Großeltern und Enkelkinder wollen sich unbeschwert sehen? Dann sollten die Großeltern dreimal geimpft sein und die Kleinen vorab einen PCR-Test machen, sind sich Experten einig.

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Viele Menschen sind bereits geimpft. Doch im öffentlichen Raum kann man sich nicht aussuchen, ob die Person neben einem immunisiert ist oder nicht. Mittlerweile herrscht in vielen Bereichen 2G-Pflicht. Doch kontrolliert wird trotzdem viel zu wenig. Dazu kommt die Gefahr eines Impfdurchbruchs, weil der Immunschutz nachlässt und weil die Delta-Variante mehr als doppelt so ansteckend ist wie der Wildtyp.

Wie kann man sich angesichts dieser Tatsachen halbwegs entspannt im öffentlichen Raum bewegen? DER STANDARD hat Expertinnen und Experten gefragt, wie sie sich in einigen konkreten Situationen verhalten würden.

Partynacht

Frage: Die 23-jährige Nichte ist doppelt geimpft und will in einen Club gehen. Trotz 2G-Regel wird das Impfzertifikat nicht abgefragt, und man sieht, dass die Kontrollen generell nicht oder nur schleißig stattfinden. Soll sie trotzdem feiern und die Gefahr eines Impfdurchbruchs riskieren?

Miranda Suchomel, Hygienikerin an der Med-Uni Wien: Nein, eher nicht. Wenn das Mädel eh schon so weise war und sich impfen hat lassen und – obwohl in Partylaune – auch noch bemerkt, dass die 2G-Regel vom Veranstalter eher ignoriert wird, wird sie sich wahrscheinlich gegen ein Feiern entscheiden.

Michael Wagner, Professor für Mikrobiologie an der Universität Wien: Idealerweise lässt sie das Clubpersonal wissen, dass sie mit den schleißigen Kontrollen unzufrieden ist und darum in einen anderen Club geht, der seinen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leistet. Wenn sie trotzdem in dem Club feiert, sollte sie sich in den darauffolgenden Tagen mehrmals mit PCR testen und keine Risikopersonen in Innenräumen ohne Maske treffen.

Judith Aberle, Virologin an der Med-Uni Wien: Aktuell steigen die Fallzahlen stark an, und dementsprechend steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es bei größeren Zusammenkünften in Clubs oder bei privaten Feiern zu Infektionen kommt. Die Impfung schützt vor schweren Verläufen, und sie verringert das Infektionsrisiko.

Der 75. Geburtstag

Frage: Ein Elternteil wird 75 und möchte den Geburtstag in größerer Familienrunde feiern. Wie kann so eine Feier sicher ablaufen?

Miranda Suchomel: Es ist anzunehmen, dass alle, die konnten und durften, geimpft sind. Ich würde dennoch alle um einen aktuellen PCR-Test bitten.

Christoph Steininger, Virologe an der Med-Uni Wien: Geimpft.

Judith Aberle: Corona-Ausbrüche nach Familienfeiern zeigen, dass ein einzelner Infizierter oft viele Menschen ansteckt. Daher sollten alle, die sich impfen lassen können, geimpft sein. Die dritte Impfung erhöht die Schutzwirkung, und auch das Einhalten von Abstands- und Hygieneregeln erhöht die Sicherheit.

Martin Sprenger, Public-Health-Experte am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Med-Uni Graz: Ein Nullrisiko gibt es nicht. Das Leben beinhaltet vielfältige gesundheitliche, mentale, soziale und wirtschaftliche Risiken. Wenn es um die Minimierung des Risikos einer Infektion mit Sars-CoV-2 geht, sollten alle Beteiligten vor dem Fest einen PCR-Test machen.

Geburtstagsparty

Frage: Eine Freundin feiert ihren 30. Geburtstag. Sie will, dass alle Gäste, egal ob geimpft oder nicht, ein Testzertifikat mitbringen, idealerweise PCR, damit eine entspannte Party steigen kann. Ist das übertriebene Vorsicht?

