Aus der historischen Persönlichkeit Pocahontas wurde eine naturverbundene "Indianerprinzessin".
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Bei dem Namen Pocahontas denken viele wohl an den gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1995, die "schöne Wilde", die "Häuptlingstochter", die sich in einen weißen Siedler verliebte und an ein friedliches Zusammenleben glaubte. Dass die Disney-Prinzessin auf der Geschichte einer realen Person basiert, deren Leben ganz anders verlaufen ist, ist hingegen weit weniger bekannt.

Die echte Pocahontas lebte vor mehr als 400 Jahren und wurde um 1595 als Tochter des Powhatan-Stammeshäuptlings Wahunsenaca geboren. Ihr Geburtsname war Matoaka. Der Spitzname Pocahontas wurde ihr laut Mattaponi-Historiker*innen als Kind in Andenken an ihre verstorbene Mutter gegeben. Unter den vielen Kindern des Häuptlings soll sie seine Lieblingstochter gewesen sein.

Zwei Versionen einer Entführung

1607, als Pocahontas etwa zwölf Jahre alt war, errichteten die Engländer*innen im Lebensraum des Powhatan-Stammesbündnisses Jamestown, Virginia. Unter ihnen war der 27-jährige Siedler John Smith, der später berichten sollte, bei der ersten Begegnung mit den "Wilden" hätten ihn diese umbringen wollen. Doch Pocahontas habe sich schützend über ihn geworfen. Sie habe ihn die Lebensart und die Sprache der Ureinwohner*innen gelehrt und glaubte an eine friedliche Koexistenz beider Gruppen. Bei all dem gibt es aber ein Problem: Historiker*innen zweifeln massiv an dieser Darstellung. In Smiths ersten Berichten tauchte Pocahontas nur am Rande auf, erst Jahre später schrieb er über seine "Rettung durch die Lieblingstochter des Häuptlings". Darüber hinaus schilderte er in seinen Memoiren auffallend oft, von prominenten Frauen vor dem Tod gerettet worden zu sein.

Doch nicht nur in Smiths Berichten finden sich fragwürdige Darstellungen, auch die Überlieferungen von Pocahontas weiterem Leben und ihrer Gefangenschaft unterscheiden sich stark zwischen Mattaponi-Historiker*innen und der englischen Geschichtsschreibung. In den ersten Jahren nach ihrer Ankunft starben die Siedler*innen zahlreich an Hunger und Krankheiten. Sie forderten immer mehr Nahrungsmittel von den Powhatan, und es kam zu gewaltvollen Auseinandersetzungen. 1613 entführten die Engländer*innen die Lieblingstochter des Häuptlings, um ihn zu erpressen.

Laut dem Stamm der Mattaponi soll Pocahontas zu diesem Zeitpunkt mit einem Mann namens Kocoum verheiratet gewesen sein und ein Kind gehabt haben. In der Gefangenschaft sei sie vergewaltigt worden, habe ein zweites Kind zur Welt gebracht und danach der Heirat mit dem Tabakpflanzer John Rolfe zugestimmt, um ihrer Situation zu entkommen. Die englische Version: Pocahontas lernte nach ihrer Entführung Sprache und Gepflogenheiten der Engländer*innen, konvertierte zum Christentum und nahm den Namen Rebecca an. Aus Liebe und um den Frieden zwischen den Kolonist*innen und den Powhatan zu sichern, heiratete sie den Jamestown-Mitgründer Rolfe und brachte den gemeinsamen Sohn Thomas zur Welt.

Der Pocahontas-Mythos

Im Jahr 1616 reisten Pocahontas und Rolfe nach England – dem britischen Adel wurde sie als "gezähmte Wilde" und "Indianerprinzessin" präsentiert. Nach einer Tour durch das ganze Land und einem Treffen mit König James I. trat sie die Heimreise nach Virginia an. Doch schon kurz nach der Abfahrt wurde die junge Frau krank und verstarb am 21. März 1617 in der englischen Hafenstadt Gravesend – woran, bleibt unklar. Die Vermutungen reichen von Tuberkulose bis hin zu einer Vergiftung durch Siedler*innen, die befürchtet hätten, sie werde die Powhatan vor der Gefahr durch die massiv zunehmende Kolonisierung warnen.

