Die französische Küstenwache bringt gerettete Schiffbrüchige nach Calais zurück. Seit Jahresbeginn haben 20.000 Menschen die Insel erreicht.


Foto: AFP / Bernard Barron

Den französischen Polizisten bot sich letzte Woche ein desolates Bild, als sie nahe Calais ein Schlauchboot entdeckten. Daneben saßen zwei völlig unterkühlte Männer im nassen Sand. Neben ihnen ein Dritter – tot. Die französische Marine, Küstenwache und Seenotrettung hatten in der Nacht zuvor mit Hubschraubern und Schiffen fast 300 Migranten in Lebensgefahr aufgegriffen. Diese hatten trotz tückischer Strömungen versucht, in behelfsmäßigen Booten die mindestens 28 Kilometer breite Meerenge zu überqueren. Oft kentern oder sinken die Boote. Das hat diese Woche zu einem zweiten Todesfall geführt. Ein dritter Migrant gilt als verschollen.

Im Hinterland von Calais warten derzeit mehrere Tausend Migranten auf die nächtliche Kanalüberquerung. 2016 hatte die französische Polizei ein wildes Lager mit nahezu 10.000 Migranten, den sogenannten Dschungel, geräumt. Jetzt steigen die Zahlen wieder stark an. Seit Jahresbeginn haben laut französischen Quellen 20.000 Migranten die britische Kanalküste erreicht.

Gefährliche Überfahrt

Die neue Situation in Calais erklärt sich mit zunehmenden Spannungen in Afrika und im Mittleren Osten, aber auch mit dem Brexit: Die britische Regierung strafft seither die Kontrollen auf den Kanalfähren und im Zug durch den Eurotunnel. Die gefährliche Überfahrt in den "small boats" – so der Jargon – bleibt die einzige Möglichkeit, um ins vermeintlich gelobte England zu gelangen, wo die Migranten Arbeit zu finden hoffen und die Sprache beherrschen.

Briten und Franzosen schieben einander die Schuld an der dramatischen Lage zu. London wirft Paris vor, es missachte das bilaterale, noch vor dem Brexit geschlossene Abkommen von Le Touquet, laut dem die Franzosen die Überfahrt von Migranten schon an der Küste verhindern sollen. London liefert dafür kilometerlange Metallgitter und beteiligt sich finanziell an der Küstenüberwachung. Der französische Innenminister Gérald Darmanin wirft den Briten dagegen seit Wochen vor, sie kämen ihren Verpflichtungen nicht nach.

Der britisch-französische Migrationskonflikt geht noch tiefer als der jüngste ungelöste Fischereistreit im westlichen Teil des Ärmelkanals. Die britische Regierung hegt den Verdacht, die Franzosen ließen bewusst möglichst viele Migranten über den Kanal, um sich für den Brexit zu rächen und dessen angeblich negative Konsequenzen aufzuzeigen. Das Londoner Newsportal Politico zitierte dieser Tage aus einem Brief des französischen Premiers Jean Castex, der die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen aufforderte, "zu zeigen, dass es schädlicher ist, die EU zu verlassen, als darin zu bleiben".

Innenpolitischer Druck

Der französische Abgeordnete Pierre-Henri Dumont hält in der BBC dagegen: "Wir müssen Tag und Nacht drei- bis vierhundert Kilometer Küste überwachen und können nicht alle hundert Meter einen Gendarmen hinstellen." Erschwerend kommt dazu, dass die beiden Hauptprotagonisten innenpolitisch unter massivem Druck stehen – Boris Johnson, weil der Migrationsdruck am Kanal trotz des verschärften Einwanderungsrechts noch zugenommen hat. Und Emmanuel Macron, weil ihm vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen auch innenpolitisch vorgeworfen wird, er unternehme nichts gegen die Migranten in Calais und für die Fischer in der Normandie. "Überhaupt", ätzte der Rechts-Außen und unerklärte Präsidentschaftskandidat Éric Zemmour, "hat England die Brexit-Schlacht gewonnen".

Macron warf Johnson in der Financial Times sehr direkt vor, er halte sich nicht an die Verträge und lasse es an "Glaubwürdigkeit" mangeln. Die Regionalzeitung L’Est Républicain kommentierte gar, die Briten seien "unsere besten Feinde", nachdem sie Frankreich schon in der U-Boot-Krise hintergangen hätten. Der ehemalige Botschafter in Paris, Sir Peter Ricketts, erklärte dieser Tage, es sei "bestürzend" zu sehen, wie sehr sich die Beziehungen zwischen Frankreich und dem Königreich verschlechtert hätten. "Johnson, Macron, stoppt das Feuer!", appellierte er an beide Seiten.

Um die Migranten abzuhalten, haben die Briten wenig Möglichkeiten. Innenministerin Priti Patel prüfte die "Turn away"-Taktik, mit der Migrantenboote durch britische Schiffe abgedrängt werden sollen; doch wie ihr französischer Widerpart Darmanin erklärte, würde dies internationales Seerecht verletzen.

Macron plädiert für eine Revision des europäischen Asylrechts, damit Migranten schon beim EU-Eintritt besser überprüft werden können. Politisch scheint dies aber ebenso wenig machbar wie das britische "Turn away". Rasch wird sich die Lage am Ärmelkanal nicht entspannen. (Stefan Brändle aus Paris, 8.11.2021)