Die offizielle Gedenkfeier fand am Samstag vor dem Nachtclub Bataclan statt.

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Bereits am Freitag gedachten Angehörige der muslimischen Gemeinschaft in Paris der Opfer.

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Die sechste Schweigeminute wurde nicht durchgängig befolgt. Premierminister Jean Castex gedachte am Samstag wortlos und mit einer Kranzlegung der schweren Anschläge vom 13. November 2015, die allein im Konzertlokal Bataclan 90 Todesopfer gefordert hatten. Umso lauter warf der Rechtsaußen Eric Zemmour der Staatsführung grobes Versagen vor.

Der undeklarierte Präsidentschaftskandidat geißelte eine Aussage des früheren Präsidenten François Hollande. Dieser hatte vergangene Woche als Zeuge in dem aktuell laufenden Bataclan-Prozess gegen ein Dutzend Angeklagte ausgesagt. "Wir wussten, dass Operationen vorbereitet wurden, und zwar von Leuten, die sich unter die zureisenden Flüchtlinge mischten, und von ihren Chefs in Syrien", führte der 2015 amtierende Staatschef aus. "Wir wussten das alles. Wir wussten nur nicht, wo, wann und wie sie zuschlagen würden."

Angriff auf Hollande

Die Aussage ging in der vierstündigen Einvernahme unter – bis sie Zemmour zum Thema machte. "Hollande wusste Bescheid", deklamierte er am Wochenende in Bordeaux. "Die Staatsführung war sich der Gefahr bewusst, doch sie zog es vor, Franzosen sterben zu lassen, als die Migranten an der Einreise nach Frankreich zu hindern." Bei einem Besuch des Bataclans warf er dann Hollande ausdrücklich vor, die Landesgrenzen auf "kriminelle" Weise offengelassen zu haben.

Zemmours neueste Tirade gegen die Einwanderung blieb nicht unwidersprochen. Die Staatssekretärin für Opferhilfe, Juliette Méadel, erklärte, die Regierung habe "natürlich alles unternommen, um diese scheußlichen Terrorakte zu verhindern". Die fünf Attentäter des Bataclans und der Pariser Bistros seien in Frankreich oder Belgien aufgewachsen. Nur zwei Iraker, die sich beim Stade de France in die Luft gesprengt hätten, seien als Flüchtlinge zugereist.

Wahlkampfthema

Zemmour versucht mit seinem Einwurf, im Gespräch zu bleiben, nachdem er in den Umfragen hinter seine direkte Konkurrentin Marine Le Pen zurückgefallen ist. Täglich schürt er die Atmosphäre mit neuen Vorhaltungen an seine Gegner. Mehr und mehr wird auch der Bataclan-Prozess zu einem Wahlkampfthema. Die im September eröffnete Gerichtsverhandlung wird voraussichtlich bis Mai, also über die beiden Wahltage hinaus dauern. Diese außergewöhnliche Dauer erklärt sich durch die Einvernahme von nicht weniger als 1.800 Zivilklägern, zumeist Opfern oder ihren Angehörigen.

Seit Wochen berichten die französischen Medien täglich und bis in die schrecklichsten Details von dem mehrstündigen Blutbad im Konzertsaal. Sechs Jahre später hat die Nation Mühe, sich diesem regelrechten Massaker in einem sehr lebendigen Viertel der Hauptstadt zu stellen. Langsam stellt sich die Frage, ob die verständliche Wut auf die Täter, die sich in dem eigenes gebauten Gerichtssaal Luft macht, nicht Wasser auf die Mühlen politischer Extremisten ist.

Verdrehte Behauptung

Das Bemühen der französischen Justiz, das Trauma des "13 novembre" sauber aufzuarbeiten, führt zu einem weiteren, nicht minder unerwünschten Phänomen: Der Gerichtssaal wird von den Angeklagten und ihren Anwälten missbraucht, die juristische in eine angeblich "politische" Debatte zu verwandeln. Dazu gehört in erster Linie die völlig verdrehte Behauptung, der Terroranschlag sei nur eine Reaktion auf die Luftschläge der westlichen Alliierten in Syrien und dem Irak gewesen.

Warum gerade Frankreich Ziel wurde, und warum junge, unschuldige und wehrlose Zivilisten richtiggehend exekutiert worden, vermöchten die Anwälte nicht zu sagen. Dabei waren unter den Opfern Konzert- und Bistrobesucher vieler Nationalitäten, die mit Frankreichs Sicherheitspolitik nichts am Hut hatten.

Trotzdem gelingt es nun dem Lager der Angeklagten, einen Link zu ihrer Mordserie herzustellen. Die Verteidigerin des Hauptangeklagten Salah Abdeslam, Olivia Ronen, schaffte es vergangene Woche sogar, den Staatspräsidenten von 2015 in die Enge zu treiben. Offensichtlich schlecht vorbereitet, behauptete François Hollande fälschlicherweise, ein Jihad-Appell der Terrormiliz Islamischer Staat sei nach der Bombardierung von IS-Stellungen durch die alliierte Luftwaffe ergangen. Dass der Terrorexport durch die IS-Drahtzieher eine viel ältere Vorgeschichte hat als die Luftschläge, blieb ungesagt. (Stefan Brändle aus Paris, 14.11.2021)