Inseln mit langen Sandstränden, umrahmt von einer Lagune und einem Saumriff, das ganze Jahr über gleichmäßige Temperaturen zwischen 23 und 30 Grad, die nächsten Inseln hunderte Kilometer entfernt – und dazu kaum Einwohner: Die zu Mauritius gehörenden Agaléga-Inseln sind ein tropisches Paradies. Was nach der perfekten Urlaubsdestination klingt, entpuppt sich auf den zweiten Blick jedoch als höchst problematisch: Hier entsteht mitten im Indischen Ozean gerade ein riesiger Stützpunkt.

Auf einem Luftbild, das der mauritische Oppositionschef Xavier-Luc Duval vergangene Woche im Internet verbreitete, ist eine Insel zu sehen, die zur Hälfte von einer Landebahn dominiert wird. Daneben ragen zwei neue Piere ins Meer hinaus, dazu sind zahlreiche neuerrichtete Gebäude zu sehen. Halb Agaléga sei ein Flugplatz geworden, schrieb der Chef des Parti Mauricien Social Démocrate (Mauritische Sozialdemokratische Partei, PMSD). "Weine, mein geliebtes Land", ergänzte der ehemalige Minister.

Warum wird hier, mitten im Nirgendwo der Weiten des Indischen Ozeans, solch enorme Infrastruktur geschaffen?

Nur dreihundert Einwohner

Mehr als 1.100 Kilometer sind es von den Agalégas zur Mutterinsel Mauritius – sie liegen damit näher an Madagaskar und an den Seychellen. Der kleine Archipel besteht aus zwei Inseln, die nur 1,8 Kilometer voneinander entfernt liegen. Bei Ebbe ist es sogar möglich, zu Fuß über die La Passe genannte Meerenge zwischen den Inseln zu wechseln. Ungefähr dreihundert Menschen wohnen hier. Auf der knapp zehn Quadratkilometer großen Südinsel liegt nur das Dorf Sainte-Rita, die höchste Erhebung ist die sieben Meter hohe Grande Montagne.

Auf der langgestreckten Nordinsel hingegen befindet sich am nördlichen Ende das Dorf La Fourche und der zentral gelegene Hauptort Vingt Cinq, wo fast alle Agaléens wohnen. Der Name soll sich von der einstigen Bestrafung ungehorsamer Sklaven ableiten, die einst hier auf Plantagen arbeiteten: Diese erhielten demnach 25 Peitschenhiebe. Höchster Punkt der rund zwölf Kilometer langen und mehr als 14 Quadratkilometer großen Insel ist die 15 Meter hohe Montagne d'Emmerez. Wie bei der Montagne Grande handelt es sich um eine Sanddüne, ihren Namen erhielt sie nach der von Mauritius stammenden Schiffbrüchigen Adélaïde d'Emmerez de Charmoy, die hier Anfang des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit dem Freibeuter Robert Dufour gestrandet und in der Folge ums Leben gekommen sein soll.

Beschauliches Leben

Die Kreolisch sprechenden Agaléens leben hauptsächlich von der Produktion von Kopra und Kokosöl, auch die Fischerei ist ein Faktor. Wasser gibt es nur aus Regentanks. Doch das beschauliche Leben – bis vor kurzem war nicht einmal Geld im Umlauf – erfährt gerade einen dramatischen Wandel. Bisher war es eher abenteuerlich, die Inseln zu erreichen. Auf der Nordinsel ermöglicht eine kurze Piste die Landung von Kleinflugzeugen. Ein richtiger Hafen ist nicht vorhanden, lediglich ein kleiner Steg, der "Port St. James", steht bei La Fourche als Anlegestelle für Boote zur Verfügung. Die von Mauritius kommenden Schiffe müssen einen halben Kilometer vor der Küste ankern.

Drei Kilometer lange Piste

Doch in der jüngsten Zeit war Agaléga eine Großbaustelle: Mehr als drei Kilometer lang ist die neue Landebahn neben dem alten Flugfeld. Nördlich davon wurden zahllose Gebäude errichtet. Zum Teil dienen diese derzeit noch den 430 indischen Arbeitern. An der Nordwestküste bieten zwei neue Landungsbrücken großen Schiffen in tieferem Wasser eine Anlegemöglichkeit. Damit ist praktisch die gesamte nördliche Hälfte der Nordinsel verbaut.