Judith Aberle: Neben der Impfung ist das Testen eine wirksame Maßnahme, um die Sicherheit zu erhöhen, und daher im Hinblick auf die aktuell hohen Fallzahlen keineswegs übertrieben.

Miranda Suchomel: Nein.

Christoph Steininger: Ideal wäre, wenn alle Besucher geimpft wären. Aber als Alternative ist ein PCR-Test gut geeignet, Sicherheit für eine schöne Party zu schaffen.

Kindergeburtstag

Frage: Das neunjährige Kind ist auf eine Geburtstagsfeier mit Übernachtung eingeladen. Die Kinder sind alle im selben Alter, gehen aber auf unterschiedliche Schulen. Kann es bei der Feier dabei sein? Wie lässt sich die Ansteckungsgefahr senken?

Miranda Suchomel: Ich denke, dass sich die Ansteckungsgefahr in so einem Setting nicht senken lässt. Die Kinder sind wohl alle getestet, darauf kann man ja schon einmal bauen. Das betrifft aber nur Corona und nicht die vielen Husten-Schnupfen-Viren, die derzeit grassieren.

Monika Resch, Kinderärztin und Fachärztin für Neonatologie: Ich sehe in der gestellten Frage eigentlich ein ganz anderes Thema – ist neun Jahre nicht zu früh, um eine Übernachtungsparty mit vielen Kindern aus verschiedenen Schulen zu veranstalten? Aber wenn es so sein soll, sollten alle Kinder davor einen PCR-Gurgeltest machen, um das Risiko einer möglichen "Einschleppung" des Virus und einer Übertragung zu minimieren. Antigentests fände ich zu unzuverlässig, ebenso den Ninja-Pass, da die Tests unter Umständen zu lange her sind.

Michael Wagner: Die Ansteckungsgefahr lässt sich massiv senken, indem sich alle eingeladenen Kinder und die Familienmitglieder des Geburtstagskinds am Tag vorher mit PCR-Gurgeltests testen lassen. Dann steht einer Feier nichts im Weg.

Stefan Thurner, Komplexitätsforscher und Chef des Complexity Science Hub Vienna: Gar nicht, wenn es die Kinder lustig haben. Sind eines oder mehrere infiziert, werden in den unterschiedlichen Schulen vermehrt Fälle sein. Da man Neunjährige zurzeit noch nicht impfen kann, lässt sich die Ansteckungsgefahr praktisch nicht senken.

Besuch bei den Großeltern

Frage: Seitdem das zweijährige Kind in der Krippe ist, ist es ständig verkühlt. Getestet werden die Kinder nicht. Sollte es seine Großeltern trotzdem sehen?

Michael Wagner: Ich würde dazu raten, am Tag vor dem Großelternbesuch das Kind mit Mundausspülen und PCR testen zu lassen, wo dies logistisch möglich ist. Und, ganz wichtig: Die Großeltern sollten schon ein drittes Mal geimpft sein.

Monika Resch: Ja, auf alle Fälle – alles, was ein Zurück zu sozialer und zwischenmenschlicher Normalität fördert, muss unbedingt unterstützt und empfohlen werden. Um ganz sicher zu gehen, würde ich das Kind ebenfalls mit einem PCR-Test davor testen (Rachenabstrich).

Christoph Steininger: Die Impfung der Großeltern macht diese Situation ebenso entspannter, da diese zumindest mehr Sicherheit haben und das Kind eher sehen können. Idealerweise ist das Kind zum Zeitpunkt des Kontakts gesund gewesen für einige Tage.

Stefan Thurner: Wenn die Großeltern über das Risiko Bescheid wissen, müssen sie sich überlegen, wie viel Risiko sie auf sich nehmen wollen. Aufgabe der Regierung wäre, dass sie Bescheid wissen.

