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Wie tief der Abgrund unter dem Seil ist, auf dem der irakische Premier Mustafa al-Kadhimi täglich tanzt, wurde ihm und aller Welt am Sonntag in den frühen Morgenstunden vorgeführt. Mehrere sprengstoffbeladene Drohnen griffen sein Haus in Bagdad an. Er entkam, wurde aber offenbar am Handgelenk verletzt, wo auf Aufnahmen ein Verband zu sehen war.

Mustafa al-Kadhimi ist seit Mai 2020 im Amt. Als dritter designierter Premier nach dem Rücktritt der Regierung von Adel Abdel Mahdi Ende November 2019 schaffte er die Regierungsbildung: ein Mann, dessen Profil keinem anderen der schiitischen Premiers seit den ersten freien Wahlen im Jahr 2005 ähnelt.

Journalist und Autor

Wie alle seiner Vorgänger ging er unter Saddam Hussein ins Exil – in seinem Fall über den Iran nach Deutschland und dann nach Großbritannien – und kehrte nach dessen Sturz 2003 in den Irak zurück. Aber sein Weg führte ihn nicht in die Politik. Kadhimi, 1967 in Bagdad in eine Familie aus dem Südirak geboren, blieb seinem Beruf als Journalist und Autor treu, in dem er sich schon in den 1990er-Jahren hauptsächlich mit dem Irak befasst hatte.

Kanan Makiya, der Autor von Republic of Fear, dem berühmtesten Buch über Saddams Schreckensherrschaft, machte Kadhimi zum Direktor seiner 1992 gegründeten Iraq Memory Foundation. Dort befasste er sich mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur. Aber als Autor für viele Medien, vor allem für Al-Monitor, sparte er auch nicht mit Kritik an der neuen herrschenden Klasse im Irak.

Doch 2016, als der "Islamische Staat" noch nicht besiegt war, wurde Kadhimi überraschend irakischer Geheimdienstchef.

Zwischen den Welten

Seine Nähe zu westlichen Diensten ist nicht weiter verwunderlich: Er hatte unter anderem für dem CIA zugeordnete Medien wie Radio Liberty gearbeitet. Aber auch die Iran-freundlichen Kräfte akzeptierten ihn: Kadhimi kommt zwar selbst nicht aus dem Spektrum der politischen Schia, hat aber doch enge Verbindungen zu dieser Welt. Seine Frau ist die Tochter eines Politikers der Dawa, der ältesten Schiitenpartei des Irak.

Die Zustimmung beider Seiten – also sozusagen Washingtons und Teherans – machte ihn auch 2020 als Kompromisspremier möglich. Seitdem versucht er, den schmalen Grat zwischen den den Irak zerreißenden Kräften zu beschreiten: mit den USA ihren Truppenabzug zu verhandeln und die Iran-loyalen schiitischen Milizen einzudämmen. Letztere haben im Oktober die Wahlen verloren: Sie scheinen Kadhimi dafür verantwortlich zu machen. (Gudrun Harrer, 8.11.2021)