Wenn Guido Imbens Experimente macht, wissen die Menschen nicht, dass sie teilnehmen. Er forscht anhand zufälliger Ereignisse wie Lotterien und bekam dafür den Wirtschaftsnobelpreis. Er erklärt die Folgen bedingungsloser Grundeinkommen, zeigt sich enttäuscht von der US-Klimapolitik und meint, dass politische Prozesse größtenteils nur noch Täuschungsmanöver sind.

STANDARD: Ihr Kollege David Card hielt den Anruf aus Stockholm, dass er den Nobelpreis gewonnen hat, für einen Telefonstreich. Wie ging es Ihnen?

Guido Imbens: Für einen Streich hielt ich den Anruf nicht, aber der Schock war groß. Die ganze Familie war in Aufruhr, denn plötzlich ändert sich dein Leben von einen Moment auf den anderen komplett. Für einen solchen "Schock" darf aber gern jederzeit wieder das Telefon mitten in der Nacht läuten. (lacht)

STANDARD: Ihre Tochter fasst Ihre Forschung so zusammen: Sie machen auf Basis von Datensätzen Experimente, ohne tatsächliche Experimente zu machen. Was heißt das?

Imbens: Ich untersuche natürliche Experimente. Dinge, die zufällig passieren, aber viel bewirken. Um die Auswirkungen des bedingungslosen Grundeinkommens besser zu verstehen, haben wir uns eine Lotterie in Massachusetts angesehen. 200 Gewinner bekamen jährlich 25.000 Dollar für 20 Jahre, das kommt einem Grundeinkommen nahe. Die Frage war: Arbeiten die Leute dann weniger?

Guido Imbens zufolge hat die US-Regierung keinen guten Job beim Klimaschutz gemacht. Er würde sich wünschen, dass die USA mehr Verantwortung übernehmen.
Foto: EPA / Andrew Brodhead / Stanford News Service HO

STANDARD: Und?

Imbens: Es heißt in der Debatte immer, der Anreiz zu arbeiten geht verloren. Doch dem war nicht so. Einige ältere Menschen gingen etwas früher in den Ruhestand, von den jungen hörten nur wenige auf zu arbeiten, manche reduzierten die Stunden ein bisschen. Rund zehn Prozent haben weniger gearbeitet. Bisherige Experimente gaben keinen solchen Einblick, denn wem bewusst ist, dass das Grundeinkommen nach ein bis zwei Jahren wieder endet, verhält sich anders. Außerdem kam das Geld unerwartet. Wer weiß, dass irgendwann eine große Erbschaft ansteht, denkt ebenfalls anders.

STANDARD: Lassen sich solche Experimente planen?

Imbens: Nein. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es schön, solche Experimente planen zu können. Aber sie sind entweder zu teuer – siehe die Lotterie – oder ethisch nicht vertretbar. Es geht nicht, einer Gruppe Kinder den Schulzugang zu verwehren, nur um mehr über den Zusammenhang zwischen Bildung und späterem Einkommen herauszufinden.

STANDARD: Sie erforschen kausale Zusammenhänge. Kausalität lässt sich leicht mit Korrelation verwechseln. Wo liegt der Unterschied?

Imbens: Je mehr Speiseeis verkauft wird, desto mehr Leute bekommen einen Sonnenbrand. Das bedeutet aber nicht, dass es mehr Sonnenbrände gibt, weil mehr Eis verkauft wurde. Hier besteht eine Korrelation. Korrelationen sind oft interessant, aber nicht sonderlich relevant.

STANDARD: Warum ist Kausalität relevanter?

Imbens: Eine Studie von Joshua Angrist (er hat gemeinsam mit Imbens den Nobelpreis gewonnen, Anm.) und Alan B. Krueger zeigt, dass besser gebildete Menschen mehr verdienen und erfolgreichere Karrieren haben. Das fängt mit Kleinigkeiten an. Wer im Oktober auf die Welt kommt, geht ein kleines bisschen länger in die Schule als Kinder, die im September Geburtstag haben. Ein Stichtag ändert keinen Menschen, doch im Endeffekt waren die Oktoberkinder erfolgreicher. Hier besteht ein kausaler Zusammenhang, der auch für die Politik entscheidend ist. Diese Kausalität ist relevant für Regierungen, wenn es darum geht, das Bildungsangebot auszubauen. Oder junge Menschen zu ermutigen, eine Ausbildung zu absolvieren.

Zwischen seiner Forschung und dem Preis besteht ein kausaler Zusammenhang. Dementsprechend freut sich Guido Imbens bei der Preisverleihung.
Foto: Rodin Eckenroth/Getty Images/AFP

STANDARD: In Ihrer Forschung geht es um Statistik und riesige Datensätze. Wie stehen Sie zu technologischen Errungenschaften wie maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz?

Imbens: Diese Technologien ermöglichen unglaublich viel. Wir müssen versuchen, sie vermehrt in ökonomische Forschung einzubauen. Es wird nicht einfach, den richtigen Rahmen dafür zu finden, aber es ist unumgänglich. Auf lange Sicht werden diese Technologien die Art und Weise ändern, wie wir Fragen stellen und wie wir Dinge dokumentieren. Nun geht es darum, Menschen aus beiden Feldern (Ökonomie und IT, Anm.) zusammenzubringen, um den Fortschritt zu forcieren. Dafür gehe ich zum Beispiel gern aus der Komfortzone in meinem Büro heraus. Richtig eingesetzt, werden sowohl Forscher als auch Politiker davon profitieren.

STANDARD: Ist die Corona-Pandemie nicht auch irgendwie ein natürliches Experiment?

