Begonnen hat alles mit einem ungeschwärzten Akt zur türkisen Causa Umfrage. Ihn gab der Chefredakteur der Wochenzeitung Falter, Florian Klenk, dem "Plagiatsjäger" Stefan Weber weiter – mit ungeahnten Folgen.

Weber schoss sich in der Folge auf Twitter auf die Wirtschaftsexpertin der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ein, die die entsprechenden Chats, die Kanzler Sebastian Kurz schlussendlich das Amt kosten sollten, ausgewertet hat. Was Weber thematisierte: Die Expertin ist mit dem fallführenden Staatsanwalt zusammen, was allerdings justizintern längst bekannt war und als unbedenklich angesehen wird.

Das ÖVP-nahe Medium Exxpress allerdings sprang auf Webers Recherchen auf. Es folgte jede Menge Krawall und Druck: Exxpress unterstellte, Klenk habe die Akten direkt von den Korruptionsermittlern erhalten, berichtete, dass Journalist, Staatsanwalt und Wirtschaftsexpertin Nachbarn seien. Chefredakteur Richard Schmitt, erfahrener Boulevardjournalist, stellte die Fragen in den Raum, ob Akten-Leaks in der ÖVP-Affäre "ein politischer Mordversuch" gewesen seien oder Kurz’ Sturz "wie der Ibiza-Coup geplant" worden sei.

Mit dem Boulevardjournalisten Richard Schmitt betreibt Hieblinger-Schütz die junge Plattform "Exxpress".
Foto: Christian Fischer

"Kampagnisierung"

Erst vor kurzem ist Schmitt wegen Artikeln zur Ibiza-Affäre strafrechtlich verurteilt worden. Es ging um üble Nachrede und Kreditschädigung. In einem anderen Verfahren, in dem Schmitt als Zeuge aussagte, erkannte das Gericht in seinen Artikeln "eine gezielte Kampagnisierung" für Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) und "konstruierte" Behauptungen.

Beim Exxpress treffen gewissermaßen zwei Welten aufeinander. Die von Schmitt, dem Boulevardjournalisten, und die von Geschäftsführerin und Rechtsanwältin Eva Hieblinger-Schütz, die sich für gewöhnlich in den Kreisen vermögender Entscheider bewegt. Sie ist mit rund 51 Prozent Mehrheitseigentümerin des Mediums. Ihre Verbindungen zur ÖVP sind unübersehbar.

Die 47-Jährige war zu türkis-blauen Zeiten Vize-Kabinettschefin im Finanzministerium unter Minister Hartwig Löger (ÖVP) und Büroleiterin eines gewissen Thomas Schmid. Die Chats aus dem Handy des Generalsekretärs im Finanzressort haben die ÖVP in die aktuelle türkise Krise gebracht.

Abseits dessen ist Schütz mit Investor, Multimillionär und ÖVP-Spender (100.000 Euro) Alexander Schütz verheiratet. Und er, der Herr des Schlosses Neuwaldegg in Wien-Hernals, ist in vielen Branchen unterwegs.

Hang zur Sicherheitsbranche

Gebündelt werden seine Investments über die San-Gabriel-Privatstiftung und die Alex-Schütz-Familienstiftung in Liechtenstein. Ob Mikrokredite in Südafrika oder probiotische Schlankmacher (Slimbiotics GmbH), ob Immobilien, eine Luxemburger Privatbank oder ein Anteil am Wiener Waffenhändler Joh. Springers Erben: Schütz ist dabei.

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Das Ehepaar Schütz bei einem seiner eher seltenen gemeinsamen öffentlichen Auftritte – hier bei den Salzburger Festspielen 2008.
Foto: Picturedesk.com / Franz Neumayr

Hingeneigt fühlt er sich offenbar auch zur Sicherheitsbranche: Die deutsche Cyan AG hat er vor kurzem erst gegründet, seine Cybersec Invest beteiligt sich an Start-ups und jungen Unternehmen im Bereich der Cybersecurity. Mit der 2011 gegründeten Aventus – Geschäftsgegenstand: "Akquisition, Sicherung und Kontrolle von Informationen" – hatte er allerdings wenig Fortune gehabt.

