Den Emotionen freien Lauf zu lassen: Verständlich, aber kontraproduktiv, sagt unser Autor.

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Eines steht außer Streit. Die Ungeduld vieler Geimpfter mit jenen Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, ist nachvollziehbar. Eine höhere Impfquote würde die Pandemie zwar nicht beenden. Wir hätten aber nach einhelliger Meinung der Experten gute Chancen, besser und glimpflicher durch diese vierte Welle zu kommen.

Dennoch ist es fatal, wie in der öffentlichen Debatte derzeit die Wut auf jene Menschen hochkocht, die sich bisher freiwillig nicht haben stechen lassen. In Social Media, in den klassischen Medien und selbst in der Politik werden Ungeimpfte in immer rauerem Ton moralisch herabgewürdigt, während man sich selbst das Recht herausnimmt, seinem Ärger freien Lauf zu lassen.

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Die Art, wie diese Debatte geführt wird, die Wut, die Selbstsicherheit, mit der Ungeimpfte mitunter angegriffen werden, sind Anlass zur Sorge. Einerseits weil ich bezweifle, dass der raue Ton der Sache dienlich ist. Andererseits weil die Sensibilität für die Tragweite mancher Freiheitsbeschränkungen nach und nach verloren geht.

Die nötige Skepsis

Eine Impfung ist eine medizinische Entscheidung, die in unserem Land prinzipiell jeder für sich treffen kann. Nun kann es wie bei jedem Grundrecht geboten sein, dieses einzuschränken. Denn in einer Pandemie hat die eigene Impfentscheidung Auswirkungen auf andere und die Gesellschaft.

So wird Menschen, die sich nicht impfen lassen, auf absehbare Zeit der Zutritt in Cafés, in Bibliotheken und Sportstätten verweigert. Das kann aufgrund der epidemiologischen Lage geboten sein. Aber die Einschränkungen für Ungeimpfte werden in sozialen Medien von vielen geradezu zelebriert. In Leitartikeln wurde gefordert, dass "Impfverweigerer den öffentlichen Raum nur noch in Ausnahmen betreten sollen", dass es für sie "keine Gastronomie, keine Veranstaltungen, nur die notwendigsten Einkäufe, keine öffentlichen Verkehrsmittel, Ausgangssperren, Kündigungsmöglichkeit durch die Arbeitgeber" geben soll. Kaum ein Wort des Unbehagens darüber, was hier gerade geschieht. Dabei sollten Einschränkungen in einer liberalen Demokratie immer von Skepsis, nie von Jubel begleitet sein, auch wenn sie nötig sind.

Der erzieherische Ton hilft nicht

Wer sich nicht impft, sei "unsolidarisch", heißt es in Kommentaren, "menschenverachtend" auf Twitter, Geimpfte werden von Ungeimpften in Kolumnen und bei Politikern "zur Geisel" genommen. Das Problem ist, dass dieser Ton keinen Beitrag dazu leistet, die Impfquote zu erhöhen. Die meisten wenden sich ab und "informieren" sich dort, wo sie überwiegend Desinformation finden.

Im Rahmen des Corona-Panels befragen Wissenschafter der Uni Wien regelmäßig 1500 Menschen zu Corona-Themen. Seit einem halben Jahr bewegt sich in jener Gruppe, die angibt, nicht impfen gehen zu wollen, nichts mehr. 14,5 Prozent der Erwachsenen über 14 lehnen die Impfung ab. Die Zahl der Zögerlichen ist zwar zurückgegangen. "Insgesamt waren aber zuletzt kaum noch ungeimpfte Personen unmittelbar impfbereit", heißt es in einer Analyse aus dem Panel von Anfang November.

Die hohen Inzidenzen und die 2G-Regeln dürften das nun ändern. Aber: Das geschieht eben nicht deswegen, weil man dazu übergegangen ist, die Impfunwilligen abzuwerten. "Werden Menschen in eine Ecke getrieben, weil sie sich nicht impfen, führt das dazu, dass sie sich immer stärker mit dem Merkmal ,ungeimpft‘ und mit dieser Gruppe identifizieren", sagt der Verhaltensökonom Florian Spitzer. Damit bekomme der Status "ungeimpft" mehr Bedeutung.

Man wird die Impfbereitschaft nicht erhöhen, wenn man jene, die noch erreichbar sind, durch ein Spalier von Schmähungen zur Impfung zu treiben versucht. Ungeimpfte brauchen gesichtswahrende Wege, um ihre Entscheidung zu revidieren.

Auch Journalisten werden sich Fragen stellen müssen. Zahlen des Corona-Panels zeigen, dass sich Impfgegner bei Servus TV tummeln und diese Gruppe viel seltener ORF schaut. Der erzieherische Ton jedenfalls dürfte Impfunwillige kaum erreichen. Wenn, dient er also der Selbstvergewisserung der geimpften Mehrheit.

Wie man Ungeimpfte zurückgewinnen kann, ist eine schwierigere Frage. Vermutlich nicht durch Wut und nicht dadurch, dass der Wunsch nach klaren Botschaften dazu führt, dass nur noch als wissenschaftlich gilt, was die eigene Position stützt.

Unsicherheiten kommunizieren

Auffallend ist, dass aufseiten der Wütenden die Wertschätzung für Feinheiten immer öfter fehlt. Dabei bedeutet Wissenschaft, immer an Gewissheiten zu zweifeln und im Hinterkopf zu behalten, dass man selbst schon morgen falsch liegen könnte.

Zwei Beispiele. Der grüne Pass galt bisher für zwölf Monate, nun werden es neun sein, und nach sechs Monaten wird zur Auffrischung geraten. Die Quote der Impfdurchbrüche ist gestiegen, was man auf Basis israelischer Daten seit Juli wusste. Kommuniziert wurde es nicht. Auch weil man die Impfung nicht "schlechtreden" wollte.

Das war gut gemeint, führte aber dazu, dass wir jetzt mit den Drittimpfungen zu spät sind. Zweites Beispiel: Seit Beginn der Pandemie finden Genesene wenig Beachtung. In Österreich gilt der grüne Pass für sie sechs Monate. In der Schweiz sind es bis zu zwölf.

Nun ist nicht gesagt, dass die Schweiz das besser macht als Österreich. Und dass die Impfung anders wirkt als zuerst gedacht, zeigt den wissenschaftlichen Lernprozess. Aber der Ton ist so scharf, dass jeder, der auf widersprüchliche Expertise hinweist, Gefahr läuft, als Schwurbler denunziert zu werden – so auch Matthias Strolz, als er diese Woche die kurzen Fristen für Genesene kritisierte. Damit verliert man kooperationsbereite Menschen. Das können wir uns nicht leisten. Die Pandemie wird dauern: Wir werden gemeinsam gegen sie kämpfen und einander dabei noch einiges verzeihen müssen. (András Szigetvari, 13.11.2021)