Für das Ausrollen der Impfungen war in Portugal Vizeadmiral Henrique Gouveia e Melo (Bildmitte) verantwortlich. Sein gerneralstabsmäßiges Vorgehen erklärt aber nur einen Teil der hohen Impfquote Portugals.

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Zwar steigen nun auch in Portugal die Infektionszahlen wieder langsam an. Doch mit einer Impfquote von 86,4 Prozent dürfte das westlichste Land Europas die Pandemie für diesen Herbst im Wesentlichen überstanden haben. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Personen liegt derzeit bei 100, vor einem Monat war sie bei 40. Aufgrund der hohen Impfquote muss nur eine verhältnismäßig geringe Zahl an Personen in Spitälern wegen Covid-19 behandelt werden.

Portugal ist damit Europameister bei der Impfquote – knapp vor dem großen Nachbarn Spanien, wo die Sieben-Tages-Inzidenz aktuell sogar noch geringer ist. Aufgrund der hohen Zahl an Genesenen gehen manche Experten deshalb sogar davon aus, dass man auf der Iberischen Halbinsel schon in die Nähe der Herdenimmunität gelangt sein könnte.

Doch wie ist es zu erklären, dass mit Portugal eines lange Zeit ärmsten Länder des Kontinents bei der Impfquote alle anderen übertrifft, während Österreich unter allen westeuropäischen Ländern den letzten Platz belegt?

Bestwerte bei der Wissenschaft

Portugal wurde kürzlich noch in einem anderen Bereich inoffizieller Europameister: Bei der im Frühjahr 2021 durchgeführten und im Herbst veröffentlichten Eurobarometerumfrage zum Thema Wissenschaft schnitt Portugal unter allen 27 EU-Mitgliedsländern in den meisten Bereichen am besten ab, während Österreich meist hintere Plätze belegte und oftmals Schlusslicht war. (Der STANDARD berichtete hier ausführlich.)

Auf die Frage etwa, welche Auswirkung in den nächsten 20 Jahren die Biotechnologie und die Gentechnik auf unser Leben haben werden, sind die Einschätzungen der österreichischen Befragten die negativsten, während die Portugiesinnen und Portugiesen besonders positive Erwartungen haben. Ähnlich sieht es beim Vertrauen in die Forscherinnen und Forscher aus. Während in Österreich nur 47 Prozent der Ansicht sind, dass Wissenschafterinnen und Wissenschafter mit dem Attribut "ehrlich" gut beschrieben sind, beträgt dieser Anteil in Portugal 77 Prozent (Rang drei).

Desinteresse und Ignoranz

Und wie sieht es mit dem Interesse an der Wissenschaft aus? Auch hier fallen die Österreicherinnen und Österreicher nicht aus dem Rahmen ihrer doch recht weitverbreiteten Wissenschaftsignoranz. Weniger lernbegierig sind nur die Kroatinnen und Kroaten. In Österreich wollen 41 Prozent mehr über wissenschaftliche Entwicklungen erfahren, in Portugal sind es 80 Prozent, was im EU-Vergleich Platz eins bedeutet.

Ähnlich verhält es sich es bei der Zustimmung zu der Aussage: "Das Interesse an Wissenschaft bei den Jungen ist wichtig für unseren künftigen Wohlstand." Die Österreicherinnen und Österreich stimmen dem nur zu 27 Prozent "sehr" zu. Das ist der mit einigem Abstand geringste Anteil von allen Ländern. In Portugal sind es hingegen 80 Prozent.

Gibt es Zusammenhänge?

Bleibt die Frage, ob die Wertschätzung von Wissenschaft und das Vertrauen in sie etwas mit der Impfquote zu tun hat. Diese Schlussfolgerung drängt sich auf, wenn man sich nicht nur die Eurobarometer-Ergebnisse von Portugal und Österreich im Vergleich ansieht, sondern auch die Resultate von Ländern wie Bulgarien oder Rumänien. Südosteuropäische Länder erweisen sich bei der europaweiten Studie mit insgesamt rund 37.000 Befragten ebenfalls als eher wissenschaftsskeptisch.

Fragt man Fachleute in Portugal nach diesem Zusammenhang, dann gibt es dazu differenzierte Ansichten. Die Wissenschaftshistorikerin Ana Simões (Universität Lissabon), die sich in ihren Forschungen auch mit Fragen der Wissenschaftspopularisierung beschäftigt hat, bevorzugt eine andere Erklärung für die hohe Impfbereitschaft in ihrem Land quer durch alle Altersgruppen.

