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Haareschneiden im Detroiter Gemeindebau oder Popstar werden? Diana Ross hat sich für den glamouröseren Lebensentwurf entschieden und sich ins Zeug gelegt. Mit ihren Freundinnen hing sie ab 1960 so lange beim Label Motown Records herum, bis dessen Boss von ihrem Talent überzeugt war. Das hat nicht lange gedauert, schon der Erstkontakt hat Berry Gordy beeindruckt

Doch er empfahl den Girls, vorher noch die Schule abzuschließen und dann wieder zu kommen. In seiner Biografie To Be Loved erinnert sich Motown-Gründer Gordy an Ross: "Sie war ziemlich zart mit großen Augen und voller Selbstvertrauen." Bald sollte es zwischen den beiden knistern.

Aus Diana Ross und ihren Freundinnen wurden ein Jahr später die Supremes – die bis heute erfolgreichste US-Girl-Group und Diana Ross als deren Lead-Stimme wurde zum Superstar, als es in den Straßen der USA noch Kämpfe darum gab, ob man Schwarze überhaupt als gleichberechtigte Menschen behandeln sollte.

Ein Leben in Scheinwerferlicht

Mit Gordys berechnenden Wohlfühlthemen (Liebe, Tanzen, Wochenende …) und einem so verführerischen wie verlässlichen Pop-Instinkt waren die Supremes beim weißen wie beim schwarzen Publikum gleichermaßen ein Hit; nach dem Split der Supremes wurde Ross als Solokünstlerin ein noch größerer Star.

Mittlerweile ist sie 77 und mehrfache Großmutter. Ihr Leben fand im Scheinwerferlicht statt, auf roten Teppichen, den großen Bühnen, bei Oscar-Verleihungen und Grammy-Galen. Sie hat nach irdischen Maßstäben ziemlich viel erreicht und mit ihrem Optimismus Berry Gordy einst davon abgeraten, sein Label Motown zu verkaufen. Mit dem jetzt 91-Jährigen hat sie zwei Kinder.

Positives Wesen

Ihr positives Wesen prägt ihre Musik bis heute. Doch zuletzt hat sie sich Zeit gelassen. Vor 15 Jahren erschien eine halbherzig wirkende Sammlung mit Coverversionen, ihr letztes Werk mit eigenen Songs datiert gar aus dem vergangenen Jahrtausend. Selbst wenn sie live weiterhin aktiv war, setzt sie dieser langen Pause mit dem jetzt erschienenen Thank You ein Ende.

Thank You – das klingt ein wenig nach Abschied. Mit 77, wer würde es ihr übel nehmen? Doch davon ist nichts zu spüren: Ross warf sich in der Zeit der Lockdowns und Zwangspausen mit voller Kraft in das Projekt. In ihrer Liga bedeutet das, dass sie gleich einmal das London Symphony Orchestra und – sicher ist sicher – das Royal Philharmonic Orchestra buchte. Wozu sammelt sie sonst das ganze Kleingeld in der Büchse am Kamin?

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Aus der bezahlte sie dazu noch eine Riege an Produzenten und Songwritern, mit denen sie die 13 Lieder von Thank You einspielte. Ein Produzent war Jack Antonoff, der ramponierte Nerd, der Hits für Taylor Swift, Lorde oder die overhypte und unteraufregende Botox-Diva Lana Del Rey produziert hat. So eine Wahl ist konsequent.

Kontraproduktiver Firlefanz

Schließlich lernte Ross bei Gordy die Bedeutung der Trendsetzerei kennen – einen Gutteil ihrer Karriere war sie ganz vorne. Auf Thank You führt das aber in Gefilde, die bei einer lebenden Legende wie ihr kontraproduktiv wirken.

Ausgerechnet ihre Stimme in einem Song wie If The World Just Danced mit elektronischer Modulation zu verpfuschen, hat etwas von Sabotage und Downsexing. Für eine Sängerin ihrer Klasse, die ohne derlei Quatsch vier Jahrzehnte lang dutzende Einträge in den Top Ten der Welt verbuchte, ist es nachgerade ein Affront, ihr das einzureden. Das Ergebnis ist kaum als Diana Ross zu erkennen, es klingt wie irgendeine Fließbandproduktion fürs Plätscherradio. Das ist ein grundsätzliches Problem auf dem Album.

Diana Ross - Topic

Dass es sich nicht entscheiden kann zwischen dem klassischen Sound, den man mit Ross verbindet, und einem neuen, den sie sich zu eigen machen könnte. So kommt das Album irgendwie zwischen den Stühlen zu liegen. Dabei hat es seine Momente.

Disco im kleinen Finger

Das von Antonoff produzierte I Still Believe zeigt nach einer Anlaufphase im Kaffeekränzchen, dass Ross die Disco immer noch im kleinen Finger hat. Der Song mag nicht die Ekstase der frühen Jahre vermitteln, aber er zeigt Ross als würdevolle Grand Dame eines Faches, das sie mitgeprägt hat. In krassem Gegensatz zu dieser Würde steht das Albumcover, das Ross als altersloses Zuckerpüppchen darstellt, grauenhaft.

Gelungen sind wiederum Balladen wie All Is Well. In die legt Ross immer noch jene Leidenschaft, die früher Duette mit Größen wie Marvin Gaye auszeichneten. Gut der Hälfte der restlichen Stücke gelingt das nur unzureichend. Nichts fällt komplett durch, aber weniger Produktionsfirlefanz wäre oft mehr gewesen. Ross’ Klebstoff für all das ist ihre positive Haltung: Liebe bringt uns zusammen, Hass treibt uns auseinander. Ein Stop in the Name of Love für das Jahr 2021 ergibt sich daraus zwar nicht, aber ein paar Good Vibes liefert das Album allemal. (Karl Fluch, 8.11.2021)