Anna Gasser fühlt sich nur auf dem Brett richtig wohl. Das Rundherum betrachtet sie als Arbeit. Den Rummel nimmt sie als beste Snowboarderin ihrer Zeit trotzdem in Kauf.

Foto: APA/HANS PUNZ

Fast vier Jahre nach dem Goldmedaillengewinn von Snowboarderin Anna Gasser im Big Air bei den Olympischen Spielen ist eine Dokumentation über die 30-jährige Kärntnerin erschienen. Der sehenswerte Streifen The Spark Within kann kostenlos auf Red Bull TV gestreamt werden – er zeichnet den Weg einer Pionierin nach.

STANDARD: "The Spark Within" zeigt nicht nur Ihre Erfolge. Sie stürzen, Sie bluten, Sie sind verletzt. Ist es das wert?

Gasser: Jetzt, in diesem Moment, würde ich die Frage mit einem klaren Ja beantworten. Weil ich den Sport liebe. Aber es kommt darauf an, zu welchem Zeitpunkt Sie mir diese Frage stellen.

STANDARD: Angenommen, ich würde diese Frage während einer Verletzungspause stellen.

Gasser: Dann hätte ich Zweifel. Wenn ich verletzt bin, kommen Fragen hoch. Warum mache ich das? Warum tu ich mir das an? Ich denke, dass diese Gedanken gesund sind. Man muss alles infrage stellen.

STANDARD: Es heißt, Sie hätten Probleme, Verletzungen zu akzeptieren. Stimmt das?

Gasser: Verletzungen sind für mich das Schlimmste. Als Sportlerin ist man gewohnt, dass das Leben sehr schnell ist. Es geht immer nach vorne. Go, go, go! Und von einer Sekunde auf die andere wird es still. Als würde man dir plötzlich deine Arbeit nehmen.

STANDARD: Kennen Sie Angst?

Gasser: Natürlich. Nach dem Sturz kommt die Angst. Die Angst, dass man nicht mehr so stark zurückkommt. Die Angst, dass man nicht mehr mithalten kann. Die Angst, dass man nicht mehr dieselbe Snowboarderin ist.

STANDARD: Und die Angst vor der Verletzung? Im Film wird thematisiert, dass Sie bereits Glück im Unglück hatten.

Gasser: Wenn ich diese Angst hätte, müsste ich aufhören. Ich spiele alle schlechten Dinge durch. Was, wenn ich die Orientierung verliere? Wie lasse ich mich fallen? Ich habe für jede Situation einen Notfallplan.

Flying high: Im Big Air ist Anna Gasser eine Ikone ihres Sports.
Foto: APA/EXPA/JOHANN GRODER

STANDARD: Sie stehen nicht gerne im Mittelpunkt. Ist Ihnen die Aufmerksamkeit unangenehm?

Gasser: Ich kann mir das nicht aussuchen, das Leben wirft es mir zu. Auf der einen Seite fühlt es sich eigenartig an, weil ich das so nicht wollte. Auf der anderen Seite genieße ich es, weil der Sport zuvor in Österreich keine Aufmerksamkeit bekommen hat.

STANDARD: Sie haben den Sport aus der Nische geholt. Sogar Ihre Eltern hielten Ihre Pläne zunächst für "verrückt". Ist Ihre Karriere ein Ringen um Anerkennung?

Gasser: Die Anerkennung ist ein Nebenprodukt. Wenn man mit niedrigen Erwartungen startet, wird das später Erreichte zum Bonus. Ich hatte am Anfang nicht das Ziel, Sportlerin des Jahres oder Olympiasiegerin zu werden. Es ist einfach passiert.

STANDARD: In der Snowboardszene wurden Sie zunächst als Turnerin auf einem Brett abgetan.

Gasser: Das hat mich sehr getroffen. Es hieß, ich sei nur durch das Turnen so gut geworden, ich könne gar nicht richtig snowboarden. Man hat die Erfolge kleingeredet. Die Kritik hat mich nur angestachelt, ich wollte es allen beweisen. Als würde man Ihnen sagen, Sie seien nur bei der Zeitung gelandet, weil sie als Kind viel gelesen hatten.

STANDARD: Ich habe tatsächlich viel gelesen – bin aber nicht Weltklasse.

