Schon 1955 schrieb Hannah Arendt: "In einer sich ständig wandelnden, unverständlichen Welt hatten die Massen den Punkt erreicht, an dem sie gleichzeitig alles und nichts glaubten, alles für möglich und nichts für wahr hielten."

Foto: Imago / Marco Jeurissen

Kurz bevor ich Frau Doktor Heidi Kastner treffe, gebe ich in der Trafik am Wiener Westbahnhof noch meine Euromillionentipps ab, bezahle also als reiner Tor, der ich bin, brav meine Deppensteuer und hoffe frohen Herzens, dass es diesmal klappen möge. 120 Millionen! Wer weiß?

"Dumm ist, wer anderen Schaden zufügt, ohne selbst einen Nutzen daraus zu ziehen." Dr. Heidi Kastner
Fotos: Philipp Horak

In meinem Taumel habe ich ganz vergessen, mit der Frau Doktor auszumachen, wie wir uns später auf dem Bahnsteig erkennen sollten. Gerade rechtzeitig fällt mir noch ein, dass ich einfach ihr Buch Dummheit mit knallgelbem Cover in die Höhe halten könnte, und siehe da: Schon steuert sie auf mich zu, und wir begrüßen uns herzlich. Ganz deppert, denke ich zu diesem Zeitpunkt noch, bin ich ja doch nicht.

In allen Gesellschaftsschichten

Sofort frage ich die Frau Doktor, wie viele Blödis sie auf ihrer Fahrt von Linz, wo sie lebt und arbeitet, hierher nach Wien, wo sie Pressetermine wahrnimmt, getroffen habe. Nach Lektüre ihres Buches weiß ich nämlich, dass "die Dummen" in unserer Gesellschaft in größerer Zahl vorhanden sind, als wir uns das gemeinhin vorstellen würden.

Und dass sie in allen Gesellschaftsschichten proportional gleich vertreten sind, also auch in der ersten Klasse, in der sie reist, aber natürlich mit ca. 15 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung auch in der zweiten, in der ich mich immer dränge und wo mir deren Anteil stets deutlich höher erscheint.

Im Zug jedoch, sagt sie, habe sie keinen Blick für die Mitreisenden, da sitze sie immer allein und arbeite. Und außerdem gehe es in ihrem Buch ja nicht um die – Achtung, langer Satz! – "mit diagnostischen Kriterien der Psychiatrie anhand des messbaren IQs zu benennenden Formen der Intelligenzminderung wie Schwachsinn, Idiotie oder Geistesschwäche", sondern eben um: die Dummheit.

Heidi Kastner, "Dummheit". 18,– Euro / 112 Seiten. Kremayr & Scheriau, 2021
Cover: Kremayr & Scheriau

Dummes Handeln

Wir nehmen im Gastgarten des Motels One am Westbahnhof Platz, um eine zu rauchen, "was nicht gescheit ist!", wie sie zugibt. Allerdings füge sie dabei vor allem sich selbst Schaden zu und niemand anderem, "höchstens dem Gesundheitssystem, und dem auch nur kurz". Womit sie auch gleich ihre Definition von Dummheit noch einmal umrissen hätte: Dumm ist, wer anderen Schaden zufügt, ohne selbst einen Nutzen daraus zu ziehen.

Die Idee zu ihrem Buch, das nicht als wissenschaftliche Abhandlung daherkommt, sondern mehr als Streitschrift, hatte die Primarärztin für Psychiatrie mit forensischem Schwerpunkt am Kepler-Universitätsklinikum in Linz schon vor vier Jahren, als sie sich innerhalb ihres eigenen Arbeitsbereichs immer öfter fragte: Wem nutzt das eigentlich, was hier getan wird? Die Antwort: "Niemandem! Im Gegenteil schadet es vielen, wenn Leute von der BWL eine Klinik wie eine Schraubenfabrik führen, ohne dass es irgendjemandem nutzen würde."

