Abgelenkt von ihrem Smartphone laufen Menschen gegen Straßenschilder, Autofahrer krachen wegen überhöhter Geschwindigkeit, Müdigkeit oder Trunkenheit gegen Bäume – und ja, auch Vögel knallen regelmäßig in Windkraftanlagen. Sich fortbewegende Lebewesen kollidieren hie und da mit fix verankerten Objekten, egal, ob diese natürlich oder künstlich errichtet worden sind. Ein Naturgesetz, könnte man fast meinen.

Nun argumentieren Tierschutzfreunde, Windkraftgegner oder auch Freunde der fossilen Energie, die plötzlich ihre Tierliebe vorschieben, seit geraumer Zeit mit den angeblich verheerenden Folgen für die Vögel und machen mit teilweise horrenden Vogelschlagstatistiken gegen neue Windräder mobil. Gerade Vögel könnten doch nichts für die vielen künstlichen Hindernisse und seien deshalb besonders schützenswert. Etliche Vogel- und Insektenarten seien gefährdet für etwas mehr nachhaltige Energie, argumentieren sie.

Ob Windkraft mit Vogelschutz vereinbar ist, ist immer auch eine Standort- und eine Grundsatzfrage.
Foto: AP/Martin Meissner

Dabei sind Lebewesen doch genetisch darauf getrimmt, Dingen auszuweichen, argumentieren Befürworter neuer Windkraftanlagen. In der Nähe großer Brutzonen halte man sich ohnedies an Abschaltestandards und Bauverbote. Zudem würden weit mehr Vögel durch andere Bauten des Menschen sterben. Und überhaupt seien noch viel mehr Arten vom Aussterben bedroht, wenn wir nicht schleunigst komplett auf Erneuerbare umstellen.

In den sozialen Medien ist die Debatte ein Stück weit festgefahren. Windkraftbefürworter und -gegner schmeißen sich seit Jahren zum Teil dieselben Studien in unterschiedlichen Interpretationen an den Kopf. Höchste Zeit also für einen Klimafaktencheck: Sind Windräder tatsächlich so arge Vogelkiller? Die Aussage ist schwieriger zu entkräften als andere absurde Windkraftmythen, in denen etwa behauptet wird, dass Wind räder den globalen Wind zum Erliegen bringen oder dass sie durch vermehrte Wolkenbildung für die rezenten Starkregenereignisse verantwortlich sind.

Wie viele Vögel sterben wirklich jedes Jahr?

Die traurige Wahrheit ist: Rotorenblätter von Windkraftanlagen töten jedes Jahr tatsächlich viele Vögel. Weil Windräder tendenziell mehr werden, sind getötete Tiere pro Anlage für den Faktencheck interessanter als absolute Zahlen.

Vorneweg: Exakte Zahlen sind auch deshalb schwer zu eruieren, weil sich die wenigen großangelegten Studien nicht immer auf andere Regionen und verschiedene Vogelarten übertragen lassen und die Überprüfung aller Vogelopfer einen enormen Aufwand bedeuten würde. Seit Beginn des Jahrtausends wurden die Studien aber zahlreicher. Beispielsweise wurden in Spanien binnen sechs Jahren 732 Gänsegeier durch 4083 Windräder getötet. Forscher errechneten daraus eine um 1,5 Prozent gesteigerte Mortalität der Vogelart in Nähe von Windkraftanlagen. Studien des deutschen Umweltministeriums gehen von einem bis vier toten Vögeln pro Jahr und Windkraftanlage in Norddeutschland aus. In Frankreich und Niederösterreich waren es bei vergleichbaren Tests rund sieben Vögel pro Windrad und Jahr. Je nach Standort wurden in den USA bei neueren Anlagen zuletzt durchschnittlich jährliche Vogelschlagzahlen von 0,02 bis 7,36 pro Anlage gemessen.

Ein Aussterben bestimmter Vogelarten, wie es die im Internet kursierenden in die Millionen gehenden Todeszahlen mancher Spezies vermuten ließen, konnte aber so gut wie nie gefunden werden, nur selten gab es spürbare Reduktionen im Bestand, etwa im Falle des Mäusebussards.

Wie schlimm ist das im Vergleich?

Windkraftanlagen sind mit sehr großem Abstand nicht die größten Gefahren für Vögel. In den Niederlanden geht eine Studie etwa von bis zu 217 toten Vögeln jährlich pro Kilometer Hochspannungsleitung aus. Noch fataler sind aber andere menschgemachte Bauten. Vor allem verglaste Gebäude sollen in den USA bis zu 32 Vögel pro Sekunde das Leben kosten und damit das Zigfache pro Windrad. Unangefochtener Erzfeind der Vögel sind und bleiben der US-Studie zufolge aber Katzen. Sie sind laut der US-Studie für rund 70 Prozent der toten Vögel verantwortlich, Windkraftanlagen gerade einmal für 0,007 Prozent. In anderen Studien sind Katzen mit verglasten Wolkenkratzern und anderen hohen Gebäuden zumindest gleichauf.

