Kaum ein Tourist weit und breit. Die Verkäufer in den Souvenirläden spielen gelangweilt mit ihren Smartphones. Wer in diesen Tagen durch Manhattan läuft, spürt, dass es stiller geworden ist in Amerikas Millionenmetropole. Man möchte fast sagen: besinnlicher.

Ein New York, wie es selbst eingefleischte New Yorker selten erlebt haben. Viele genießen das neue intime Flair. Für andere ist die Stille der reinste Horror. Wenn es nach der New Yorker Handelskammer, dem Tourismusverband sowie den unzähligen Kultureinrichtungen geht, könnten die Touristen und internationalen Konferenzteilnehmer nicht schnell genug zurückkommen. Der Besuchereinbruch seit März 2020 hat ein tiefes Loch in die Kassen der Hotels, Restaurants und Geschäfte gerissen.

Rekordjahr 2019 – dann kam Corona

Im Jahr 2019 hatten die Besucher noch 47 Milliarden Dollar in der Stadt gelassen – ein neuer Rekord, zum zehnten Mal in Folge. Dann kam Corona und stürzte New York in eine schwere Krise. Bis Ende des Jahres rechnet NYC & Company, eine Marketingagentur für die Stadt, mit 24 Milliarden Dollar, also einer Halbierung der jährlichen Einnahmen. Statt 67 Millionen Besucher, wie noch 2019, werden für dieses Jahr nur 35 Millionen erwartet. Ein Rückgang um fast 50 Prozent. Besonders vermisst werden die Touristen aus Übersee. Sie bleiben länger und geben das meiste Geld aus.

Ganz leer ist es am Times Square freilich nie.
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Mit der Aufhebung des allgemeinen Einreiseverbots in die USA zum 8. November hofft New York nun auf ein Comeback. Dazu plant NYC & Company die aggressivste Werbekampagne, die man jemals gefahren hat. Nach einer ersten Welle von Plakaten und Werbespots mit dem Slogan "New York City Misses You Too" ("New York City vermisst dich auch") lautet der neue Titel nun "New York City Is Ready For You" ("New York City ist für dich bereit"). Sechs Millionen Dollar lässt sich die Agentur die Reklame kosten, die etwa in Deutschland, Großbritannien und Frankreich, den drei wichtigsten europäischen Herkunftsländern, Besucherinnen und Besucher ansprechen soll.

New York lebt

"Dies ist jetzt ein kritischer Moment für die wirtschaftliche Erholung der Stadt", sagt Chris Heywood von NYC & Company. "New York war das Epizentrum der Pandemie in den USA", so der PR-Manager. "Einige hatten uns abgeschrieben, hatten behauptet, New York sei tot." Tatsächlich: Viele Hotels und Geschäfte mussten schließen, viele Menschen haben ihren Job verloren. "Wir haben schmerzliche Verluste erlitten", räumt Heywood ein. "Aber wir blicken optimistisch in die Zukunft."

Um die 19 Monate ohne das Geld aus Europa und zuletzt auch verstärkt aus China zu überbrücken, verlagerte die Stadt gleich zweimal ihren Fokus. In einer ersten Stufe, als selbst Flugreisen innerhalb der USA nur eingeschränkt möglich waren, warb man im New Yorker Umland für einen Kurzurlaub in der Stadt. Als die Auflagen dann weiter gelockert wurden und auch die Broadway-Shows wieder spielten, konzentrierte sich der Tourismus auf Geschäftsreisende und bewarb New York als attraktiven Ort für Messen und Konferenzen.

Begehrtes Selfie-Motiv

Um jetzt das internationale Geschäft anzukurbeln, setzt die Stadt neben ihrer Plakataktion und Kooperationen mit Reiseveranstaltern auch auf Hollywood und Social Media. "New York hat eine hundertprozentige Brand-Awareness", sagt Chris Heywood. Das werde man weiter nutzen und ausbauen. Egal ob Netflix-Serien oder Kinofilme, New York diente schon immer als Kulisse der Popkultur. Der Marketingprofi erzählt, er lebe im West Village. Die Leute strömten noch immer zu ihm ins Viertel und machten Selfies, weil sich einen halben Block von ihm entfernt das Wohnhaus aus der Kult-Sitcom "Friends" befindet.

"Bis Ende dieses Jahres hoffen wir auf rund drei Millionen internationale Gäste", so Heywood. Zum Vergleich: Für gewöhnlich beherberge New York über 13 Millionen Nichtamerikaner pro Jahr. 2022 hoffe man auf acht Millionen internationale Besucher. "Es wird aber nicht vor Ende 2024, vielleicht auch Ende 2025 sein, dass wir uns vollständig erholt haben", schätzt Heywood. Man hoffe, dass die Werbekampagne zur Erholung beitrage. Bis die Stadt des neugewählten Bürgermeisters Eric Adams die Pandemie vollständig hinter sich gelassen hat, werde aber noch einige Zeit vergehen. (Richard Gutjahr, 8.11.2021)