Miteigentümer und Chef des Unternehmens war Gerald Karner, Militärexperte und Brigadier außer Dienst, der sich für seine Auftragserfüllung auch einer Ex-Stasi-Agentin ("Nina") bediente. 600.000 Euro flossen an sie, die später in Deutschland zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, weil sie Beamte des Landeskriminalamts bestochen hatte.

Leider schiefgegangen

In der Folge verkaufte Schütz seine Anteile am "privaten Nachrichtendienst" (Kurier). Er habe von W. nichts gewusst, bis sie verhaftet wurde, erklärte er damals. Ende 2020 ging Aventus (lateinisch für "glaubwürdig") pleite. Heute betont Schütz, dass seine Beteiligung ein reines Finanzinvestment gewesen sei, "das leider schiefgegangen ist. Im Nachhinein gesehen wäre es natürlich entbehrlich gewesen". Aber, so ordnet der Investor den reputationsgefährdenden Flop quantitativ ein: "Ich habe über hundert Investments getätigt, somit ist es normal, dass auch einige davon schiefgehen".

Frau Nina soll übrigens auch für Dmitri Firtasch tätig gewesen sein – jenem russischen Oligarchen, der seit Jahren in Wien gegen seine Auslieferung an die USA kämpft. Ihm und seiner Frau hat Schütz übrigens eine Villa in Wien-Hietzing vermietet.

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Eva Hieblinger-Schütz ist mit dem Investor Alexander Schütz verheiratet.
Foto: Picturedesk.com / dpa Picture All / Malte Ossowski

Begonnen hatte der heute 54-Jährige seine Karriere mit Kompagnon Thomas Rieß – und mit Hosenträgern. Selbige hatten sich die zwei Ende der 1980er zugelegt, nachdem sie den Film Wall Street gesehen hatten, mit Michael Douglas als Finanzhai Gordon Gekko.

"Wir haben uns dann selbst für coole kleine Gordon Gekkos gehalten", erzählte er später einmal über den Start seiner Karriere. Die begann 1991 mit der Gründung der Vermögensverwaltungsgesellschaft C-Quadrat, in der einst Exfinanzminister Karl-Heinz Grasser Aufsichtsratschef war und die heute ein Vermögen von rund sieben Milliarden Euro verwaltet.

Ungereimtheiten

Sogar in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank schaffte es der gebürtige Linzer. Dorthin hatte ihn 2017 der chinesische Mischkonzern und Bankaktionär HNA Group entsendet. Lange blieb Schütz aber nicht an Bord, der Skandal um Wirecard und seine Freundschaft zu dessen Chef Markus Braun kamen ihm in die Quere.

Statt das höchst reputierliche Mandat bis 2023 auszuüben, nahm Schütz heuer im März seinen Hut. Wie das kam: Als die Financial Times nicht müde wurde, über Ungereimtheiten beim Zahlungsdienstleister zu berichten, schrieb er dem Schulfreund seiner Frau, Braun: "Habe übrigens dreimal Wirecard-Aktien gekauft letzte Woche, macht diese Zeitung fertig."

Obgleich er sich dafür entschuldigte, distanzierte sich die Bank von ihm (ein ungewöhnlicher Schritt), und Schütz ging. Wirecard ging infolge des Bilanzskandals – es fehlen fast zwei Milliarden Euro – pleite. Braun wurde inhaftiert, Ex-Finanzchef Jan Marsalek ist auf der Flucht, es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Chinesen von HNA haben sich übrigens 2018 mehrheitlich an C-Quadrat beteiligt, ein Jahr später kauften Schütz und ein Mitaktionär die Anteile wieder zurück.

Auf Distanz zu Wirecard-Chef

Heute distanziert sich Schütz von Braun: "Entweder war er nicht sonderlich begabt und an dem Unternehmen im Detail interessiert, oder er war ein sehr geschickter Verbrecher", sagt er dem STANDARD. Nachdem die deutsche Staatsanwaltschaft nach 15 Monaten (so lange ist Braun in U-Haft) "offensichtlich noch immer nichts gefunden hat", vermute er allerdings Ersteres. Besteht die Freundschaft zum Ehepaar Braun noch? Schütz: "Sollte sich herausstellen, dass er unschuldig ist, würde ich wieder Kontakt aufnehmen."

