Bis heute werden Ankommende am Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen nicht nur der traditionell engmaschigen Einreisekontrolle unterzogen, sondern müssen sich auch speziellen Covid-Kontrollen stellen.

Foto: AP/Ariel Schalit

Während sich an Tel Avivs Stränden in diesem auch für israelische Verhältnisse ungewöhnlich milden November noch Sonnenhungrige ihre letzten Strahlen abholen, dürfte eine Hiobsbotschaft vergangene Woche unter den leidgeprüften Beamtinnen und Beamten im Jerusalemer Gesundheitsministerium kaum für Frühlingsgefühle gesorgt haben: Israel, das eben erst vergleichsweise glimpflich durch die vierte Covid-Welle gekommen ist, könnte schon in drei bis sechs Monaten eine weitere, fünfte Welle ins Haus stehen – und diese kostet womöglich noch mehr Menschen das Leben als die bisherigen.

Was wie Schwarzmalerei anmutet, hat einen erschreckend plausiblen Hintergrund: Weil Israel seine Bevölkerung früher als die meisten anderen Länder mit einem dritten Stich versorgt hat, seit 1. August nämlich, verliert die Immunisierung durch den sogenannten Booster auch früher als anderswo an Schwung. Wie rasch das passiert, ist unter Fachleuten umstritten. Ob sich der Booster im gleichen Tempo verflüchtigt wie die zweite Dosis des Biontech/Pfizer-Impfstoffs, um etwa zehn Prozent pro Monat nämlich, ist unklar. Und ob im Frühling noch immer die derzeit dominante Delta-Variante des Virus vorherrscht, ebenso.

Vierte Dosis empfohlen

Die Zahl der Covid-Toten könnte in dieser prognostizierten fünften Pandemiewelle dreimal so hoch werden wie in der vierten, mit der etwa Österreich gerade so hart zu kämpfen hat, heißt es in dem Papier, das dem Ministerium vergangene Woche vorgelegt wurde. Es sei denn, so die Empfehlung, man baue rechtzeitig vor – mit einer vierten Corona-Impfung nämlich.

Die Angst vor der fünften Welle trifft Israel just zu einem Zeitpunkt, zu dem das Land eigentlich seine Lehren aus der erfolgreich bewältigten vierten Welle in die Welt schicken will – und tatsächlich steht das 9,2-Millionen-Einwohner-Land vergleichsweise gut da, was die Zahlen betrifft.

So sind – ähnlich wie hierzulande – zwischen Eilat und dem Golan gerade einmal etwas mehr als 60 Prozent der Bevölkerung geimpft, mehr als vier Millionen Israelis haben aber schon ihren Drittstich erhalten. Seit zwei Monaten geht die Zahl der Neuinfektionen beständig zurück, zuletzt lag sie bei weniger als 500 pro Tag. Und auch was die Immunisierung von Kindern betrifft, gilt Israel einmal mehr als Vorreiter. Am Sonntag verkündete das Gesundheitsministerium die Zulassung des Biontech/Pfizer-Vakzins für Kinder von fünf bis elf Jahren.

Ministerpräsident Naftali Bennett will mit gutem Beispiel vorangehen. Am Sonntag appellierte er in der Knesset an Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen – auch sein jüngster Sohn werde sich immunisieren lassen, kündigte er an. Mit Blick auf Europa, wo die vierte Welle Infektionsrekorde zu brechen droht, richtete er eine düstere Warnung an seine Landsleute: "Es ist unmöglich zu wissen, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet".

"Der nächste Krieg"

Um auf den Fall der Fälle vorbereitet zu sein, die Entdeckung einer neuen, noch aggressiveren Variante nämlich, hat sich Bennett vergangene Woche sogar in einen Atombunker unterhalb Jerusalems begeben. Der war eigentlich vor zehn Jahren errichtet worden, um Israels Regierung auch im Fall eines iranischen Angriffs funktionsfähig zu halten. Nun dient er Bennett auch in einer möglicherweise eskalierenden Corona-Krise als sicherer Rückzugsort.

In einem "Stresstest" erforschten die israelischen Behörden dort, wie das Land auf den Ausbruch einer fiktiven "Omega-Variante" reagieren würde, die vor allem Kinder betrifft und gegen die keine Impfung hilft. Um in diesem "nächsten Krieg", wie Bennett es im Anschluss an die Übung nannte, zu bestehen, müsse man "schnell und hart" reagieren. Das Waffenarsenal reicht von Schul- bis zu Grenzschließungen und von Quarantäne bis zum schon bekannten Lockdown. Seine Erkenntnisse will Bennett nun ausgewählten Amtskollegen verraten – darunter Großbritanniens Premier Boris Johnson, wie es hieß. (Florian Niederndorfer, 16.11.2021)