Wir befinden uns mitten in der vierten Welle der Corona-Pandemie. Die Zahl der Infizierten ist hoch, die Auslastung der Intensivbetten ebenso. Neben weiteren Maßnahmen zur Eindämmung des Virus hat das Nationale Impfgremium nun allen über 18-Jährigen die Empfehlung ausgesprochen, sich sechs Monate nach der Vollimmunisierung "boostern" zu lassen. Dem sind auch bereits einige Menschen in Österreich nachgekommen. Für andere sind damit Fragen aufgetaucht. DER STANDARD hat diese gesammelt – und Expertinnen und Experten, aus dem STANDARD-Corona-Fachrat und darüber hinaus, liefern die Antworten dazu.

Das Virus beschäftigt uns nun schon recht lange. Expertinnen und Experten beantworten Fragen aus der Community.
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Florian Krammer, Virologe und Impfstoffforscher an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York, antwortet auf Fragen zu Spike-Proteinen, dem richtigen Zeitpunkt der Booster-Impfung und der Rolle der Antikörper. Miranda Suchomel, Hygienikerin an der Med-Uni Wien, gibt Einblick in das Infektionsrisiko der Delta-Variante.

Florian Krammer: Geimpft wird mit einer mRNA, die für das Spike-Protein kodiert. Um mal ein bisschen auszuholen: Was ist mRNA? mRNA steht für Messenger-RNA oder auch Boten-RNA. In einer Zelle haben wir folgende Problemstellung: Das Genom, in Form von DNA, das die Information für den Bau der Proteine enthält, befindet sich im Zellkern und ist von einer Kernmembran umgeben. Die Ribosomen, die kleinen Maschinen, die Protein bauen, befinden sich aber außerhalb im sogenannten Zytoplasma. Wie kommt jetzt die Information für den Bau der Proteine aus dem Zellkern zu den Ribosomen? Indem die Information für einzelne Proteine von DNA in mRNA umgeschrieben wird. Die mRNA ist viel kleiner und kann aktiv aus dem Zellkern geschleust werden. Sie dockt dann an den Ribosomen an und Proteine werden gebaut. Der Vorgang ist essenziell für die Zelle, ohne ihn könnten wir nicht leben. Unsere Zellen sind zu jedem Zeitpunkt im Leben voll von mRNA. Der Weg von der DNA zur RNA ist übrigens eine Einbahnstraße, mRNA wird nicht zurück in den Zellkern gebracht und wieder ins Genom eingeschrieben.

Eine mRNA, die zum Beispiel für das Spike-Protein des Sars-CoV-2 kodiert, kann man jetzt auch biochemisch herstellen (mit ähnlichen Enzymen wie die Zelle). Wenn man die in Fettpartikel (lipid nanoparticles, LPNs) verpackt, kann man sie verimpfen. Die Fettpartikel werden dann von Muskelzellen, aber noch viel wichtiger, von Immunzellen, aufgenommen, die mRNA gelangt ins Zytoplasma und dockt an den Ribosomen an wie 'normale' mRNA auch – und das Spike-Protein wird hergestellt. Und darauf bekommen wir dann eine Immunantwort. Die mRNA wird übrigens binnen Tagen abgebaut, auch das Spike-Protein ist innerhalb von etwa zehn Tagen wieder komplett verschwunden.

Sars-CoV-2 macht das etwas anders. Das Virus dringt auch in unsere Zellen ein, übernimmt dann aber komplett die Kontrolle und macht unsere Zellen zu Virusfabriken – bis die Zelle abstirbt. Das Virus verbreitet sich dabei immer weiter in den Atemwegen, und immer mehr Zellen werden infiziert und zu Virusfabriken umgebaut. Das Virus schickt übrigens eines seiner Protein in den Zellkern, um zu verhindern, dass mehr körpereigene mRNA ausgeschleust wird, und zwingt die Zelle, alle Energie in die Virusproduktion zu stecken. Im Gegensatz zu einer Virusinfektion ist die Impfung ein kleiner Eingriff, bei dem nur wenige Zellen und nur für kurze Zeit manipuliert werden.

Krammer: Nein. Wir sehen in unseren Studien, dass eine Durchbruchsinfektion eine etwa gleich starke Booster-Wirkung hat wie eine dritte Impfung.

Krammer: Früher macht keinen Sinn. Wenn die Booster-Dosis zu früh nach der zweiten Impfung gegeben wird, ist der Booster-Effekt vermutlich schwächer. In einer Hochinzidenzsituation wie der momentanen in Österreich macht eine Booster-Dosis nach sechs Monaten aber Sinn, auch für Schwangere.