Das Ehepaar Schütz ist mit Ex-Wirecard Chef Markus Braun befreundet, der sich seit 15 Monaten in Untersuchungshaft befindet.
Foto: AP / Fabrizio Bensch

2017 – Sebastian Kurz hatte den Weg in Richtung Kanzleramt angetreten – ging der Investor und leidenschaftliche Segler mit Faible für Yachten und ansehnliche Autos unter die ÖVP-Spender. In dem Jahr und im folgenden ließ er insgesamt 100.000 Euro springen und unterstützte so den Aufstieg der Türkisen.

Dabei war er auch bei diversen türkis angehauchten Veranstaltungen, die beiden Seiten – Förderern und Aufstiegswilligen – zur Kontaktpflege dienten. Manchmal lud das Ehepaar Schütz ins Schloss ein, Ende 2019 bat der Unternehmer gemeinsam mit Novomatic-Chef Harald Neumann zu einem "Dinner im kleinen Kreis", wie man heute aus Chats weiß.

Allerdings: Die Darstellung, der Unternehmer habe es so in Sebastian Kurz’ engen Kreis geschafft, stimme nicht, wie ein Wegbegleiter berichtet. Zum einen sei er "nur ein kleiner Spender" gewesen, zum anderen sei Kurz die Welt des Alexander Schütz, die Welt der Finanz- und Vermögensverwaltung, völlig fremd geblieben, ja, sie habe ihn nie interessiert.

Shitstorm nach Spende

Wie sieht Schütz seine Parteispenden heute? Seinen "überschaubaren Betrag" für die ÖVP habe er wegen seiner "wirtschaftsliberalen Grundeinstellung" und "Hoffnung, dass aus dem Finanzplatz Österreich mehr gemacht wird", geleistet. Aber: "Nach dem Shitstorm, der über mich gekommen ist, würde ich nie wieder für irgendeine Partei spenden."

Geld, Spenden, Einfluss, Einladungen – zu alledem versucht seine Ehefrau im Konnex mit ihrer Karriere größtmögliche Distanz zu schaffen. "Also ich brauche nicht meinen Mann, der mir einen Job kauft, denn sonst hätte ich nicht zwei Studien, eine Anwaltsprüfung und einiges mehr", sagte Hieblinger-Schütz vor dem Ibiza-Untersuchungsausschuss aus. Ihr Mann erschien erst gar nicht im Ausschuss, und musste deshalb 3500 Euro Strafe zahlen.

Die Opposition vermutete damals, dass es einen Konnex zwischen seiner ÖVP-Spende und dem Job von dessen Ehefrau im Kabinett des Finanzministeriums geben könnte. Zu türkis-blauen Zeiten wurde Hieblinger-Schütz zudem in den Aufsichtsrat der ÖBB-Infrastruktur gewählt und wechselte mittlerweile innerhalb der Bundesbahnen in das Kontrollgremium der Rail Cargo Group AG. Lögers Vorgänger als Finanzminister, Hans Jörg Schelling (ÖVP), hatte sie davor in den Aufsichtsrat der Volksbank Wien geholt.

Pragmatische Aufsichtsrätin

Selbst Aufsichtsratsmitglieder, die sich der ÖVP alles andere als zugehörig fühlen, meinen, dass Hieblinger-Schütz diese Ämter nicht nur aus Prestigegründen halte. Die langjährige Rechtsanwältin sei kompetent, stelle gute Fragen und zeige auch betriebswirtschaftliches Interesse. Darüber hinaus sei sie nicht ideologisch verbissen, sondern eher von der pragmatischen Sorte. Was sie antreibt, das fragen sich viele. Sie wolle Karriere machen und aus dem Schatten ihres Mannes treten, meint einer, der sie schon lange kennt.

Bei den Neos schätzte man Hieblinger-Schütz. Dennoch rutschte sie einst durch das Parteivorstands- und Mitgliedervotum auf der Landesliste weit nach hinten.
Foto: APA/HANS PUNZ

Als Einzelkind in einfachem bürgerlichem Hause aufgewachsen und sehr gefördert, habe sie es schon immer allen zeigen wollen. Als Läuferin feierte sie große Erfolge, wurde Staatsmeisterin in den Disziplinen über 3000 und 10.000 Meter. Deshalb bekam sie ein Stipendium in Amerika, studierte dort Wirtschaftswissenschaften und internationale Beziehungen unter der Mindestzeit und mit Auszeichnung, arbeitete für eine Consultingfirma in New York.