Imbens: Primär ist die Pandemie eine Tragödie, doch es ist auch eine spannende Zeit. Die Regeln und Empfehlungen wirken sich allesamt unterschiedlich aus. Sei es das Maskentragen, seien es die Impfkampagnen oder die Lockdowns: Daraus können wir viel lernen. Die Herausforderungen sind groß, doch ich bin überzeugt, wir werden nach der Krise deutlich besser dastehen als zuvor. Wir werden auf mögliche Notsituationen besser vorbereitet sein. Hoffentlich bleibt auf politischer Ebene etwas hängen, was Entscheidungsfindung angeht.

STANDARD: Stichwort Entscheidungsfindung: Wie empfinden Sie den Einfluss von Ökonomen auf die Politik in den USA?

Imbens: Jahrzehntelang verließ man sich in Washington auf die Expertise von Forschern. Es gab eine Art Rotationsmodell. In der jüngeren Vergangenheit ließ das deutlich nach. Unter Joe Biden dürfte sich die Situation wieder etwas verbessern. Ich hoffe, die Regierung in Washington hört künftig wieder mehr auf Stimmen aus der Ökonomie.

STANDARD: Angenommen, Sie hätten einen Wunsch an den US-Präsident Joe Biden, was wäre das?

Imbens: Ich würde mir wünschen, dass die USA eine klare Führungsrolle und Verantwortung in Sachen Umweltschutz übernimmt und Lösungen findet.

STANDARD: Sie sind demnach nicht zufrieden damit, wie die USA mit der Klimakrise umgehen?

Imbens: Die US-Regierung hat in den vergangenen fünf bis sechs Jahren keinen guten Job gemacht. Die Klimakrise ist das entscheidendste Problem unserer Zeit. Jedes Jahr, in dem wir weiter abwarten, ist ein verlorenes Jahr. Ein Blick aus dem Fenster reicht, um die Gefahren und Konsequenzen zu erkennen. Ich lebe seit sehr vielen Jahren in Kalifornien, und die Waldbrände werden jedes Jahr schlimmer, das kann kein Zufall sein. Es gibt aus der Vergangenheit sogar aus den USA Beispiele für effektiven Umweltschutz.

Stanford

STANDARD: Können Sie eines nennen?

Imbens: In den 1970er-Jahren war die Luft in Los Angeles extrem schlecht. Wer mit dem Flugzeug anreiste, berichtete von einer dicken Wolkenschicht im Landeanflug. Doch es handelte sich nicht um Wolken, es war Smog. Es wurden neue Regeln für die Zusammensetzung von Treibstoff beschlossen, und die Luft wurde wieder deutlich besser. Auch auf die Gesundheit der Menschen wirkte sich die Maßnahme klarerweise positiv aus. Mit ordentlicher Führung und koordinierten Maßnahmen ließe sich so viel erreichen.

STANDARD: Woran scheitert es?

Imbens: Politische Prozesse dienen oft nur noch als Täuschungsmanöver. Leider wurde es schwierig für Regierungen, handfeste Entscheidungen zu treffen. Die USA sind als Land nach wie vor völlig gespalten, dadurch kommt nicht viel zustande. Man hätte meinen sollen, Bidens Infrastrukturprojekt findet schnelle Zustimmung im Kongress. Schlussendlich hat es monatelang gedauert, bis eine Entscheidung getroffen wurde. All diese politischen Überlegungen bereiten mir Sorge. Leider beobachte ich diese problematische Entwicklung nicht nur in den USA, sondern auch in Europa.

STANDARD: Ihre Frau Susan Athey ist ebenfalls eine renommierte Ökonomin. Reden Sie beim Abendessen über die Forschung?

Imbens: Natürlich. Wir arbeiten teilweise zusammen, dementsprechend diskutieren wir auch Themen beim Abendessen oder beim Frühstück. Doch das sind meist nur Feinheiten und organisatorische Details. Große Fragen, auf die wir beide keine Antwort kennen, oder strategische Pläne für kommende Forschungsprojekte besprechen wir bei ausgiebigen Spaziergängen auf dem Campus. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, so jemanden wie Susan an meiner Seite zu haben. Sie sieht Dinge oft aus einem ganz anderen Blickwinkel und stellt dementsprechend gute Fragen. Wir profitieren beide voneinander.

Für Guido Imbens hat sich das Leben mit einem Anruf aus Stockholm schlagartig geändert. Er würde derartige Anrufe allerdings jederzeit wieder entgegennehmen, sagt er.
Foto: EPA/ANDREW BRODHEAD

STANDARD: Wie kommt Ökonomie bei Ihren drei Kindern an? Zeigt eines Interesse, in Ihre oder Susans Fußstapfen zu treten?

Imbens: Es sieht momentan nicht so aus, als würde sich eines der Kinder tatsächlich für Ökonomie entscheiden. Unser ältester Sohn bewirbt sich gerade für Colleges, er tendiert eher zu Fächern wie Physik, Chemie oder Mathematik. Ich bin außerdem nicht sicher, ob ich es ihnen empfehlen würde, in die Ökonomie zu gehen. Mit erfolgreichen Eltern in demselben Feld ist die Situation für Kinder oft nicht einfach. Interesse an unserer Arbeit besteht aber definitiv. Wir greifen Alltagsbeispiele auf und diskutieren, wie sich Preise bei Airbnb oder Uber auf Basis von Daten erklären lassen.

STANDARD: Würden Sie manchmal lieber liegen bleiben in der Früh, oder gehen Sie jeden Tag gerne zur Arbeit?

Imbens: Es ist ein bisschen wie mit einem Puzzle – ab einem gewissen Punkt kann und will man nicht mehr aufhören. Außerdem habe ich das Glück, täglich mit jungen, intelligenten Menschen zu arbeiten. Was gibt es Besseres? (Andreas Danzer, Magazin "Portfolio", 26.12.2021)