Sabine Kristof-Kranzelbinder (li.) ist eine nervlich kaputte Firmenchefin.

Stefan Reichmann

Dem Publikum hat Juli Zeh, Deutschlands linke literarische Nervensäge, 2017 am Beginn ihres Romans Leere Herzen die zornige Widmung hingeworfen: "Da. So seid ihr." Damals stand die jüngste deutsche Bundestagswahl noch bevor, und es hätte im Nachbarland durchaus so weitergehen können wie im Buch. Darin wird vom letzten Teil der Bevölkerung, der noch wählen geht, eine Partei namens "Besorgte-Bürger-Bewegung" an die Macht befördert. Unter der Devise, den Staat ein bisschen schlanker zu machen, baut "BBB" die Demokratie stufenweise ab.

Das Horrende dabei: Niemandem geht etwas ab. Dass einer Jungunternehmerin namens Britta Söldner ständig zum Kotzen ist, liegt halb an ihrem zynischen Geschäftsmodell, halb an ihrem verleugneten Burnout. Sie vermittelt Suizidwillige an Organisationen, die Selbstmordattentate verüben. Das Start-up-Unternehmen blüht.

Enthusiasmus

In Kärntens freier Szene haben nun das Theater KuKuKK und das Theater Waltzwerk ihre Kräfte gebündelt, um in den Kammerlichtspielen in der Klagenfurter Innenstadt eine von Sarah Rebecca Kühl dramatisierte und inszenierte Fassung des Romans zur Österreich-Premiere zu bringen. Mit einem Enthusiasmus, wie er die besten freien Theaterproduktionen auszeichnet, wird das politisch gespenstische Personal auf der kleinen Bühne verkörpert.

Sabine Kristof-Kranzelbinder ist eine nervlich kaputte, ihr Herz spürbar verleugnende Firmenchefin und Michael Kristof-Kranzelbinder ihr an der selbst entwickelten Suchmaschine verzweifelnder IT-Experte. Valentina Inzko Fink lässt sich als tierliebende Suizid-Volontärin den Kopf willig in jeden Wasserkübel tunken. Markus Achatz und Mirko Roggenbock überzeugen in den zahlreichen Rollenwechseln, die dramaturgisch eingesetzt werden, um das Panorama einer ganzen Gesellschaft zu zeigen, die ebenso politikverdrossen wie demokratiemüde ist, an ihrer Einsamkeit schon fast zugrunde gegangen ist, aber immer noch glaubt, dass mit Wahlenthaltung etwas zu retten ist.

Neobiedermeier

In einem feinen kleinen Text im Programmheft zeigt sich Sarah Rebecca Kühl traurig darüber, dass, seit Kulturveranstaltungen wieder stattfinden dürfen, weniger Publikum in die Theater kommt. Es ist genau dieser Rückzug in die eigenen vier Wände, gegen den sich diese Produktion engagiert. Dass an ihrem Ende ein Putsch gegen die Besorgte-Bürger-Bewegung gelingt, vom Bundesnachrichtendienst gedeckt, ist ein Signal der Hoffnung. (Michael Cerha, 18.11.2021)