"Ich trage die Tank, weil man sie einfach tragen muss": Andy Warhol legte seine Tank de Cartier nur ungern ab. Für ihn war die Uhr weniger ein Zeitmesser – er zog sie niemals auf –, sondern ein Statement.

Foto: Arnold Newman Properties / Getty Images. Used with permission from The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

Unverändertes Design, mit modernem Innenleben: Die römischen Ziffern dieser Tank Must sind unsichtbar perforiert. Durch die winzigen Öffnungen gelangt die Sonnenenergie zu Photovoltaikzellen unter dem Zifferblatt. Sie halten das "Solarbeat"-Werk der Uhr am Laufen. Rund 16 Jahre hält das Uhrwerk durch, verspricht man bei Cartier.

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Eine der letzten ihrer Art: Patek Philippe verabschiedet sich von seiner Ikone, der Nautilus.

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Gilt als Archetyp der Taucheruhr: die Submariner von Rolex.

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Zählt zu den begehrtesten Uhren der Welt: die Royal Oak – hier mit grünem Zifferblatt – von Audemars Piguet.

Foto: Audemars Piguet

Paris ist 1918 im Freudentaumel. La Grande Guerre ist vorbei. Eine Parade zieht durch die Rue de la Paix 13, den Stammsitz des Juweliers Cartier. Von einem Fenster blickt Louis Cartier auf den Trubel zu seinen Füßen. Sein Blick bleibt auf schwerem, militärischem Gerät hängen: Panzer. Fasziniert beobachtet er das stählerne Monstrum, Tank genannt, das in den Schlachten des Ersten Weltkriegs zum ersten Mal verstärkt eingesetzt wurde. Behäbig rollt die Maschine vorbei, brutal und einschüchternd. Dennoch auf eine Art anziehend für den Zeitgenossen Cartier, der ein Faible für alles technisch Neue hatte.

Schon 1917 hatte er einen Panzer vor seinem geistigen Auge, als er die ersten Skizzen für seine Tank genannte Uhr zu Papier brachte. Deren Gehäuse abstrahiert die Form des Kriegsgeräts. Die zwei parallel verlaufenden Seitenstege repräsentieren die Gleisketten, das Gehäuse den Fahrerstand – ein Konzept der klaren Linie, das eine völlig neue Uhrenform hervorbrachte.

"Die Tank de Cartier war die erste eckige Uhr der Welt", sagt Sebastian Herkner. "Damals war das schon ein Ausrufezeichen." Die Tank galt dementsprechend als avantgardistisch. Sie habe polarisiert und bestimmt auch irritiert, ist sich Herkner, der zur Topriege des internationalen Designs zählt, sicher. Nicht gesichert war allerdings, dass aus ihr eine Ikone im Uhrenkosmos werden würde. "Natürlich konnte das zu dieser Zeit niemand ahnen."

Der Linie treu bleiben

Zeit ist ein gutes Stichwort. Uhren, die zu Ikonen werden, haben eines gemeinsam: Sie bestehen den "Test der Zeit". Sie verändern sich kaum, bleiben ihrer Linie treu. Die Tank wurde zwar im Laufe der Jahrzehnte immer wieder adaptiert, mal gab es sie zu einer Raute verzogen, mal mit etwas runderen Kanten, dem Urprinzip der klaren Kante blieb sie aber treu.

"Das ist ein wichtiger Punkt. Man kann Ikonen anpassen, aber nur mit sehr viel Respekt", meint der deutsche Designer. Ein extremes Beispiel für Linientreue ist Rolex. Der Uhrengigant ist dafür bekannt, seine Modelle nur sehr sanft zu überarbeiten.

Zum Beispiel die Submariner, die gemeinhin als Archetyp der Taucheruhr gilt. 1953 auf den Markt gekommen, hat sich ihr Erscheinungsbild seit einer ersten Anpassung im Jahr 1959 bis heute kaum verändert. In diesem Jahr kam der markante "Mercedes"-Stundenzeiger hinzu, später folgte ein Datumsfenster mit der typischen Lupe. Diese und die folgenden Anpassungen geschahen aus praktischen Überlegungen, rüttelten aber keinesfalls an der Grundform. Mit Erfolg: Die Wartelisten für eine Submariner sind nach wie vor lang.