Scheibenwelt

Dann kamen ihre Erfahrungen mit Corona dazu und der teils spezielle Umgang damit: "Die Wahrnehmung dummen Handelns hat sich in letzter Zeit deutlich vermehrt", sagt sie. Im Mai letzten Jahres besuchte sie die Pneumologie unter der Leitung von Prim. Dr. Bernd Lamprecht an ihrer Klinik und fragte ihn, wie viele Leute von der Intensiv denn wieder zurückgekommen seien, und der sagte: "Bis jetzt keiner." Trotz solcher für jeden zugänglichen Erfahrungen und entgegen allen vorliegenden Fakten hörte sie immer wieder: "Das ist doch nichts anderes als eine leichte Grippe!"

Schließlich krochen noch die aus ihren Löchern, für die die Erde eine Scheibe ist, welche von Echsen regiert werde, die wiederum in dieser Scheibe lebten, bevorzugt unter einer Pizzeria – die Verschwörungstheoretiker.

Die Frau Professor seufzt tief, muss dann aber resigniert zugestehen: "Wenn diese Echsen erst einmal emotional in den Köpfen der Leute verankert sind, dann kann man daran nichts mehr ändern. Denn erst ihr Eindringen ins Unbewusste und die Transformation zu einem Gefühl machen eine Idee erfolgreich, und nicht die Fakten."

An alles und nichts glauben

Schon 1955 schrieb Hannah Arendt: "In einer sich ständig wandelnden, unverständlichen Welt hatten die Massen den Punkt erreicht, an dem sie gleichzeitig alles und nichts glaubten, alles für möglich und nichts für wahr hielten." Die Komplexität der Welt habe unglaublich zugenommen und sei für jeden überfordernd, gesteht auch die Frau Doktor zu, und die Zeit, da alles Wissen der Welt in einen Kopf passte, liege ungefähr 2000 Jahre zurück.

Darum würden viele nun schlicht dem glauben, der ihre Empfindungen am stärksten und nachhaltigsten zu erregen vermag: "Jeder Intellekt schwächelt, wenn Emotionen ins Spiel kommen und gegen die eigene Ratio arbeiten."

Dummheit, schreibt sie, ruhe auf mehreren starken Säulen: der Pseudodebilität, die durch innere Denkhemmung bedingt sei; der Denkfaulheit, welche Menschen schlicht die Beschaffung von Fakten, mit deren Hilfe sie ihre Entscheidungsgrundlage erweitern könnten, verweigern lasse; hinzu käme der weitverbreitete Irrtum, sowieso von allem ausreichend Ahnung zu haben, vor allem von der Medizin. "Dabei würde wohl niemand bei einem offenen Unterschenkelbruch auf die bewährten Heilmethoden der Tante Anni vertrauen!"

Faktenverweigerer

Fachliches Wissen, sagt sie, werde heute als nicht relevant abgetan, wenn es sich nicht "stimmig" in das eigene Weltbild füge, "gesundes Misstrauen" oder paranoid anmutende "Gewissheiten" ("Hinter allem steht sowieso die Pharmaindustrie!") führten zu kenntnisfreien, ausschließlich vom "Gefühl" geleiteten Empfehlungen: "Lass dich bloß nicht impfen!", tönen manche Impfgegner dann selbstgewiss, "deren Unwissenheit sie leider nicht vor überzeugtem Vortrag schützt".

Dieses Im-Zustand-des-nicht-Wissens-Verbleiben der Faktenverweigerer könne getrost als "dumm" bezeichnet werden, sagt Frau Kastner, oder, wie Barack Obama einmal während einer Rede meinte: "It’s not cool not to know what you are talking about."

Als fundamentale Dummheit erkennt sie "die Verweigerung eines Lebens in begrenzter, geordneter Freiheit, das als Grundprinzip aller demokratischen Gesellschaftsstrukturen verstanden werden muss". Jeder in einer Gesellschaftsorganisation lebende Mensch bezahle für seine Freiheit mit dem Verzicht auf Teile ebendieser Freiheit.

Auch in der Klimakrise vermisst sie diesen Aspekt des "Erkennens": Da gehe es um die Bequemlichkeit, die der Einzelne bedroht sehe, um kurzfristige Gewinne, die Konzerne noch unbedingt mitnehmen wollten, oder das diffuse Gefühl, "zurück in die Steinzeit katapultiert" zu werden.

