Das Metaverse ist ein Ausdruck der Machtfantasie der Techkonzerne mit unvorhersehbaren Folgen, schreibt Ayad Al-Ani, Professor und assoziiertes Mitglied des Einstein-Zentrums Digitale Zukunft, im Gastkommentar.

Die jüngste Pressekonferenz von Facebook/Meta war selbst für abgebrühte Nerds spektakulär, einschüchternd visionär. In Anlehnung an den berühmten Sci-Fi-Roman Snow Crash wurde dort das neue Projekt Metaverse vorgestellt, welches zugleich Teil des neuen Brands der Firma wird: ein virtuell-realer Interaktionsraum. Dieser ist "always-on" und soll in Echtzeit eine unbegrenzte Anzahl von Nutzern aufnehmen, welche als Avatare in einem Wirtschaftssystem oder eher in dreidimensionalen Lebenswelten interagieren. Inhalte werden über Visoren in die reale Welt eingeblendet. Inhalte, Güter, Dienstleistungen, Daten werden im Metaverse reibungslos interoperabel: Avatare können sich überallhin "teleportieren". Mehr noch: Auch Staaten und die Zivilgesellschaft könnten – laut Mark Zuckerberg – dort eine Präsenz haben.

Riesige Datenmengen

Das Metaverse ist Ausdruck einer "totalen Konsolidierung", eine Instanz, welche Entertainment, soziale Beziehungen, Konsum, Bildung und alles dazwischen abbildet. Die Datenmengen dieses Konstrukts werden alles übersteigen, was wir kennen, und die bereits jetzt überforderten Regulierungsbehörden vor Herausforderungen einer ganz neuen Kategorie stellen: Es werden im Metaverse mehr Datenquellen verwendet, als heute weltweit existieren, und auf einer einzigen Plattform konzentriert.

Bloß gemeinsam surfen, oder geht da doch mehr? Ein Avatar von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als Beispiel dafür, was Metaverse bieten soll.
Foto: via REUTERS

Die Implikationen dieser Plattform sind unabsehbar. Die Frage der Datenobjektivität, wird fast nicht mehr auflösbar sein. Hat das Individuum nicht ein Recht, seinen Avatar festzulegen, oder muss dieser auch objektivierbare Daten beinhalten? Sci-Fi-Fans werden hier skeptisch: Es geht bei der Interaktion mit einem Avatar eher darum, "mit einem anderen Individuum zu sprechen, und nicht darum, Daten zu sammeln" (Autor J. McDevitt). Die Bubble, welche sich jeder im Metaverse zu schaffen vermag, wird umfassender und von der Realität immer schwerer unterscheidbar.

Bereitet das Metaverse damit dem Imaginären dem Boden? Eine Sphäre, welche zuletzt bis zum Spätmittelalter herrschte, zwischen dem Sakralen und Realen angesiedelt war und es dem Individuum unmöglich machte, zwischen dem, was wirklich geschah, und seinen Vorstellungen, Ängsten und Träumen zu unterscheiden. Die heutigen Fake-News-Debatten werden sich demgegenüber als harmloses Geplänkel erweisen.

Einfluss auf Politik

Ungeklärt ist, wie Konflikte zwischen Avataren aussehen werden. Die Geschichte zeigt, dass Individuen imaginäre Welten benötigen, um den Restriktionen der Gegenwart entfliehen zu können. Bildete sich in der Vergangenheit dieses Imaginäre meist als eine persönliche, private Erfahrung heraus, so wird es nun anschaulich, stofflich und politisch. Man kann dann vermuten, dass das Metaverse das politische Leben zwiespältiger machen wird.

Ein chinesischer Thinktank kam jüngst zu der Schlussfolgerung, dass sich im Metaverse "politische Gedanken und Trends" manifestieren und damit auch "subtilen Einfluss auf die Sicherheit des (realen) Staates nehmen werden". Die Erlebnisse des Nutzers sind nicht auf das Metaverse beschränkt: Durch den Overlay können Inhalte der Plattform in die reale Welt eingeblendet werden. Und so ist es vorstellbar, dass etwa eine Reisegruppe, die bei einem Besuch des US-Kapitols diese Visoren nutzt, ganz unterschiedliche Erlebnisse haben wird. Viele werden im Overlay sehen "Dies ist das Gebäude, in dem der Kongress arbeitet". Und es wird manche geben, die auf ihrem Visor lesen "Am 6. Jänner 2021 begann hier unsere glorreiche Revolution".

Verlockende Machtfantasie

Die spannende Frage ist, ob China Mitglied wird, ein eigenes Taschenuniversum nutzt oder ein chinesisches Metaverse aufbaut. Der chinesische Tencent-Konzern ist heute weltweit führend im Online-Gaming und US-amerikanischen Konkurrenten überlegen. Analog zur individuellen Ebene stellt sich dann die Frage, wie Staaten im Metaverse miteinander auskommen werden. Zu vermuten sind Kooperationsmodelle und -projekte, aber eben auch Konflikte, welche von Avataren "gespielt" werden. Der geniale Erfinder Nikola Tesla hat diese Situation schon um 1900 vorhergesehen: Menschen beziehungsweise Nationen werden dann eher "Zuschauer und fiebern in einem Wettkampf ohne Blutvergießen mit".

Die politische Elite in den USA scheint dieser Idee noch zögerlich gegenüberzustehen. Zwar nutzten US-Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris bei der Lobbyarbeit zu ihrem Investitionsprogramm erstmals auch virtuelle Spielelemente. Auf ein Commitment gegenüber Meta scheint dies aber noch nicht hinauszulaufen. Aber natürlich ist das Metaverse für Regierungen prinzipiell verlockend. Könnte man hier nicht endlich erfahren, was die Bevölkerung denkt, was sie bewegt und was sie wünscht? Ist hier nicht Jean-Jacques Rousseaus Volonté générale, der generelle Wille der Bevölkerung, erfassbar? War sich noch Rousseau sicher, dass dieser niemals ermittelt werden könnte, so ermöglichen die im Metaverse verfügbaren Daten über Diskurse, Fragen und Verhaltensweisen einen "General Will 2.0" abzuleiten und zum Ausgangspunkt gezielter Taktiken à la Microtargeting zu machen.

"Der Globale Süden wird dann wohl endgültig abgehängt."

Metaverse ist so auch Ausdruck der Machtfantasie der Techkonzerne. Versuchten diese bisher eher eigene Territorien zu besetzen, um dort neue Gesellschaften zu schaffen (Peter Thiels Seestädte), ist der Fluchtpunkt nun ein ganzes "virtuelles" Universum. Als Einstiegsdroge gegenüber den skeptischen Europäern will Zuckerberg 10.000 Arbeitsplätze für das Metaverse in Europa schaffen. Der Globale Süden wird dann wohl endgültig abgehängt – China und vielleicht Vietnam werden es als Einzige ins Multiverse schaffen.

Das Metaverse soll bis zum Jahr 2030 dezentral und in mehreren Schritten gebaut werden und erscheint – trotz technischer Lücken – als zumindest logischer Schritt: Es existieren bereits unzählige Gaming-Anwendungen, und es gibt drei Milliarden Gamer. Der Business-Case ist damit kein Thema mehr. Zudem sind die generellen Aussichten zurzeit eher gedämpft – Klimakrise, Pandemie, Rassismus –, und ein eskapistisches Universum käme da gerade recht. Das isolierte Homeoffice lässt sich im Metaverse doch viel aufregender gestalten. (Ayad Al-Ani, 14.11.2021)