Schwanger zum Fest

Frage: Eine Schwangere will zur Hochzeit ihres Bruders gehen. Sie ist geimpft, möchte aber nichts riskieren. Soll sie den Bruder bitten, den Impfstatus der Gäste abzufragen?

Barbara Prainsack, Professorin für Politikwissenschaft an der Uni Wien und Mitglied der Ethikkommission: Der Bruder sollte alle Gäste um die Einhaltung der 3G-Regel bitten, zusätzlich sollte jede Person einen Schnelltest am Eingang machen. Impfstatus abfragen würde ich nicht.

Monika Resch: Was die Schwangere anbelangt, sie ist mit Impfung gut geschützt. Um aber generell ein Viruscluster zu vermeiden, ist wahrscheinlich ein umgeimpfter Gast aufzufordern, sich davor PCR-testen zu lassen.

Weihnachtsfeier

Frage: Nachdem sie letztes Mal ausgefallen ist, wünschen sich mehrere Kollegen dieses Jahr eine richtige Weihnachtsfeier. Was würden Sie als Chefin bei der Planung beachten?

Barbara Prainsack: Die 2,5G-Regel müsste eingehalten werden. Wenn es sich um ein langes Zusammensitzen oder -stehen in Innenräumen handelt oder sehr viele Leute zusammenkommen, würde ich zusätzlich Schnelltests am Eingang machen lassen.

Martin Sprenger: Es sollte niemand von der Feier ausgeschlossen werden. Je nach Größe der Feier sollte eine für alle akzeptable Lösung gefunden werden. Wenn dazu die Minimierung des Risikos einer Infektion mit Sars-CoV-2 erforderlich ist, sollten alle Beteiligten vor der Feier einen PCR-Test machen.

Geimpft und erkältet

Frage: Ein größeres Meeting steht an, wichtige Dinge werden besprochen, man sollte wenn möglich nicht fehlen. Es kündigt sich aber eine Erkältung an. Reicht ein Gurgeltest, um zu bestätigen, dass es kein Corona ist? Oder wie sollte man sich verhalten? Absagen?

Monika Resch: Hier muss man unterscheiden zwischen Covid und generellen Virusinfekten – wenn wir uns nur auf Covid beschränken wollen, was ich nicht sinnvoll finde, reicht ein Gurgeltest. Um aber alle anderen im Meeting generell mit keinem Infekt anzustecken, ist es wahrscheinlich nicht kollegial, verkühlt und damit infektiös zu erscheinen. Ich würde in diesem Fall eine Online-Zuschaltung vorschlagen.

Judith Aberle: Bei Erkältungssymptomen sollte man nicht an Meetings teilnehmen. Auf der einen Seite können Tests eine Sars-CoV-2 Infektion nicht gänzlich ausschließen. Andererseits verhindert man, dass andere respiratorische Viren bei Meetings verbreitet werden und bei Kollegen und Meetingteilnehmern zu einer Erkrankung oder ähnlichen Situation im Hinblick auf Treffen mit Freunden, Familie und Arbeitskollegen führen.

Nicht geimpft

Frage: Eine Pädagogin im Bekanntenkreis arbeitet mit Kindern unter zwölf. Sie möchte sich nicht impfen lassen, will aber die Kinder nicht anstecken. Was kann sie dafür tun?

Michael Wagner: Sie sollte ihre Haltung zur Impfung überdenken. Außerdem sollte sie sich dreimal pro Woche PCR-testen lassen und in der Arbeit immer eine FFP-2-Maske tragen. In der Freizeit sollte sie sich generell vorsichtig verhalten und in öffentlichen Innenräumen eine FFP2-Maske tragen.

Miranda Suchomel: Regelmäßig PCR-Tests machen, immer FFP2-Maske tragen und sich überlegen, sich vielleicht doch impfen zu lassen.