Gasser: Das war zunächst auch nicht meine Ambition. Ich wollte mein Leben nur rund um das Snowboarden aufbauen. Die Frage war: Wie kann ich das finanzieren? Erst als ich gesehen habe, dass die Bewerbe gut laufen, wollte ich die Beste der Welt werden.

STANDARD: Das ist Ihnen geglückt. Jetzt gelten Sie als Pionierin, als Inspiration. Gefällt Ihnen diese Rolle?

Gasser: Ich nehme sie auf jeden Fall an. Ich möchte jungen Frauen zeigen, dass es für sie keine Grenzen gibt. Dass es möglich ist, spät mit etwas anzufangen. Und, das klingt vielleicht banal, dass es wichtig ist, an sich selbst zu glauben.

Anna Gasser über Preisgeld: "Es war ein langer Weg zur Gleichbehandlung, ein Rückschritt kommt nicht infrage."
Foto: APA/Punz

STANDARD: Hat man an Sie geglaubt?

Gasser: Die Lehrer haben mich gefragt, warum ich meine Zukunft wegschmeiße. Ich konnte nicht erklären, wofür ich brenne. Es ist ein gutes Gefühl, es allen gezeigt zu haben. Das war alles keine Spinnerei.

STANDARD: Ihr Vater sagt, Sie werden "damisch", wenn man Sie nicht gerecht behandelt. Die Doku zeigt Diskussionen um Preisgeld. Ist es ein Kampf?

Gasser: Wir waren in China, dort hätten Frauen deutlich weniger Geld als Männer bekommen sollen. Es war ein sehr langer Weg zur Gleichbehandlung, ein Rückschritt kommt nicht infrage. Also haben wir gemeinsam einen Boykott angedroht.

STANDARD: Das hat gefruchtet?

Gasser: Das hat es. Mittlerweile sind die Preisgelder fair verteilt. Früher gab es für Frauen keinen Big-Air-Wettbewerb, dann wurden nur Männer im TV übertragen. Das hat sich alles verändert. Und das ist richtig cool.

STANDARD: Die Saison steht im Zeichen der Olympischen Spiele von Peking. Können Sie nach der Goldenen von 2018 entspannt anreisen?

Gasser: Es ist eine andere Ausgangsposition, ich sehe mich diesmal nur als Mitfavoritin. Es gibt einige Frauen, die Gold holen können. Der Druck ist nicht mehr derselbe. Ich kann nur gewinnen.

STANDARD: Wie war es bei Ihrem Triumph in Pyeongchang?

Gasser: In Südkorea war ich die Topfavoritin, ich war der Konkurrenz einen Schritt voraus. Das hat mich enorm unter Druck gesetzt. Es war eine riesige Last auf meinen Schultern.

Anna Gasser über jüngere Konkurrenz: "Vielleicht hat mein Weg die eine oder andere Boarderin inspiriert."
Foto: Matthias Heschl

STANDARD: Wie lässt sich der Druck zur Seite schieben?

Gasser: Es ist schwierig. Ich habe beim Einschlafen daran gedacht, ich habe beim Aufstehen daran gedacht. Nur auf dem Board ist alles in Ordnung, dort kann ich mit dem Rundherum gut umgehen.

STANDARD: Ist das eine Frage der Routine?

Gasser: Man lernt das nicht von einem Tag auf den anderen. Bei meinen ersten Bewerben war ich so nervös, dass ich bei den leichtesten Sprüngen gestürzt bin. Das spielt sich alles im Kopf ab.

STANDARD: Beim Weltcupauftakt mussten Sie sich der 16-jährigen Kokomo Murase geschlagen geben. Die Youngsters sind jetzt andere.

Gasser: Der Sport lebt, eine neue Generation rückt nach. Das ist gut so. Vielleicht hat mein Weg die eine oder andere Boarderin inspiriert. Das wäre das Beste, was passieren könnte.

STANDARD: Und was, wenn es mit der Medaille in Peking nicht hinhaut?

Gasser: Dann dreht sich die Welt bestimmt weiter. Ich bin nicht die beste Contest-Fahrerin. Ich will meine neuen Tricks zeigen. Ich will zeigen, was ich kann. Manchmal wäre die Sicherheitsvariante gescheiter. Aber der Fortschritt ist wichtiger als der Sieg. (Philip Bauer, 18.11.2021)