Der jüngste Wahltag in den USA, der die Demokraten unter anderem das Gouverneursamt in Virginia gekostet hat, war nicht nur eine schwere Schlappe für Präsident Joe Biden. Es ist auch ein Warnsignal für die Partei.

Denn ihr ist in Scharen die gemäßigt-konservative Wählerschaft aus den Vororten davongelaufen, die sich erst vor einem Jahr von Donald Trumps Republikanern abgewendet hatte. Bei einer ähnlichen Bewegung würden die Demokraten 2022 die Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses verlieren.

Der Wahlsieger Glenn Youngkin traf die Demokraten an ihrer verwundbarsten Stelle.
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Noch bedrohlicher aber ist die Methode, mit der der Republikaner Glenn Youngkin in Virginia siegte. Er machte den Umgang mit Rassismus an den Schulen zum Thema und forderte die Streichung der "Critical Race Theory" aus den Lehrplänen.

Dass sich diese Doktrin dort gar nicht findet, war belanglos. Denn Youngkin traf die Demokraten damit an ihrer verwundbarsten Stelle: dem weitverbreiteten Eindruck, dass der Partei die Interessen von Minderheiten – Black Lives Matter, LGBTQ-Rechte – wichtiger sind als die von Durchschnittsfamilien.

Progressive Aktivisten stehen mit ihrer "Wokeness" moralisch zwar auf der richtigen Seite, drängen aber die Demokraten in ein wahltaktisches Desaster, das ihnen die Chance nimmt, ihre Ziele je umzusetzen. Das Dilemma spürt die Linke in den USA derzeit am stärksten. Aber auch in Europa steht sie längerfristig vor der Gefahr, dass Antirassismus und Gender-Aktivismus bloß den reaktionären Kräften in die Hände spielen. (Eric Frey, 5.11.2021)