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Im kommenden Jahr wird sich zeigen, ob sich die US-Wirtschaft nachhaltig von den Corona-Spätfolgen erholen kann.

Illustration: Getty Images / Sean Gladwell

Das Jahr 2022 wird für die USA in vielerlei Hinsicht ein Jahr der Entscheidung sein. Im kommenden Jahr wird sich zeigen, ob sich die US-Wirtschaft nachhaltig von den Corona-Spätfolgen erholen kann. Die Genese des Landes wird auch Einfluss darauf haben, wer künftig im Kapitol das Sagen hat und damit in Zukunft die Weichen für die Wirtschaftspolitik in den USA stellt.

Die Chancen, dass die Republikaner bei den Kongresswahlen im November 2022 sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat zurückerobern, sind groß. Bis dahin erhofft sich Präsident Joe Biden eine Stabilisierung des US-Arbeitsmarktes, der sich seit der Pandemie in einer ungewöhnlichen Schieflage befindet.

Obwohl die Nachfrage nach Arbeitskräften gewaltig ist (die Arbeitslosenquote liegt bei lediglich 4,6 Prozent), kündigen immer mehr Amerikaner ihren Job. Entweder weil sie unzufrieden sind mit den Arbeitsbedingungen oder weil sie durch Homeoffice oder Teilzeitarbeit gelernt haben, dass sie auch mit weniger Geld auskommen.

"Great Resgnation"

Im September erreichte die Quote der "Quitter" 4,4 Millionen, das entspricht drei Prozent der gesamten US-Arbeitskraft. Sollte sich dieser Trend einer "Great Resignation" fortsetzen, könnte sich das massiv auf das Wachstum auswirken. Auch für die Probleme im Zulieferer- und Logistiksektor gibt es 2022 noch keine Entwarnung.

Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Engpässe bei Mikrochips so wie bei anderen Gütern noch weit bis ins dritte Quartal 2022 anhalten könnten. Wirtschaftsanalyst Moody’s warnt in seinem jüngsten Bericht vor einem "perfekten Sturm". Die weltweite Produktion werde weiterhin behindert durch die uneinheitlichen Pandemie-Sicherheitsstandards einzelner Länder, durch Flaschenhälse bei den Lieferketten und in der Folge steigende Energiekosten und Rohstoffpreise.

Ausufernde Inflation

Als größte Gefahr für das Wirtschaftswachstum in den USA wird die ausufernde Inflation betrachtet, die vor allem Haushalte mit niedrigeren Einkommen deutlich zu spüren bekommen. Die Preise für Energie, Lebensmittel, aber auch für Mieten sind gegenüber dem Vorjahr um 6,2 Prozent gestiegen – der größte Sprung seit 31 Jahren. Allein das Benzin an der Zapfsäule hat sich seit dem Vorjahr um 62 Prozent verteuert. Laut der jüngsten Umfrage der Federal Reserve Bank hat die Inflationsangst der Amerikaner einen neuen Allzeitrekord erreicht.

Die positive Nachfrage am Arbeitsmarkt sowie die höheren Löhne werden durch die Inflation wieder aufgefressen. Experten streiten, ob das von der US-Regierung verabschiedete Infrastrukturgesetz, das u. a. milliardenschwere Investitionen in Straßen, Schienen und den Breitbandnetzausbau vorsieht, die angespannte Lage verbessert.

Kurzfristig könnte das Geld, das der Staat in den kommenden Jahren ins System pumpt, die Inflation sogar noch zusätzlich anheizen. Ökonomen, die den Reformplan des Präsidenten unterstützen, sind jedoch überzeugt, dass mittel-und langfristig die positiven Effekte überwiegen.

Für Anleger dürfte 2022 ein eher durchwachsenes Jahr werden. Nach dem Rebound Mitte 2020 und der darauf folgenden Kursrallye, angeführt durch die großen Tech-Konzerne sowie weitere Profiteure der Pandemie, erwarten Analysten für die nahe Zukunft eher moderate Gewinne. Hauptursache dafür ist – neben den bereits geschilderten Negativindikatoren – die drohende Anhebung der Leitzinsen, die schon für heuer erwartet worden war und sich kaum noch ein weiteres Jahr aufschieben lässt.

Neun der 18 Mitglieder des US-Zentralbank-Ausschusses gehen davon aus, dass die Fed ihre milliardenschweren Stützkäufe zurückfahren und die Zinsen anheben wird.

Tech-Sektor ermüdet, Innovationen dauern

Ernüchterung auch beim Wachstumstreiber Tech. Einerseits aufgrund des Mikrochip-Mangels, aber auch, weil für 2022 keine größeren Innovationen zu erwarten sind. So dürften noch Jahre ins Land gehen, bis Apple seine mit Spannung erwartete Augmented-Reality-Brille sowie das Apple-E-Auto zur Marktreife gebracht haben wird.

Auch Alphabet (Google) und Microsoft, die 2021 die Zwei-Billionen-Dollar-Marktwert-Schwelle geknackt haben, werden im kommenden Jahr lediglich bereits eingeführte Produkte und Services verbessern. Derweil baut Amazon eifrig sein Supermarkt-Filialnetz (Amazon Go und Whole Foods) weiter aus. Mit Amazon Pharmacy rückt der Online-Händler den Apotheken und Drogeriemärkten auf die Pelle.

Und Facebook, das ab Dezember unter "Meta" und dem Börsenkürzel MTVRS firmieren wird, hat die Erwartungen für Anfang 2022 deutlich zurückgeschraubt. Erhöhte Ausgaben für die Filterung von Hassbotschaften und Fake-News in seinen Netzwerken schlagen negativ auf die Bilanz.

Hinzu kommen zusätzliche Investitionen in den Bereich "Reality Labs", der künftig als eigenständige Sparte geführt wird. Das Metaverse, laut CEO Mark Zuckerberg der "Nachfolger des mobilen Internets", ist eine riskante Wette auf die Zukunft, die, sollte sie denn aufgehen, frühestens in der zweiten Hälfte dieser Dekade für den Massenmarkt relevant werden dürfte.

Geldstrafen aus der Portokasse bezahlt

Wenn es ein Ziel für 2022 gibt, bei dem sich Demokraten und Republikaner ausnahmsweise einig sind, dann das: die (All-)Macht der Internetkonzerne stoppen. Mit einer Regulierungstroika, bestehend aus Lina Khan, Tim Wu und Jonathan Kanter, hat Washington harte Geschütze aufgefahren, die allesamt aufs Silicon Valley zielen. Inwieweit das den Tech-Firmen gefährlich werden könnte, muss sich noch zeigen.

Bislang haben Google, Facebook und Amazon bisherige Geldstrafen aus der Portokasse bestritten. Ist der Zug abgefahren, ist Big Tech too big to regulate? Der ehemalige Investor und heutige Facebook-Kritiker Roger McNamee brachte auf dem Web-Summit kürzlich neue Sanktionsmöglichkeiten ins Spiel: Gefängnisstrafen für das Top-Management – die einzige Maßnahme, die man in den Konzernzentralen von Menlo Park und Mountain View tatsächlich fürchte.

Und so könnte 2022 für die USA ein Jahr der Ernüchterung, der Erneuerung, vielleicht auch der eigenen Unternehmenshygiene werden. (Richard Gutjahr, Magazin "Portfolio", 2.12.2021)