Demonstrantinnen und Demonstranten fordern vor dem Gerichtsgebäude am Dienstag einen Schuldspruch für Kyle Rittenhouse. Auch an Richter Bruce Schroeder üben sie Kritik.

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Patriot oder Terrorist? So weit gehen die Meinungen beim Prozess um den mittlerweile 18-jährigen Kyle Rittenhouse auseinander, der im vergangenen Jahr bei Anti-Rassismus-Protesten in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin zwei Demonstranten tötete und einen verletzte. Er ist unter anderem wegen Mordes angeklagt und könnte bei einem Schuldspruch lebenslang ins Gefängnis kommen.

Acht Tage lang waren im Prozess mehr als 30 Zeuginnen und Zeugen angehört sowie umfassend Videomaterial gesichtet worden. Seit Dienstag berät die Geschworenen-Jury. Auch am Mittwoch kam sie zu keinem Urteil, nachdem sie sich Beweis-Videos nochmals angesehen hatte. Wann mit einem Urteil zu rechnen ist, ist unklar. Der Gouverneur von Wisconsin, Tony Evers, hat 500 Mitglieder der Nationalgarde von Wisconsin in Bereitschaft versetzt, sollte es danach zu Unruhen kommen.

Der damals 17-jährige Rittenhouse war im August 2020 nach Kenosha gereist und hatte sich dort bewaffneten Männern angeschlossen, die nach eigenen Angaben Geschäfte vor Plünderern schützen wollten.

Die Stadt war zu dieser Zeit in Aufruhr. Zahlreiche Menschen schlossen sich den Black-Lives-Matter-Protesten an, nachdem ein Polizist den Schwarzen Jacob Blake mit mehreren Schüssen in den Rücken schwer verletzt hatte. Seit Mai 2020, nach dem Mord eines Polizisten an George Floyd, war es landesweit zu Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt gekommen.

Zwei Tote, ein Schwerverletzter

Warum es an diesem Abend im August zur Eskalation kam, darüber existieren verschiedene Erzählungen. Auf Videos ist zu sehen, wie sich Rittenhouse und der 36-jährige Joseph Rosenbaum gegenseitig verfolgen, Rosenbaum einen Plastiksack in seine Richtung wirft. Dann feuert eine andere Person einen Schuss in die Luft – kurz darauf schießt Rittenhouse mit einem halbautomatischen Gewehr viermal auf Rosenbaum, der nicht überlebt.

Mehrere Menschen folgen dem Schützen und versuchen offenbar, ihn zu entwaffnen. Der 26-jährige Anthony Huber schlägt Rittenhouse mit seinem Skateboard, der erneut mit seiner Waffe reagiert. Auch Huber überlebt nicht. Rittenhouse schießt wenig später auf einen dritten Mann, Gaige Grosskreutz, er überlebt schwerverletzt. Insgesamt feuert Rittenhouse seine Waffe – die ihm ein Freund besorgt hatte, weil er mit 17 nicht alt genug war, um im Bundesstaat Wisconsin legal eine zu erwerben– an diesem Abend achtmal ab.

Die Polizei trifft ihn noch an Ort und Stelle mit seinem Gewehr um den Hals an, nimmt ihn aber nicht fest. Er fährt zunächst nach Hause und stellt sich danach selbst der Polizei.

Notwehr oder Provokation

Beim Prozess argumentierten Rittenhouse' Anwälte nun, er sei von Randalierern angegriffen worden und habe aus Notwehr gehandelt. Auch Rittenhouse selbst sagte vor Gericht, er "habe nichts falsch gemacht", sondern sich "selbst verteidigt". Er gab zu, gewusst zu haben, dass Rosenbaum unbewaffnet war. Er befürchtete aber, Rosenbaum hätte ihm die Waffe wegnehmen können. Die Anklage hatte argumentiert, es sei Rittenhouse gewesen, der den Vorfall am 25. August 2020 "provoziert", der rücksichtslos und kriminell gehandelt habe.

Richter Bruce Schroeder forderte die Jury auf, sich nicht "von Sympathien, Leidenschaft, Vorurteilen oder politischen Einstellungen" leiten zu lassen. Auch die Meinung "des Präsidenten der Vereinigten Staaten oder die seines Vorgängers" dürfe keine Rolle spielen, sagte Schroeder – wohl vor allem mit Blick auf Donald Trump. Der damalige Präsident hatte nach dem Vorfall gesagt, dass Rittenhouse "in großen Schwierigkeiten" gesteckt habe, weil Demonstranten ihn "gewaltsam angegriffen" hätten. "Er wäre vermutlich getötet worden." Rittenhouse wurde durch sein Handeln auch insgesamt zu einer Art Galionsfigur des rechtsextremen Lagers, das auf Waffenbesitz und Selbstverteidigung pocht.

"Selbstverteidigung ist kein Verbrechen" ist die Meinung dieser Rittenhouse-Unterstützerin vor dem Gerichtsgebäude in Kenosha am Dienstag.
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Der 75-jährige Richter sorgte allerdings auch selbst mit diversen Aussagen für Aufsehen. Etwa untersagte er der Staatsanwaltschaft, die mutmaßlich von Rittenhouse Getöteten als "Opfer" zu bezeichnen. Dafür gestattete der Richter es der Verteidigung, die Demonstrierenden der Black-Lives-Matter-Bewegung "Randalierer" und "Plünderer" zu nennen.

Im Prozess zeigten sich auch die Schwierigkeiten des dienstältesten Richters Wisconsins mit moderner Technik. Im Zusammenhang mit Apples "Pinch to Zoom"-Technik signalisierte er der Verteidigung etwa Zustimmung zu der Aussage, iPads würden eine "künstliche Intelligenz" in sich tragen, die "Dinge durch drei Dimensionen und Logarithmen" darstellt. Eine Formulierung, die in der Fachwelt für Kopfschütteln sorgte.

The Independent

Auch die Wortwahl des Richters zur Mittagspause hatte Empörung zur Folge. Auf die Frage, wann die Verhandlung denn weitergehen könne, sagte er, er hoffe, dass das asiatische Essen schnell geliefert werde "und ist nicht an Bord eines dieser Schiffe im Hafen von Long Beach". Damit spielte er wohl auf die anhaltenden Probleme in den Lieferketten im globalen Handel mit Asien an, von denen auch zahlreiche US-Häfen betroffen sind. John Yang, Chef der Bürgerrechtsgruppe Asian Americans Advancing Justice, warf dem Richter daraufhin fehlendes kulturelles Fingerspitzengefühl vor. (maa, 17.11.2021)