Krammer: Das stimmt aus wissenschaftlicher Sicht nicht. Das Risiko, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren beziehungsweise zu erkranken, nimmt mit zunehmendem Antikörpertiter ab. Mittlerweile gibt es sehr gute Studien dazu, die das auch zeigen, zum Beispiel hier, hier, hier und hier.

Allerdings ist es unklar, wie praktisch es wäre, vor der Auffrischung eine Titerbestimmung zu machen (wie man das aber für manche andere Impfungen macht, zum Beispiel Hepatitis A oder B). Und für eine offizielle Empfehlung müssen auch noch die spezifischen BAU-Level festgelegt werden. Wo eine Titerbestimmung jetzt schon sinnvoll ist: um festzustellen, ob Leute mit Immunproblemen auf eine Impfung reagiert haben. Sind keine Antikörper da, ist das meist ein schlechtes Zeichen und der Patient muss weiterhin sehr vorsichtig sein. T-Zellen-Antworten korrelieren übrigens oft mit Antikörperantworten, schon deshalb, weil T-Zellen notwendig sind, um B-Zellen zur Bildung von Antikörpern anzuregen.

Krammer: Es gibt Fälle, wo aktives Virus auch nach Monaten noch von Patienten isoliert werden konnte. Das sind allerdings Ausnahmen – und es handelt sich meist um Personen mit starken Immunschwächen. Typischerweise ist das Virus aus den Atemwegen für ein bis zwei Woche isolierbar (kommt aber auch auf die Schwere des Verlaufs an). Manchmal auch im Stuhl. Ganz ganz selten im Blut während der akuten Phase bei sehr schweren Verläufen.

Was oft länger nachweisbar bleibt, oft auch Wochen und seltener monatelang, ist das Genom, die RNA des Virus. Dabei handelt es sich aber im Normalfall eben um das Genom und nicht um infektiöses Virus. Man hat Virusproteine (aber nicht infektiöse Viren) in manchen Fällen auch nach Wochen und Monaten noch im Darm nachgewiesen. Aber auch da würde ich von Ausnahmen ausgehen.

Miranda Suchomel: Sars-CoV-2 (auch die Delta-Variante) wird nach wie vor in erster Linie über virushaltige Partikel übertragen, die von infizierten Personen zum Beispiel beim Husten, Niesen, Sprechen oder Singen und auch Atmen in Form von größeren Tröpfchen oder kleineren Aerosolen (Tröpfchenkerne) ausgeschieden werden. Gelangen diese virushaltigen Tröpfchen(kerne) auf die Schleimhäute von Nase, Mund oder auch auf die Bindehaut der Augen, ist eine Ansteckung möglich. Ob es tatsächlich zu einer Übertragung und in der Folge zu einer Ansteckung kommt, hängt von vielen Faktoren ab.

Dabei spielen zum Beispiel die Menge der ausgeschiedenen Virenlast, die Tröpfchengröße und -menge, die Dauer des Kontaktes, die Umgebungsbedingungen (drinnen oder draußen, Witterung, Luftbewegung, Temperatur et cetera), bis hin zum Immunstatus des Gegenübers eine Rolle. Ich würde das Ansteckungsrisiko daher nicht zwingend an einer Zahl beziehungsweise bestimmten Zeit (zum Beispiel 15 Minuten) festmachen. Prinzipiell kann aber davon ausgegangen werden, dass eine Ansteckung mit der Delta-Variante durch geringere Virenlasten möglich ist und damit auch schneller passieren kann. In Sauna oder Dampfbad herrschen diesbezüglich meines Erachtens vergleichbare Infektionsrisiken wie in anderen öffentlichen Einrichtungen.

Eine Übertragung durch Schmierinfektion über die Hände oder durch den Kontakt mit kontaminierten Oberflächen ist – vor allem im klinischen Setting in der unmittelbaren Umgebung von infizierten Personen – prinzipiell nicht auszuschließen. Vor diesen Übertragungswegen schützen aber adäquate Händehygienemaßnahmen wie das Waschen der Hände oder Händedesinfektion sehr gut. Über das regelmäßige, ausreichend lange und gründliche Händewaschen mit Wasser und Seife spricht seit längerem leider keiner mehr. Dabei schützt diese einfache Maßnahme nach wie vor sehr gut, auch bei der gefürchteten Delta-Variante. (Irene Brickner, Judith Wohlgemuth, 11.11.2021)