Bereits kurz nach ihrem Tod wurde Pocahontas eine Ikone der US-amerikanischen Siedlungshistorie. Mitte des 17. Jahrhunderts erschienen erste Geschichten über sie, in denen ihr und John Smith eine Liebesbeziehung angedichtet wurde. Im Jahr 1808 ging in Philadelphia ein Theaterstück mit dem Titel "The Indian Princess" oder "La Belle Sauvage" (zu Deutsch: "Die Indianerprinzessin" oder "Die schöne Wilde") über die Bühne, angelehnt an Smiths Memoiren. Die Erzählung, dass Pocahontas "aus Liebe zu den Siedler*innen überlief" und einen weißen Mann heiratete, wurde über die Jahrhunderte für Schönfärberei des Kolonialismus genutzt. Doch auch abseits dieses Narratives finden sich in der Popkultur immer wieder Referenzen, die das sexualisierte Stereotyp der "verführerischen Indianerfrau" aufgreifen. Neil Young schrieb 1979 den Song "Pocahontas", in dem er einerseits die Landnahme der weißen Siedler*innen kritisiert, andererseits aber auch über den Wunsch singt, mit Pocahontas zu schlafen. "I would give a thousand pelts to sleep with Pocahontas and find out how she felt", heißt es da etwa.

Stereotype Darstellung

Auch Disneys "Pocahontas" ist ein Wohlfühlfilm über den Kolonialismus, der eine westliche Perspektive der Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer*innen wiedergibt. Hier ist Pocahontas bereits eine volljährige Frau, als sie John Smith trifft und sich unsterblich in ihn verliebt. Konflikte werden zwar angeschnitten, jedoch überwiegt die Darstellung einer von fast allen erwünschten friedlichen Koexistenz der indigenen Bevölkerung und der Siedler*innen. Ein weiterer Kritikpunkt im Bezug auf den Kinderfilmklassiker sind außerdem die stereotypen Inszenierungen indigener Personen als "mystische und naturverbundene Wesen", die mit Bäumen und Tieren sprechen können. Auf der anderen Seite werden das Auftreten einer starken, emanzipierten BIPoC-Kriegerin (Anm.: BIPoC steht für Black, Indigenous und People of Color) als Identifikationsfigur für junge Mädchen sowie das Sensibilisierungspotenzial für die Thematik begrüßt.

Die Schauspielerin Jessica Biel posiert als "Pocahontas" für ein Fotoshooting. Auch hier wird an das Narrativ der knapp bekleideten Ökoprinzessin angeknüpft.
Foto: AP / Annie Leibovitz

Die Verfilmung trage zwar zur Sichtbarkeit der Geschichte von BIPoC wie Pocahontas bei, sie sei aber verzerrt, sagt Kenzie Allen, eine Nachfahrin des Oneida-Stammes, auf die Frage des Magazins "The Atlantic", ob die Zeichentrickverfilmung mehr Schaden als Gutes gebracht habe. Es handle sich um eine "falsche Realität", wiedergegeben durch Vertreter*innen der dominanten Kultur. Neben der Verbreitung von Stereotypen entstehe am Ende der falsche Eindruck, dass beide Seiten quitt wären, ohne Hinweis auf das Verheerende, was noch auf die indigene Bevölkerung zukomme.

Aus der historischen Persönlichkeit Pocahontas, die für eine achtjährige Periode des Friedens ("Pocahontas-Frieden") zwischen Stammesmitgliedern und Kolonist*innen sorgte, wurden in der Popkultur eine tragische "Romeo und Julia"-Figur, eine naturverbundene Disney-Prinzessin und ein sexy Halloweenkostüm. Dass die Darstellung und Geschichte der echten Pocahontas – und die von anderen BIPoC – auch ohne Stereotype, Sexualisierung und Romantisierung von Kolonialismus auskommen könnte, wird bis heute oft ausgeblendet. (Anika Dang, 12.11.2021)