Die Britin Emma Raducanu ist die Nummer eins in Linz, aber um gut elf Jahre jünger als die Nummer zwei, Simona Halep aus Rumänien.

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New York 2021: Emma Raducanu kann es nicht fassen. Es ist ihr dritter Matchball im Finale. Sie ist dem großen Ziel so nahe, einmal noch alles rein, einmal noch. Sie hat davor noch wenig erreicht. Ja, Wimbledon war super, aber nicht vollendet – Aufgabe im Achtelfinale. Die Qualifikation bei den US Open war hart. Sie wirft den Ball über ihren Kopf, wie schon tausende Male zuvor – Schläger hinter den Kopf, Wurfbewegung, Schlagbewegung. Gegnerin Leylah Fernandez aus Kanada sieht das Service der 18-jährigen Britin zu spät. Oder es ist zu schnell. Raducanu ist fertig, durch. Hinlegen, Schläger weg, Hände vors Gesicht. Alles, was war, war einmal, der Rest ist jetzt, denn jetzt ist sie Grand-Slam-Siegerin. Eine von wenigen. Von nun an wird alles anders sein.

Paris 2018: Simona Halep kann es nicht fassen. Es ist der erste Matchball. Sie ist dem großen Ziel so nahe, einmal noch alles rein, nur noch ein Mal. Sie hat schon so viel erreicht, Turniere gewonnen, war Nummer eins der Welt. Aber ein Grand-Slam-Titel fehlt noch. Dreimal Finale, nichts geholt. Jetzt, bei den French Open, soll sie klappen, die Vollendung. Sie drückt den Ball auf den Boden, fängt ihn wieder. Wie vielleicht schon hunderttausend Mal zuvor. Service? Nein, noch einmal. Halep ist nervös, das Ritual beginnt von neuem. Service. Gegnerin Sloane Stephens aus den USA bringt den Ball nicht übers Netz. Halep legt sich nicht hin, die Hände sind vor dem Gesicht, sie ist am Ziel. Alles, was war, war einmal, der Rest ist jetzt. Jetzt ist sie Grand-Slam-Siegerin. Eine von wenigen. Wird von nun an alles anders?

Schlag auf Schlag

Emma Raducanu wurde 2002 in Toronto geboren. Ihr Vater Ian ist Rumäne, Mutter Renee kommt aus Shenyang, China. Bald zieht die Familie nach London, Emma beginnt im Alter von fünf Jahren mit dem Tennissport. Er liegt ihr, sie hat großes Talent. 2015 gewinnt sie mit 13 Jahren das Nike Junior International, ist eine der jüngsten ITF-Siegerinnen der Geschichte. Tennis wird zum Leben. Auf der großen Bühne besticht sie erstmals 2021, in Wimbledon kommt sie bis ins Achtelfinale, muss dort aber aufgeben. Der Coup gelang im selben Jahr in New York. Aus der Qualifikation kämpfte sich die Rechtshänderin bis ins Finale der US Open. Noch nie zuvor hatte ein Qualifikant oder eine Qualifikantin ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Raducanu wird mit mehreren Schlägen zum Weltstar.

Als Simona Halep 1991 in Konstanza, Rumänien, auf die Welt kommt, stehen die Zeichen auf eine sportliche Zukunft. Vater Stere kickte bei Farul Constanta, Bruder Nicolae spielte Tennis. So kam auch Simona zu jenem Sport, den sie später dominieren würde. "Manchmal musste ich weinen, bevor ich auf den Tennisplatz kam, weil ich so schüchtern war. Ich war sehr introvertiert, ich bin noch immer introvertiert", sagte sie in einem Interview mit dem Guardian.

Drama, Show und Emotionen spielen kein Tennis, die Frau aus Konstanza gewinnt 2013 in Nürnberg ihr erstes Turnier auf höchster Ebene, wird zur Konstanten auf der WTA-Tour. Insgesamt gelingen ihr 22 Turniersiege, 2017 wird sie zur Nummer eins. Ihr erstes Grand-Slam-Turnier gewinnt sie 2018 in Paris, es war ihr viertes Finale. "Es hat alles verändert, ich wurde viel relaxter."

Explosiv und beweglich

Raducanu spielt explosives Tennis, hat eine starke Vorhand, ihr Returnspiel ist hervorragend. Ein weiterer Trumpf ist die Genauigkeit in ihren Schlägen, manchmal wirkt es so, als könnte sie locker eine Münze auf dem Boden treffen.

Halep gilt als eine der beweglichsten Spielerinnen auf der Tour. Ihre Beinarbeit ist überragend, sie ist eine Meisterin im Konter, die Angriffe der Gegnerin umzudrehen und gegen sie selbst zu richten.

Linz im November, Raducanu ist mit dem Flugzeug nach Oberösterreich gekommen. Sie ist der Trumpf der Upper Austria Ladies Open, der Star, ist auf allen Postern und Programmen. Außerdem ist sie topgesetzt. Die 18-Jährige wirkt schon souverän, will "einfach Spaß haben und den Saisonabschluss genießen."

Halep kam mit dem Zug. Man merkt, dass sie schon einige Zeit auf der Tour ist, sie kennt alle Fragen, die Antworten, das Auftreten sind souverän, aber nicht gelangweilt oder genervt. Halep ist hinter Raducanu als Nummer zwei gesetzt. Sie ist nach einer Verletzung erst kürzlich wieder auf die Tour zurückgekehrt, konnte vier Monate kein Match spielen: "Ich habe viel Zeit investiert, bin jetzt aber wieder schmerzfrei, frei im Kopf und bereit, hier in Linz hoffentlich ein paar gute Matches zu spielen." Läuft alles nach Turnierplan, treffen Halep und Raducanu im Finale aufeinander. Nicht ganz streng genommen ist das ein Generationenduell, solche Drehbücher mag man im Sport. (Andreas Hagenauer, 9.11.2021)