Kombination zweier Monologe

Ärgern muss sie sich in diesem Zusammenhang über die stets eingeforderte Rücksichtnahme auf die "Meinung" des anderen und eine "Dialogbereitschaft", die zwar wünschenswert sei, jedoch natürlich nur, wenn sie auf beiden Seiten vorhanden wäre. Andernfalls entstehe eine zweckbefreite und ergebnislose Kombination zweier Monologe, die nicht selten, so Kastner, mit der "Trias der dümmsten Argumente" ende: "Das war schon immer so!" – "Woanders geht das auch nicht!" – "Wenn das jeder täte, wo kämen wir denn da hin?"

Sowohl bei Corona als auch in der Klimakrise vermisst sie Führung: "Diese Probleme sind nur mit Verordnungen zu regeln, durch kluge Leute, die das Geschrei der weniger klugen Leute ignorieren." Überzeugungsarbeit zu leisten, ohne zu verurteilen, führe zu gar nichts, wenn das "Recht auf eigene Meinung" mit dem "Recht auf eigene Fakten" verwechselt werde.

Das hohe Gerede von Autonomie sei nichts anderes als der Wunsch nach uneingeschränkter Selbstermächtigung. "Wenn man keine Führungspersonen hat, die ihre Klugheit dazu nutzen, andere vor den Folgen der Dummheit zu bewahren", dann wären die Dummen imstande, ganze Staaten in die Hölle zu schicken.

86 Milliarden Zellen

Ist "Intelligenz" dann das Gegenteil von Dummheit? Wir fragen Doktor Jakob Pietschnig, Leiter des Arbeitsbereichs für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien. In seinem Buch Intelligenz hat er versucht, ein "für Laien hoffentlich gut verständliches Sachbuch" zu schreiben, in dem er "empirisch zusammenfasste, was es an Infos zum Thema gibt".

"68 Prozent der Menschen gelten als normal intelligent, 130 IQ-Punkte erreichen nur mehr zwei Prozent." Dr. Jakob Pietschnig
Foto: Lina Fessler

Zu Anfang freilich liefert er den Lesern auch ein paar interessante Fun Facts: dass nämlich die längste Zeit das Herz als Organ des Geistes und Sitz der Intelligenz galt, dem Hirn hingegen bestenfalls die Funktion als Dämmmaterial gegen harte Schläge oder als Produktionsstätte für Rotz zugeschrieben wurde.

Die Ägypter verquirlten das unnötige Hirn mit einem Staberl durch die Nase, sodass es abfloss, bevor der wertvolle Rest des Körpers einbalsamiert wurde. Erst Hippokrates, auf den die Ärzte heute noch ihren Eid schwören, erkannte 400 vor Christus, dass da im Schädel etwas sein könnte, was mit "Intelligenz" und "Empfinden" zu tun haben könnte. Aber schon Aristoteles ein paar Jahre später schrieb dem Hirn wieder die Bedeutung eines Kühlgeräts für das Blut zu. Blut übrigens, von dem man glaubte, dass es immer neu produziert werden musste.

Immerhin 86 Milliarden Zellen tummeln sich in durchschnittlich eineinhalb Kilo Hirnschmalz, Frauen haben um ca. 100 Gramm weniger, ihr "Stoff" ist aber dichter verwoben. Das verbale Gedächtnis ist bei Frauen – nachgewiesen – besser ausgebildet, das räumliche Verstehen hingegen bei Männern.

Das Hirn braucht Zucker, um arbeiten zu können, das der "Intelligenten" weniger als jenes der "Blödis", bei denen stets das ganze Gehirn brummt, wenn sie "denken", wohingegen das Gehirn der Gscheiterln nur spezifische Areale beansprucht, wenn sie zum Beispiel über den sechs noch "ungelösten Rätseln der Mathematik" brüten: "Eine Lösungstheorie für die Navier-Stokes-Gleichungen muss her? Hm, mal sehen ..."

"Schwachsinnsdiagnostik"

"Gemessen" wird Intelligenz seit über 4000 Jahren vermittels verschiedenster Testverfahren, allerdings wurden in China zunächst noch Basiskünste wie Musik, Bogenschießen, Reiten sowie das Wissen um Riten und Zeremonien zusätzlich zu den heute stärker nachgefragten Begabungen Schreiben und Rechnen abgefragt. Wer sich während dieser fünf Jahre dauernden Tests bewährte, der konnte Mandarin werden.