"Impfen ist wie Zähneputzen"

Bereits 1965 – noch unter der Diktatur von Salazar – sei in Portugal ein nationaler Impfplan eingeführt worden, der bis heute außer Streit steht und den auch heute kaum jemand in Frage stellt: "Wenn wir die Aufforderung bekommen, uns gegen eine Krankheit impfen zulassen, dann tun wir das einfach" , sagt Simões: "Impfen ist für uns etwas ähnlich Selbstverständliches wie Zähneputzen."

Die Universitätsprofessorin verweist auf weitere zwei Faktoren – auf das relativ hohe Durchschnittsalter der portugiesischen Bevölkerung, das die Impfbereitschaft erhöht habe, und auf eine relativ schwache Zivilgesellschaft: "Impfgegner finden bei uns – anders als in vielen anderen Ländern – keine große Öffentlichkeit."

Der in den internationalen Medien (wie hier in der "New York Times") immer wieder genannte Vizeadmiral und Militär Henrique Gouveia e Melo habe hingegen nur einen mittelbaren Beitrag zur portugiesischen Impfquote geleistet: "Gouveia e Melo war nur für die Logistik der Impfstoffverteilung zuständig. Werbung für die Impfung hat er nicht gemacht."

Schlüsselfaktor Vertrauen

Die Technikhistorikerin Maria Paula Diogo (Neue Universität Lissabon) stimmt ihrer Kollegin weitgehend zu, hat aber noch eine weitere Erklärung, die doch wieder einen gewissen Zusammenhang zur Wissenschaft herstellt: "Seit dem 19. Jahrhundert genießen Ingenieure und Ärzte eine ganz besondere Wertschätzung in der portugiesischen Bevölkerung, weil sie als wichtige Treiber der Modernisierung unseres lange Zeit rückständigen Landes angesehen werden. Sie genießen daher auch ein großes Vertrauen."

Nach so gut wie allen bekannten Untersuchungen zur Impfbereitschaft ist Vertrauen – auch und zumal in Wissenschaft – tatsächlich einer der Schlüsselfaktoren. Davon gehen etwa Studien des Austria Corona Panel Projects der Uni Wien aus. Das hat man aber auch durch die internationale Studie "Wellcome Global Monitor" bestätigt, für die 2018 in 126 Ländern neben dem Vertrauen in die Wissenschaft auch nach der Bereitschaft gefragt wurde, die eigenen Kinder impfen zu lassen. Sekundäranalysen dieser Daten wurden kürzlich im Fachblatt "Nature Human Behaviour" publiziert, die diese Korrelation bestätigten.

Die Initiative Ciência Viva

Bleibt die Frage, wie sich die beiden Expertinnen die hohe Wertschätzung von Wissenschaft in ihrem Land erklären, das immer noch vergleichsweise wenig in Forschung und Technologie investiert. "Vor allem angewandte Forschung wird in Portugal als Schlüssel gesehen, unser Land weiter zu modernisieren", sagt Diogo. Sie erinnert aber auch an den für Portugal legendären Wissenschaftsminister José Mariano Gago (1948–2015), einen Teilchenphysiker, der vor rund einem Vierteljahrhundert ein in Europa einzigartiges Programm namens Ciência Viva startete, also "Lebendige Wissenschaft".

Auf ihrer Reise nach Portugal im Juni 2021 besuchte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auch eines der 21 Wissenschaftszentren von Ciência Viva, die viel zur Wertschätzung von Forschung und zur wissenschaftlichen Bildung beitragen.
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Dahinter verbirgt sich eine staatliche Agentur mit 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Wissenschaftspopularisierung auf allen Ebenen betreibt, – vor allem in und für Schulen, wo Kinder und Jugendliche in verschiedene Forschungsaktivitäten eingebunden werden. Es gibt aber auch ein Netzwerk von 21 Science Centers, die in Zusammenarbeit mit Universitäten und lokalen Behörden lebendige Forschung für alle zum Angreifen bereitstellen.

"Diese Aktivitäten spielen sicher eine wichtige Rolle, dass in der jüngeren Generation in Portugal als wichtig erachtet wird", sagt Ana Simões. Maria Paula Diogo machte erst kürzlich bei Ciência Viva mit und hat zum Thema Anthropozän ein Projekt mitentwickelt. Die beiden beteiligen sich daran freilich nicht nur aus reinem Idealismus, wie Diogo erklärt: "Bei unseren regelmäßigen Evaluierungen an der Uni ist Wissenschaftsvermittlung an ein nichtwissenschaftliches Publikum eine wichtige Beurteilungskategorie. Und bei positiven Evaluierungen gibt es mehr Geld." (Klaus Taschwer, 17.11.2021)