Illustration: Sion Ap Tomos

Pro
von Ana Grujic

Niemand sieht cool aus, wenn er Selfies macht. Es ist weniger das komische Anwinkeln des eigenen Armes, um sich selbst zu fotografieren. Es ist eher die Tatsache, dass das Gegenteil von cool immer gewollt ist. Und was ist schon absichtlicher und mehr try-hard, als ein Foto von sich selbst zu machen.

Genau deshalb sind Promi-Selfies toll. Sie verraten, wann es Menschen egal ist, uncool zu wirken: wenn sie Menschen treffen, die sie so richtig toll finden.

Der stocksteife Arbeitskollege posiert mit seiner Lieblingsschauspielerin, die vor allem in Romanzen spielt. Die Freundin fotografiert sich mit dem einen Fußballer, den wirklich nur Hardcore-Fans auf der Straße erkennen. Und die eigene Mutter schießt Selfies mit einem Kabarettisten, dessen Zoten dreckiger sind als jede öffentliche Toilette.

Jedes Promi-Selfie ist ein kleines Geständnis. Und das dreht die ganze Sache schon wieder ins Großartige. Denn während Gewolltes immer uncool ist, kommt eines nie aus der Mode: Mut. Und wenig verlangt so viel davon, wie seine Gefühle offen zu zeigen.

Kontra
von Ljubiša Tošic

Wer die sehr erschütternde Ehre hatte, kaum einen Meter von Barde Michael Jackson entfernt zu erleben, wie dieses außerirdische Gesicht zu den Anwesenden seiner CD-Party "I thank you all, I love you all" piepste, um hernach in der Dunkelheit zu verschwinden – der hat für alle Zeit auf Erden die Lust am Festhalten von Nähe zu Stars verloren.

Wir unbedeutenden Erdenwürmer des Alltags, die zu den Giganten unserer Epoche hinaufblicken, tragen nämlich große Verantwortung. Der Mensch ist für Ausmaße an Erfolg und Bekanntheit, wie sie "Wacko Jacko" erleben musste, ja nicht gebaut. Siehe auch Elvis oder Monroe. Mit unserer Gier nach Nähe bereiten wir den echten Promis die Hölle auf Erden. Das erkämpfte Selfie ist dabei der ultimative Gewaltakt gegen die letzten Reste von Freiheit und Anonymität der Promiexistenz.

Gleichzeitig begibt sich der Selfiejäger in Bereiche der Selbstdemütigung. Nie wird er, wenn er ehrlich ist, seiner Kläglichkeit stärker gewahr als im Moment der Scheinnähe zum Starobjekt. Lasst sie in Ruhe! Bewundert sie aus der Ferne! Werdet endlich selbst bedeutend! (RONDO exklusiv, 14.11.2021)