Barbara Prainsack: Wenn sie sich aus einem medizinischen Grund nicht impfen lassen kann, sollte mit dem Arbeitgeber eine gute Lösung gefunden werden (zum Beispiel Einsatz im Administrativbereich). Ansonsten sollte sie an jedem Arbeitstag einen gültigen negativen PCR-Test haben. In diesem Fall stellt sich jedoch die Frage, ob die Allgemeinheit die doch beträchtlichen PCR-Test-Kosten übernehmen soll.

Martin Sprenger: Infektionen mit Bakterien und Viren können immer und in beide Richtungen stattfinden. Generell sollte weder die Pädagogin krank arbeiten gehen, noch sollten kranke Kinder in Betreuung gegeben werden. Wenn es um die Minimierung des Risikos einer Infektion mit Sars-CoV-2 geht, sollte die Pädagogin alle 48 bis 72 Stunden einen PCR-Test machen.

Monika Resch: Hier kann eigentlich nur mit lückenlosen PCR-Gurgeltests Risikominimierung stattfinden. Diese müsste sie, wenn sie wirklich niemanden anstecken möchte, täglich machen. Als Elternteil der Kinder fände ich das äußerst bedenklich.

Beim Teamsport

Frage: Sie spielen Fußball oder Volleyball, das wöchentliche Training kann stattfinden. Doch es gibt Vereinsmitglieder, die nicht geimpft sind. Nach dem Training zieht man sich in derselben Umkleidekabine um, danach geht man oft noch etwas trinken. Manche fühlen sich damit nicht ganz wohl. Wie sollte die Mannschaft damit umgehen?

Christoph Steininger: Diese Frage sollte im Team diskutiert und gemeinsam als Team entschieden werden. Sollten sich nicht alle Teammitglieder im Sinne der Solidarität für eine Impfung entscheiden können, sollten sich die Ungeimpften vor dem Sport testen lassen und andere Umkleidekabinen mit möglichst viel zeitlichem Abstand verwenden.

Martin Sprenger: Im Sinne der Steigerung der Gesundheitskompetenz wäre die Information wichtig, dass eine Impfung gegen Sars-CoV-2 die Übertragung der Delta-Variante wahrscheinlich kaum reduziert, wie auch eine aktuelle Studie zeigt, die im Fachjournal "The Lancet" publiziert wurde. Um das Risiko einer Infektion innerhalb der Mannschaft zu minimieren, müssen somit die inzwischen gut bekannten Hygienemaßnahmen eingehalten werden.

Beim Chor

Frage: Sie gehen regelmäßig zur Chorprobe, aber der Impfstatus aller dort Anwesenden ist Ihnen nicht bekannt, die 3G-Regeln werden mehr oder weniger eingehalten. Können Sie entspannt mitmachen?

Barbara Prainsack: Ich würde in diesem Fall in der derzeitigen Lage nicht mitmachen.

Judith Aberle: Ausgeschlossen ist eine Infektion nicht. Durch eine dritte Impfung ist man besser geschützt. Sie verringert das Infektionsrisiko und bremst die Ausbreitung des Virus. Damit ist man auch vor der Delta-Variante besser geschützt.

Stefan Thurner: Werden die 3G-Regeln mehr eingehalten, ist die Sicherheit höher, werden sie weniger eingehalten, sollte man sich bewusst sein, dass man selbst angesteckt werden kann, vor allem wenn die letzte Impfung schon einige Zeit zurückliegt, und dass die Risikogruppen im Chor einer Gefahr ausgesetzt sind.

Miranda Suchomel: Wenn ich regelmäßig zur Probe gehe, werde ich wahrscheinlich auch entspannt mitmachen. Ich kann mich ja aber auch bei den anderen bezüglich Impfstatus erkundigen. Ab und zu die Hände zu waschen, was seit der Impfung völlig in Vergessenheit geraten zu sein scheint, und zu lüften schaden in keinem der obengenannten Beispiele. (Pia Kruckenhauser, 9.11.2021)