Menschen aus Afghanistan bei ihrer Ankunft in Abu Dhabi Ende August. Auch jetzt schaffen es vereinzelt Flüchtende aus dem von den Taliban beherrschten Land.

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Jetzt müsste es langsam kritisch werden. Zumindest dann, wenn man sich auf die Schätzung der US-Geheimdienste aus dem Sommer beruft. Diese rechneten "einige Monate" nach dem Abzug der US-Truppen aus dem Land mit der möglichen Machtübernahme der Taliban. Wie man heute weiß, kam es anders. Die Radikalislamisten zogen im Eiltempo durch das Land, die Hauptstadt Kabul war noch vor dem Abzug der USA erobert. Seither wurde es, abseits von Meldungen über die wirtschaftlichen Nöte, in vielen Medien wieder ruhiger um den Hindukusch-Staat.

DER STANDARD hatte damals, in den turbulenten Wochen im August, über mehrere Menschen in Afghanistan berichtet und deren Ängste vor dem Leben unter den Taliban wiedergegeben. Wie ist es ihnen seither ergangen? Zumindest in zwei Fällen gibt es Neuigkeiten.

Über Rabia* berichteten wir zuletzt Ende August. Da hatte die 39-Jährige gerade mehrere Tage mit ihrer sechsjährigen Tochter am Flughafen Kabul zugebracht. Trotz eines gültigen US-Visums, das ihr die Ausreise ermöglicht hätte, verließ sie das Gebiet nach 24 Stunden wieder, ohne durchgekommen zu sein. Zum Glück, wie man ebenfalls heute weiß. Am 26. August griffen Selbstmordattentäter des "Islamischen Staates" (IS) den Flughafen und die dort Wartenden an, mindestens 180 Menschen wurden getötet.

Als würde man brennen

Es habe sich angefühlt "wie ein Fisch im Trockenen, so wie verbrannt zu werden", beschreibt sie das Gefühl, das sie damals hatte. Übersetzt hat es Ahmad*, Vater der Sechsjährigen, der früher für die US-Regierung gearbeitet hat und heute in Österreich lebt. Nach 24 Stunden wieder in Richtung der Taliban umkehren zu müssen sei eine riesige Enttäuschung gewesen. "Kabul wirkte wie eine Stadt, in der alle sich körperlich bewegen, aber geistig tot sind." Vor allem die Hoffnungslosigkeit steche hervor, sie selbst habe sich nicht ohne männliche Begleitung aus dem Haus getraut.

Das Gefühl habe sich später verstärkt. "Die Taliban können kämpfen, sie sind Experten für Gewalt, aber sie können kein Land führen", sagt sie. Die Folge: Die Arbeitslosigkeit steige, alles werde teurer, und natürlich: Für Frauen gebe es "null Perspektive". Mancherorts dürften Mädchen zwar noch in Schulen gehen, es gebe aber keinen flächendeckenden Unterricht mehr – und nach der sechsten Schulstufe sei nach dem Willen der neuen Herrscher Schluss. Für Rabia und ihre Tochter gab es ein glimpfliches Ende: Sie konnten das Land schließlich mit privater Hilfe auf einem offiziellen Evakuierungsflug Richtung Abu Dhabi verlassen. Dort warten sie derzeit auf die Weiterreise in die USA. Seine Tochter vermisse den Unterricht, erzählt Ahmad. Rabia ist dennoch hoffnungsvoll: Die USA seien für sie immer noch jenes Land, in dem Menschen von überallher Möglichkeiten hätten.

Richterin geflohen

Die Flucht aus Afghanistan ist auch jener Richterin gelungen, über die wir am 14. August schrieben. Sie, die auch Taliban verurteilt hatte, berichtete über ihre Angst vor Rache. Mittlerweile ist sie in Abu Dhabi und hofft auf Weiterreise. Ihre Angehörigen in Afghanistan wurden seither aber von Taliban angegriffen. (Manuel Escher, 10.11.2021)