750 Millionen Euro kosten die Engpässe die rot-weiß-rote Wirtschaft.

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Mehr Toilettenpapier und tiefgekühlte Lebensmittel in den Lagern, weniger Autos auf den Parkplätzen, kurzfristig weniger Container im Hafen Freudenau: Auf den drei Millionen Quadratmetern, die der Wiener Hafen bespielt, haben sich in den vergangenen Monaten Corona-bedingte Auswirkungen auf den Güterhandel handfest manifestiert.

Schiffe, Züge, Lkws, sie alle kreuzen vollbeladen mit Waren aller Art, mit Werk- und Rohstoffen Logistikdrehscheiben wie jene in Wien. Die Pandemie hat einiges durcheinandergewirbelt. Fahrräder waren im Sommer praktisch ausverkauft, ob Kühlschrank, Spielekonsole oder neues Notebook: Lange Wartezeiten waren vorprogrammiert. Häuslbauer scheiterten an so einfachen Dingen wie Holz oder Dämmmaterial.

Sand im Getriebe

Es hakt immer noch an vielen Ecken und Enden. Wer sich heute ein neues Auto zulegen will, kann es wohl erst Ende nächsten Jahres in Empfang nehmen. Der Chipmangel hat vor allem den Automobilsektor kalt erwischt. Die großen Chiphersteller aus Asien haben sich auf die Belieferung von Laptop- und Mobiltelefonherstellern konzentriert. Die Gerätschaft war auch während der Pandemie gefragt.

Technologische Neuerungen, Digitalisierung, Ökologisierung und das Anspringen der Weltwirtschaft nach der ersten Hochzeit der Pandemie kurbelten die Nachfrage aber nach allen möglichen Materialien an.

Mangelwirtschaft

Werk- und Rohstoffe wie Magnesium oder Kunststoffe, Stahl, Bitumen, Glas, Silizium, Kupfer, es sind nur einige der Zutaten, die für die Bauindustrie oder in der Warenherstellung unverzichtbar sind – und an denen Mangel herrscht.

Dass es Knappheiten gibt, ist seit Monaten zu spüren. Auch bei den Transporteuren ist Sand im Getriebe. Das weltweite Luft- und Seefrachtaufkommen liegt zwar nahe einem Allzeithoch, trotzdem reicht das nicht aus, um für einen ungestörten Warenfluss zu sorgen.

Chinas Zero-Covid-Politik führt dazu, dass nur wenige Infektionsfälle genügen, um auch für die Weltwirtschaft wichtige Nadelöhre wie den Containerhafen Ningbo lahmzulegen. Gibt es ein Malheur wie jenes im Sueskanal, wo ein Containerschiff feststeckte, ist der Sturm in der Lieferkette perfekt. Die Transportpreise sind teilweise um das Zehnfache gestiegen. In Wien kamen zu jener Zeit deutlich weniger Waren an.

Daraus gelernt

Oft sind es Vorprodukte, die festhängen und den Kreislauf zum Erliegen bringen. Österreichs Wirtschaft kosteten die Lieferengpässe laut Nationalbank im zweiten und dritten Quartal 750 Millionen Euro. Entspannung ist nicht in Sicht, sagt Logistikexpertin Tina Wakolbinger von der WU Wien. Gelernt hätten aber viele daraus.

Unternehmen und Staaten organisieren alternative Bezugsquellen und/oder Lagerflächen – und beziehen bei der Planung verstärkt neben der Kostenperspektive auch Risiken wie Lieferausfälle ein. In der EU hat ein Nachdenkprozess eingesetzt: Welche Rohstoffe sollen vorrätig sein, welche durch Recycling zu gewinnen? (Regina Bruckner, Magazin "Portfolio", 2.12.2021)