Im Dezember 2015 war von dem Projekt auf Nord-Agaléga noch nichts zu sehen. Bis Ende 2020 ist neben dem ursprünglichen Flugfeld eine mehr als drei Kilometer lange Landebahn errichtet worden, während im Norden der Insel zahlreiche Gebäude und zwei große Piere entstanden sind.
Foto: Standard/Google Earth

Indisch-chinesischer Wettlauf

Der Hintergrund des Projekts ist der Wettlauf zweier aufstrebender Mächte um Einfluss in der Region. China investiert seit geraumer Zeit große Summen in den Aufbau von Infrastruktur im Indopazifik und in Afrika und baut so an seiner "Perlenkette", einem Netzwerk von Häfen. Indien ist besorgt über die chinesische Expansion vor seiner Haustür und will seinerseits an verschiedenen Orten Fuß fassen. 2015 unterzeichnete der indische Regierungschef Narendra Modi Vereinbarungen mit Mauritius und den Seychellen zur Erschließung von einzelnen abgelegenen Inseln.

SAGAR-Doktrin

Bei seinem Besuch auf Mauritius im Rahmen einer Reise im März 2015, die ihn auch auf die Seychellen und nach Sri Lanka führte, erklärte Modi, Indien liege an der Kreuzung des Indischen Ozeans. "Die Region des Indischen Ozeans steht ganz oben auf unserer politischen Prioritätenliste." Modi skizzierte seine SAGAR (Security and Growth for All in the Region) genannte Doktrin der maritimen Zusammenarbeit in fünf Punkten: "Unser Ziel ist, ein Klima des Vertrauens und der Transparenz zu suchen, die Einhaltung internationaler Seeverkehrsregeln und -normen durch alle Länder, Sensibilität für die Interessen des anderen, friedliche Lösung maritimer Probleme und die Stärkung der maritimen Zusammenarbeit."

Narendra Modi wird im März 2015 vom mauritischen Premier Anerood Jugnauth empfangen.
Foto: AP/Michel

Widerstand auf den Seychellen

Die Pläne zur Errichtung einer Basis auf der den Seychellen gehörenden unbewohnten Insel Assomption um angeblich rund 550 Millionen Dollar wurden aber vom Widerstand der Opposition blockiert. Hier auf den Aldabra-Inseln wollten schon in den 1960er-Jahren die Briten und US-Amerikaner eine Militärbasis errichten. 2018 erklärten die Seychellen schließlich, große Gebiete um die Aldabra-Inseln unter Naturschutz zu stellen. Mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Wavel Ramkalawan im Oktober 2020 dürfte das Projekt endgültig gestorben sein. Schon 2018 hatte Ramkalawan als Oppositionschef das Assomption-Abkommen für tot erklärt.

"Verbesserung der Lebensbedingungen"

Mit Mauritius hatte Modi mehr Glück. Das bei seinem Besuch mit der mauritischen Regierung unter Premier Anerood Jugnauth geschlossene Abkommen sah vor, vor allem die Anbindung der Agalégas zur Luft und zur See zu verbessern. Dies werde einen "großen Beitrag zur Verbesserung der Bedingungen der Bewohner dieser abgelegenen Insel leisten", erklärte Indiens Außenministerium damals. Mit der neuen Infrastruktur werde Mauritius außerdem die Fähigkeiten seiner Streitkräfte zur Wahrung der Interessen verbessern – von Anfang an war also klar, dass zumindest eine teilweise militärische Nutzung die Grundlage des Projekts sein würde. Allerdings leistet sich Mauritius keine eigene Armee, sondern vertraut seit der Unabhängigkeit auf Indien als Garant für die äußere Sicherheit.

Regierung dementiert

Eine geplante Nutzung als Militärbasis streitet Mauritius jedoch ab. Im vergangenen August dementierte ein Berater des mauritischen Premierministers Pravind Jugnauth (der 2017 seinem Vater im Amt nachfolgte) Medienberichte über das Entstehen einer militärisch genutzten Einrichtung auf den Agalégas. "Es gibt keine Einigung zwischen Mauritius und Indien über die Errichtung einer Militärbasis in Agaléga", sagte Jugnauths Sprecher Ken Arian. Dort arbeite man zwar an zwei Projekten, die bei Modis Besuch vereinbart wurden – der Flugpiste und dem Hafen. Diese würden jedoch nicht für militärische Zwecke genutzt.

Auf den Satellitenbildern fehlen jedenfalls noch Hinweise auf militärische Kommunikationseinrichtungen und Überwachungsanlagen wie Radarkuppeln. Auch Treibstofftanks sind noch nicht zu sehen.