Nach Wien zurückgekehrt, beendete sie ihr Jus-Studium, bestand 2006 ihre Anwaltsprüfung ebenfalls mit Auszeichnung und eröffnete drei Jahre später schließlich eine eigene Kanzlei – spezialisiert auf Scheidungs-, Arbeits- und Familienrecht.

Die besten Partys

Es dauerte aber nicht lange, da wollte Hieblinger-Schütz in die Politik. Allerdings schien die ÖVP für sie vorerst kein Thema gewesen zu sein. Im Wahlkampf zur Wien-Wahl 2015 versuchte die Juristin, bei den damals noch jungen Neos anzudocken. Doch bei den Liberalen, für die sie einmal 3000 Euro gespendet hatte, galt es für einen Listenplatz mehrere Hürden zu überwinden.

Die öffentliche Vorwahl schien für Hieblinger-Schütz kein Problem zu sein. Sie habe Partys geschmissen, wie man sie nur in solch einflussreichen Kreisen schmeißen kann, erzählt ein damaliger Beobachter. Das löste im Vorstand und bei den Mitgliedern der Neos allerdings Bauchweh aus. Man wollte nicht einmal ansatzweise den Eindruck aufkommen lassen, man könne sich bei ihnen Mandate "kaufen".

Obwohl man Hieblinger-Schütz parteiintern nach wie vor für ihre Intelligenz schätzt, rutschte sie damals durch das Parteivorstands- und Mitgliedervotum auf der Landesliste weit nach hinten – zu weit. Hieblinger-Schütz brach mit den Neos.

Nicht steuerbar

Als ÖVP und FPÖ Ende 2017 über eine Koalition verhandelten, trat sie dann auf dem türkisen Parkett in Erscheinung – zunächst als Expertin in der Sparte Justiz. Danach wurde sie stellvertretende Kabinettschefin im Ministerium. Dort hat sie laut Beobachtern sehr viel und mit großem Ehrgeiz gearbeitet, doch politisch habe Hieblinger-Schütz keine Chance gehabt.

In den Chats von Thomas Schmid kommt auch Hieblinger-Schütz oft vor – allerdings nicht wertschätzend.
Foto: APA/HANS PUNZ

Sie sei nicht "steuerbar und berechenbar" gewesen, was nicht zum türkisen Kadergehorsam passte. So sei sie bei Sitzungen aufgetaucht, in denen man nicht mit ihr gerechnet habe, und auch sonst habe sie sich nicht gern untergeordnet. In den berühmten Chats von Thomas Schmid kommt sie oft vor, aber nicht wertschätzend: "Die will Kabinettschefin werden. Das schafft sie in 100 Jahren nicht", schrieb Schmid laut Zackzack im Juni 2018 an eine Mitarbeiterin.

Konservative Plattform

Warum beteiligt sie sich jetzt an einer Zeitung? Da muss man sich auf Vermutungen von Leuten verlassen, die sie kennen, denn Hieblinger-Schütz selbst gab dem STANDARD keine Antworten auf Fragen wie diese. Sie habe eine konservative Plattform gesucht, die sich von der "linken Berichterstattung anderer Medien" unterscheide, sagt jemand, der namentlich nicht genannt werden will.

Ihr Mann ist ins Exxpress-Mediengeschäft nicht involviert oder daran beteiligt, wie er sagt. Wobei: Gelegentlich passiere es, dass "ich von Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen, beschimpft werde. Offensichtlich ist die Sippenhaftung in Österreich noch aufrecht." Zur Blattlinie und den Veröffentlichungen habe er eine Meinung, kundtun wolle er die aber nicht.

Hieblinger-Schütz hält die Mehrheit an der "web eXXpress Medien Holding GmbH", wie die Gesellschaft hinter der Medienplattform heißt. Schmitt ist mit zehn Prozent beteiligt.
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

Die öffentliche Auseinandersetzung zwischen Exxpress-Chefredakteur Schmitt und seinem Kollegen vom Falter, Klenk, hält er für eine "sinnlose, übertriebene und der Stimmung in Österreich nicht förderliche Auseinandersetzung".

Die ganze Angelegenheit drumherum könnte sich nun aber sowieso beruhigen. "Plagiatsforscher" Weber hat seine Vorwürfe gegen Klenk und die WKStA auf Twitter zurückgezogen. (Renate Graber, Jan Michael Marchart, Aloysius Widmann, 6.11.2021)