Auch im Vergleich zu anderen Energieträgern schneidet die Windkraft nicht so schlecht ab. Pro Gigawattstunde gewonnene Energie töten fossile Energieträger rund 15-mal mehr Vögel als Windkraft anlagen.

Und was ist mit Insekten und Fledermäusen?

Zwischen 2002 und 2021 wurden in der zentralen Schlagopferkartei der deutschen Bundesländer 3910 tote Fledermäuse gemeldet. Die Staatliche Vogelschutzwarte, welche die Datenbank betreibt, betont allerdings selbst, dass diese Zahlen durchaus mit Vorsicht zu genießen sind. Die Zahlen seien schließlich nur so gut wie die tatsächliche Meldebereitschaft der lokalen Stellen. Und kleine Fledermäuse könnten bei den teilweise unregelmäßigen Inspektionen wohl das ein oder andere Mal übersehen werden. Wichtiger ist deshalb wieder der Blick auf tote Tiere pro Windrad. In der Niederösterreich-Studie erwischte es mit durchschnittlich 5,33 Fledermäusen pro Anlage und Jahr etwas weniger Fledermäuse als andere Vögel.

Wir werden auch künftig weitere Klimamythen factchecken.
Illustration: Fatih Aydogdu / Der STANDARD

In Sachen Insektensterben wirken die Zahlen zunächst tatsächlich verstörend. Eine Studie des Deutschen Instituts für Luft und Raumfahrt (DLR) kommt zum Schluss, dass in der warmen Jahreszeit täglich zwischen fünf und sechs Milliarden Insekten in deutschen Windkraftanlagen ihren Tod finden, was sich auf ein jährliches Gesamtgewicht von 1200 Tonnen an Insektenkadavern beläuft.

Auch diese Zahl muss aber kontextualisiert werden. Einerseits hatten verschiedene Insektizide, also Spritzmittel, landwirtschaftliche Monokulturen, aber auch der Klimawandel und die Urbanisierung im Allgemeinen einen zum Teil deutlich höheren Beitrag am Artensterben.

Nicht zu vergessen ist zudem der natürliche Kreislauf des Fressens und Gefressenwerdens in der Natur. 400-mal mehr Insekten fallen deutschen Vögeln als herkömmliches Futter zum "Opfer".

Gibt es denn keine Lösungen für weniger Tierleid?

Doch, die gibt es. Tierschützer erwirkten in der Vergangenheit immer wieder Abschaltungen während Brut- und Ausflugszeiten von zahlreichen Vogelarten. Zahlreiche Expertinnen in den Umweltministerien arbeiten zudem an speziellen Schutzmaßnahmen für bestimmte Vogelarten, schnellere Umdrehungen der Rotorblätter etwa, was aber natürlich weniger Energie bringt.

Ebenso müssen in Österreich vor dem Bau einer Windkraftanlage ein Jahr lang alle Vogelarten der Gegend beobachtet werden, um die genaue Artenzusammensetzung zu kennen und gefährdete Tiere zu schützen.

Kann die Farbe echt einen Unterschied machen?

Eine elfjährige Studie des norwegischen Instituts für Naturforschung ergab, dass ein einzelnes schwarzes Rotorblatt Vogelschlag um bis zu 72 Prozent reduzieren konnte. Besonders große Vögel profitierten davon sehr.

Eine britische Studie fand zudem heraus, dass die hellgraue Farbe vieler Windkraftanlagen anziehend auf Insekten wirke, welche dann wiederum Vögel und Fledermäuse anlocken. Fledermäuse wiederum reagieren auf das rote Warnlicht. Vielleicht braucht es also gänzlich andere Farbkonzepte für Windräder.

Würden ohne Windräder noch mehr Vögel sterben?

Die Frage ist berechtigt. Kommt es zu keinem totalen Umstieg auf Erneuerbare, hätte das fatale Folgen für die Biodiversität. In den vergangenen 50 Jahren sind laut WWF die untersuchten Populationen vieler Vogelarten im Schnitt um mehr als zwei Drittel eingebrochen. Der Klimawandel bringt kälteliebende Vogelarten an den Rand ihrer Existenz. Und auch das Futterproblem wird immer akuter. Die fast 600 europäischen Vogelarten wanderten im Schnitt seit 1990 jährlich rund einen Kilometer in Richtung Norden auf Futtersuche. Viele Experten prophezeien ein großes Artensterben, wenn nicht schnell reagiert wird. (Fabian Sommavilla, 14.11.2021)