Mindestens 87 Millionen Dollar sollen die Projekte bisher angeblich kosten – eine enorme Investitionssumme nur für eine bessere Verkehrsanbindung von ein paar Dutzend Menschen. Und die Finanzierung wird von Indien gestellt, wie Jugnauth im vergangenen Mai erklärte. Bis Ende Dezember sollen die Projekte demnach abgeschlossen sein.

Doch wozu brauchen knapp dreihundert Einwohner so groß dimensionierte Anlagen? In Wahrheit braucht Indien dringend Stützpunkte für die Luftflotte seiner Marine.

Milliardenteure Aufklärungsflugzeuge

Im Oktober lieferte der Flugzeughersteller Boeing Indien den bereits elften von insgesamt zwölf in den Jahren 2009 und 2016 bestellten Fliegern der Type Boeing P-8I Neptune. Dabei handelt es sich um die indische Exportvariante der Boeing P-8 Poseidon, eines auf Basis des Modells 737-800 entwickelten Flugzeuges zur Seefernaufklärung und U-Boot-Jagd. Außer Indien verfügen nur die USA, Großbritannien und Australien über Flieger der Baureihe, auch Neuseeland, Norwegen und Südkorea haben bei Boeing Bestellungen für Maschinen deponiert, die ab 2022 in Betrieb genommen werden sollen.

Das Dutzend Flugzeuge lässt sich Indien insgesamt 3,1 Milliarden Dollar kosten. Die Neptune hat eine Spannweite von fast 38 Metern und eine Länge von fast 40 Metern, ihr Einsatzradius beträgt bei einer vierstündigen Aufenthaltsdauer im Zielgebiet etwas über 2.200 Kilometer. Indien benötigt daher entsprechende Landebahnen, die den technischen Anforderungen seiner Seefernaufklärer angemessen sind – solche wie die neue Piste auf Agaléga.

Besorgte und lethargische Bevölkerung

Für Arnaud Poulay von der Organisation La Voix Resistance d'Agaléga (Widerstandsstimme Agalégas) ist die Situation besorgniserregend. "Wir haben hier ein Leben. Wir haben eine Familie", sagt der Bewohner Agalégas: "Die Hälfte der Nordinsel ist zerstört."

Für Laval Soopramanien wiederum ist klar, dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Er ist Präsident des Vereins Les Amis d'Agaléga (Freunde Agalégas), der sich um junge Agaléens kümmert, die für eine über die Grundschule hinausgehende Ausbildung nach Mauritius kommen müssen. Im vergangenen Februar erklärte Soopramanien, dass ein Kampf gegen das Projekt nachrangig ist. "Die Entwicklung wird so oder so stattfinden. Das Wichtigste ist, die Bevölkerung darauf vorzubereiten, die in einem außergewöhnlichen Zustand der Lethargie ist."

Sopramanien ist der Ansicht, dass man nicht nur kritisieren dürfe, sondern handeln müsse. Die Vision sei, dass die Insel von den Agaléens selbst geleitet werde, dass diese also bei dem Flugfeld wie auch beim Hafen wichtige Positionen erhalten. Die Stimmung der Einwohner sei gemischt. Es gebe immer noch diejenigen, die für das Projekt seien: "Sie hoffen, dass sich das Management der Insel zum Besseren ändert." Dass es große Probleme gebe, etwa die Rationierung diverser Produkte, gibt Poulay zu. Es gebe viele Engpässe. Durch die Corona-Pandemie habe sich die Situation noch verschärft. Die Preise, die auf Agaléga ohnehin schon höher sind als auf Mauritius, sind weiter gestiegen.

Vertriebene Chagossianer

Doch in die Entwicklung der Basis wurden die Agaléens bisher nicht eingebunden. Ihnen droht nun ein ähnliches Schicksal wie den Chagossianern vor einem halben Jahrhundert. Damals wurden die Einwohner des Chagos-Archipels für die Errichtung der britisch-US-amerikanischen Basis Diego Garcia vertrieben. Die Chagossianer kämpfen seit Jahrzehnten um eine Entschädigung und ihre Rückkehr in ihre Heimat. Mauritius fordert von Großbritannien eine Rückgabe des Chagos-Archipels und erhält dabei Rückdeckung durch Urteile des Internationalen Seegerichthofes der Vereinten Nationen (International Tribunal for the Law of the Sea, ITLOS) in Hamburg und des Internationalen Gerichtshofes (International Court of Justice, ICJ) in Den Haag. Am Schicksal der Nachfahren der Chagossianer zeigt die mauritische Regierung jedoch wenig Anteilnahme. London wiederum kümmern die Urteile wenig, der Pachtvertrag mit den USA wurde bis 2036 verlängert. (Michael Vosatka, 12.11.2021)