Unabhängig vom Zeitgeist

Ob dies an dem totzitierten "zeitlosen Design" liegt? Man könne "zeitloses Design" nicht planen, meint Herkner dazu. Erfolgreich seien immer die Modelle – egal ob Möbel, Taschen oder Autos –, die sich unabhängig vom Zeitgeist entwickeln und in jeder Epoche ihren Platz finden. Denn: "Der Trend ist der Tod der Ikone", sagt Sebastian Herkner, wobei man keine scharfe Abgrenzung zum "Klassiker", einem weiteren der Verflachung anheimgefallenen Etikett, ziehen könne, wie er zugibt.

Warum gerade Ikonen besonders gefragt sind? "Ein Produkt, das diesen Status hat, (ver-)kauft sich leichter als ein Produkt, das neu oder noch unbekannt ist", meint der Designer. Die Leute legten sich beispielsweise einen Eames-Chair zu, weil dieser akzeptiert sei. "Man kauft sich damit gleichzeitig auch Anerkennung und ein Statussymbol."

Die Ikone als Falle

Es erstaunt, dass sich manche Uhrenhersteller dennoch freiwillig von einer ihrer Ikonen trennen. So geschehen heuer, als Patek Philippe ankündigte, seinen Bestseller, die Nautilus, nicht mehr bauen zu wollen. Für viele Uhrenliebhaber gilt sie als die ultimative Trophäe. "Ich könnte leicht das Zehn- oder Zwanzigfache von dem verkaufen, was wir heute produzieren, aber ich würde damit die Nautilus in weniger als drei Jahren töten, und ich würde ein großes Risiko eingehen: Ich würde alle Stärken von Patek Philippe auf die Nautilus konzentrieren", meinte dazu der Boss der Genfer Luxusuhrenschmiede, Thierry Stern.

Die Ikone als Last für eine Marke: Genau das scheint die Befürchtung bei Patek Philippe zu sein. Man schielt möglicherweise auf die Konkurrenz. Konkret auf Audemars Piguet (AP) und deren bekanntestes Modell, die Royal Oak: Zu sehr sei man vom Erfolg dieses Uhrenmodells abhängig, mutmaßen manche Experten. In diese Falle möchte man bei Patek Philippe nicht tappen, wird argumentiert.

Serviettenskizze

Beide Uhrenklassiker, Royal Oak wie Nautilus, verdankt die Uhrenwelt demselben Designer: Gérald Genta. Legendär ist die Episode rund um die Geburt der Nautilus, die 1976 auf den Markt kam. Genta kritzelte den Entwurf der Kultuhr innerhalb von fünf Minuten auf eine Serviette.

Gerne wird in diesem Zusammenhang auch erzählt, dass Royal Oak und Nautilus zunächst sehr skeptisch beäugt wurden. Stahluhren, die teurer eingepreist waren als so manche Zeitmesser aus Edelmetall? Das konnte man sich damals kaum vorstellen. Und doch wurde aus beiden Modellen eine Ikone.

Ein Panzer als Vorbild für die erste rechteckige Uhr der Welt, eine Serviettenskizze als Grundlage eines der begehrtesten Edelstahlmodelle der Welt: Es sind solche Legenden und Anekdoten, die den Status der Ikone offenbar untermauern.

Das, und dass sie immer wieder neu entdeckt wird, unter anderem von Promis und anderen Influencern. Wer sie trägt, setzt ein Statement. Niemand brachte das besser auf den Punkt als Andy Warhol, der seine Tank stets am Handgelenk trug. "Ich trage die Tank nicht, um zu wissen, wie spät es ist. Ich ziehe sie niemals auf. Ich trage die Tank, weil man diese Uhr einfach tragen muss." Durch die Weigerung, seine Uhr aufzuziehen, verlieh die Pop-Art-Ikone der Uhr einen ganz neuen Stellenwert – als Lifestyle-Symbol. (Markus Böhm, RONDO exklusiv, 3.1.2022)

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