Jakob Pietsching, "Intelligenz". 24,– Euro / 216 Seiten. Ecowin-Verlag, 2021
Cover: Ecowin Verlag

Bis herauf in die Neuzeit dominierte dann vor allem die "Schwachsinnsdiagnostik", mit deren "Hilfe" man die "dummen" Kinder von den "intelligenten" trennte. In der Folge setzte sich das Messen der Intelligenz anhand der Maßeinheit "Intelligenzquotient" durch, innerhalb derer 68 Prozent der Menschen auf dieser Erde als "normal intelligent" (IQ-Intervall zwischen 85 und 115 IQ-Punkten) gelten. 130 IQ-Punkte erreichen nur mehr zwei Prozent der Bevölkerung, wobei sich zur Intelligenz idealerweise Begabung, Klugheit und Weisheit gesellen. Und ohne Motivation bringt es auch der 145er zu nichts.

Irgendwann während seines Studiums ist Jakob Pietschnig aufgefallen, dass er recht gut in Statistik war, "und im Psychologiestudium ist das nicht so häufig, dass jemand gut in Statistik ist, obwohl es sehr wichtig ist, solche Leute zu haben". Ein Professor fragte ihn also, ob er nicht Studienassistent werden möchte, und so schrieb er bei ihm seine Diplomarbeit über das Thema Mozarteffekt, in der Folge blieb er beim Thema Intelligenz hängen.

Eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es nicht, grob gesagt bezeichnet er "die Gesamtheit unterschiedlich ausgeprägter kognitiver Fähigkeiten zur Lösung logischer, mathematischer, sprachlicher oder sinnorientierter Probleme". Bei den Tests schätzen sich die Probanden in der Regel besser ein, als sie sind, mit der kleinen Ausnahme der Superintelligenten, die die sich selbst ein wenig unterhalb ihrer tatsächlich erreichten IQ-Punkte ansiedeln.

IQ-Maßzahl und Werturteil

Der Gelehrte legt mir ein Blatt auf den Tisch, das ein paar Symbole und Felder zeigt, verbunden mit einer Aufgabe, die, sagt er, so leicht sei, dass er mir "nicht einmal sagen muss, was Sie zu tun haben". Schon aber fange ich an zu schwitzen, versuche mich auf meine Sehschwäche und die dicke Luft im Lokal, in dem wir uns treffen, auszureden, und schaffe die Aufgabe nur halb.

Lachend schiebt er mir einen "computergenerierten Item" nach, "für dessen Lösung ein Mensch mit einem IQ von 135 ca. 40 Minuten brauchen würde". Ich kriege schon vom Hinschauen Kopfweh und verzichte auf die Lösung. Immerhin vermag er mich zu trösten, indem er meint: "Eine IQ-Maßzahl ist nie ein Werturteil!"

Grundsätzlich unterscheide man "fluide" und "kristalline" Intelligenz, mancher sei gerne "sozial" oder "emotional" intelligent, was es aber, so Pietschnig, als Begriff gar nicht gebe, weil dies schlicht Persönlichkeitsmerkmale seien.

Insgesamt, erzählt er abschließend, sei "Intelligenz" ein heikles Thema, weil sich niemand gerne dahingehend bewerten lasse. Lieber lasse man sich nachsagen, dass man moralisch verwerflich handle, irgendwie krumm gebaut sei oder auch gerne insgesamt lebensuntauglich daherkomme, als dass man sich anhören müsse, man sei "nicht intelligent".

Demütig reihe ich mich in die große Masse der durchschnittlich Intelligenten ein und frage mich, was aus mir hätte werden können, wenn ich bis in meine Jugendjahre hinein brav gelernt hätte, anstatt die Zeit zu vertrödeln. Denn danach, sagt Pietschnig zum Abschied, sei es praktisch ausgeschlossen, dass man IQ-mäßig noch ein paar Punkte zulegen könne. (Manfred Rebhandl, ALBUM, 6.11.2021)