Rund 2.000 Menschen sollen in das Logistikzentrum in der Nähe des provisorischen Lagers gebracht worden sein.

Foto: Reuters / Kacper Pempel

Białystok/Grodno/Vilnius – In Belarus haben nach Angaben des Grenzschutzes hunderte Migranten ein provisorisches Zeltlager an der Grenze zu Polen verlassen. Am Donnerstag seien alle Flüchtlinge aus dem Lager nahe dem Grenzübergang Kuźnica-Brusgi "auf freiwilliger Basis" in ein nahe gelegenes Logistikzentrum gebracht worden, erklärte der belarussische Grenzschutz auf Telegram. Migranten würde auf den Grünstreifen entlang der polnischen Grenzbefestigung nicht mehr vorgelassen, sagte eine Sprecherin der Behörde der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Die Behörden veröffentlichten Fotos des offenbar verlassenen Lagers, in dem in den vergangenen Tagen rund 2.000 Menschen ausgeharrt hatten.

Am Dienstagabend waren bereits mehr als tausend Menschen aus dem Lager in eine riesige Lagerhalle gebracht worden. Rund 800 weitere hatten nach Angaben der belarussischen Behörden bei Temperaturen unter null Grad weiter in Zelten oder an Lagerfeuern im Freien geschlafen.

Impfstelle in Notunterkunft geplant

Diese Gruppe wurde wegen "schlechter werdender Wetterbedingungen" nun ebenfalls in die Lagerhalle gebracht, teilte der Grenzschutz mit. Dort erhalten sie demnach warmes Essen und warme Kleidung.

Staatsnahe belarussische Medien veröffentlichten Freitagfrüh erneut Videos aus der Logistikhalle, in der mittlerweile fast alle Menschen untergebracht sind, die zuvor im Wald kampiert hatten. In der Notunterkunft lagen Erwachsene und Kinder dicht gedrängt auf Matratzen am Boden. Vor dem Gebäude wurde demnach Essen ausgeteilt. Weil so viele durchnässte und frierende Menschen dort Zuflucht suchten, war eine zweite Etage bereitgestellt worden.

Nachdem in der Notunterkunft am Vortag ein erster Covid-Fall gemeldet worden war, soll dort am Freitag eine Impfstelle den Betrieb aufnehmen. Geplant ist die Verabreichung eines chinesischen Vakzins.

Einjähriges Kind gestorben

Wie der britische "Guardian" und die Nachrichtenagentur Reuters berichten, ist ein einjähriges Kind im Wald gestorben. Es ist das jüngste Todesopfer in der Grenzkrise. Die Hilfsorganisation Polish Centre for International Aid hatte am Donnerstagmorgen ein verletztes syrisches Paar im Wald behandelt, das vom Tod seines Kindes berichtete. Die Eltern gaben an, über einen Monat lang dort gelebt zu haben. Zur Todesursache des Buben ist bisher nichts bekannt.

Festsitzen bei eisigen Temperaturen

Das nunmehr aufgelöste provisorische Lager lag in einem Waldgebiet unweit des Grenzübergangs Brusgi. Am Dienstag hatten polnische Sicherheitskräfte dort Tränengas und Wasserwerfer gegen Flüchtlinge eingesetzt. Der polnische Grenzschutz bestätigte nun die Evakuierung des Lagers.

Polens Grenzschutz registrierte außerdem am Donnerstag zwei vergebliche Versuche größere Migrantengruppen, die Grenze zu überqueren. Auf der Höhe des Ortes Dubicze Cerkiewne hätten belarussische Lastwagen am Abend Migranten an die Grenze gebracht, sagte eine Sprecherin am Freitag. Die rund 500 Migranten hätten mit Steinen und Ästen geworfen, belarussische Uniformierte hätten die Polen mit Laserstrahlen geblendet. In einem zweiten Fall in der Nähe der Ortschaft Mielnik habe eine Gruppe von 50 Migranten die Grenze überquert, sei aber von den polnischen Sicherheitskräften zurückgewiesen worden. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen, da Polen keine Journalisten ins Grenzgebiet lässt.

An der EU-Außengrenze zu Belarus, besonders an der Grenze zu Polen, sitzen seit Wochen tausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, darunter viele Kurden aus dem Nordirak, bei eisigen Temperaturen fest. Die EU wirft dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko vor, absichtlich Flüchtlinge ins Grenzgebiet zur EU zu schleusen. (APA, red, 19.11.2021)