82 Dollar kostet ein Fass der Rohölsorte Brent, fast doppelt so viel wie im Vorjahr.

Foto: Getty Images / Kanok Sulaiman

Es ist schon einigermaßen skurril. Der Konjunkturaufschwung soll mit schuld daran sein, dass die Energiepreise so in die Höhe geschossen sind, wie sie in die Höhe geschossen sind, beteuern Experten. Gleichzeitig könnte die lang ersehnte Erholung der Wirtschaft nach dem pandemiebedingten Einbruch schon bald wieder vorbei sein. Oder zumindest scharf abgebremst werden. Warum? Eben weil Energie so teuer ist wie schon lange nicht mehr.

Die Wahrheit liegt wohl wie meist irgendwo in der Mitte. Tatsächlich ist die Wirtschaft nach den Lockdowns zur Eindämmung der Corona-Infektionsgefahr stärker und rascher angesprungen als von der Mehrzahl der Wirtschaftsforscher prognostiziert.

Öl- und Gasförderunternehmen haben ihre Produktion im Vorjahr stark zurückgefahren, nachdem die Preise von Öl und Gas aufgrund geringerer Nachfrage wegen Kurzarbeit und teilweisen Produktionsstillstands talwärts marschiert waren. Und auf Knopfdruck lässt sich ein Bohrloch auch nicht wieder aktivieren, geschweige denn auf hundert Prozent Leistung trimmen.

Künstliche Verknappung

Außerdem kam den Ölförderländern rund um die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) der Preisanstieg gar nicht ungelegen. Zusammen mit Russland und anderen Ölproduzentenländern, die mit dem Ölkartell die sogenannte Opec+ bilden, haben sie ihr Angebot künstlich verknappt. Erklärtes Ziel dieser Strategie war es, den Preis in die Höhe zu treiben und zu bewirken, dass wieder mehr Petrodollars in die klammen Kassen der Ölkartellmitglieder und ähnlich ausgerichteter Staaten fließen.

Am Sitz der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) in Wien fallen die Entscheidungen, wieviel von dem "schwarzen Gold" die Mitgliedsländer in den Verkauf bringen. Russland und neun andere Staaten (Opec+) stimmen ihre Förderpolitik seit einiger Zeit mit dem dem Ölkartell ab.
Foto: reuters / leonhard föger

Das ist gelungen. Von durchschnittlich 42 Dollar je Fass (159 Liter) im Vorjahr ist der Preis der Sorte Brent heuer in der Spitze auf 80 Dollar und mehr in die Höhe geschossen. Im Jahresschnitt dürfte sich der Preis der in Europa maßgeblichen Nordseesorte bei etwa 70 Dollar (60,15 Euro) je Fass einpendeln.

Vergleichbares spielt sich derzeit im Gasmarkt ab. Im Großhandel hat sich Erdgas seit Jahresbeginn zeitweise um bis zu 440 Prozent verteuert. Hier spielt auch eine Rolle, dass Gas immer mehr als Brückentechnologie eingesetzt wird, um im Kraftwerkspark die besonders umweltschädliche Kohle zu ersetzen. Das treibt letztlich auch die Preise für elektrische Energie nach oben.

Billige Energie war einmal

Durch die zunehmende Elektrifizierung aller Lebensbereiche, die bei der Mobilität mit dem Switch von Diesel und Benzinern zu Elektroautos beginnt und bis zum verstärkten Einsatz elektrisch betriebener Wärmepumpen zum Heizen reicht, wird absolut betrachtet deutlich mehr Strom benötigt. Und dieser Strom soll möglichst CO2-frei hergestellt werden.

Das geht möglicherweise langfristig, wenn effiziente Speichersysteme sauberen Strom aus Windkraft und Solaranlagen für die aufbringungsschwachen kalten Monate auf Vorrat halten können. Kurz- bis mittelfristig muss diese Lücke, die durch die geringere Wasserführung im Winter noch vergrößert wird, beispielsweise durch Anfahren von Gaskraftwerken geschlossen werden.

Gas soll als Brückentechnologie dienen, bis genug erneuerbare Energien zur Verfügung stehen.
Foto: imago / ralph peters

Gas ist zwar auch fossil, beim Verbrennen wird aber deutlich weniger CO2 freigesetzt als beispielsweise beim Einsatz von Kohle. Deshalb spricht man von Brückentechnologie – bis eben genügend saubere Energie aus erneuerbaren Quellen oder entsprechenden Speichern das ganze Jahr über zur Verfügung stehen.

Wie lange kann der Preisdruck anhalten? Die extremen Spitzen, wie sie zuletzt bei den Energieträgern gesehen wurden, werden voraussichtlich nach dem Ende der Heizsaison abflachen. Dann dürfte es angebotsseitig mehr Öl und Gas geben, was sich auch dämpfend auf die Strompreise auswirken sollte. So günstig wie vor einem Jahr wird Energie aber wohl nie mehr werden, dafür sorgt schon die CO2-Abgabe. (Günther Strobl, Magazin "Portfolio", 17.12.2021)