Die junge Alex (Margaret Qualley) aus der Serie "Maid" verlässt ihren Partner, bevor es noch gefährlicher wird. Ältere Darstellungen häuslicher Gewalt zeigten diese immer nur als physische Gewalt.

Foto: Ricardo Hubbs / Netflix

Die Darstellungen von Gewalt gegen Frauen in Serien und Filmen prägen unser Bewusstsein dafür. Wer kann sich nicht an den irren Blick von Julia Roberts brutalem Film-Ehemann aus Der Feind in meinem Bett (1991) erinnern, an die Darstellung von Farrah Fawcett als Opfer schwerer häuslicher Gewalt in Das brennende Bett (1984)? Inzwischen haben sich diese Bilder der Gewalt gewandelt. Sie sind weniger plakativ und weniger zum Zwecke des Thrills gemacht. Ein Damals-und-heute-Vergleich mit Literaturwissenschafterin und TV-, Film- und Krimi-Expertin Sonja Hartl.

Die Gewalt

Ihr Freund ist betrunken, brüllt, schlägt mit der Faust gegen die Wand – wenige Zentimeter neben ihrem Kopf. Die Anfang 20-jährige Alex weiß spätestens jetzt, dass sie mit ihrer dreijährigen Tochter wegmuss, dass es nur mehr schlimmer werden kann. Doch wohin? Ins Frauenhaus? Wohl nicht, schließlich hat der Vater ihrer Tochter sie körperlich nicht angegriffen. Kontrolliert, unter Druck gesetzt, ihr Angst gemacht – ja, aber nicht geschlagen. Noch nicht. Die Netflix-Serie Maid (2021) nach einer wahren Begebenheit geht darauf ein, was älteren Darstellungen von Gewalt gegen Frauen völlig fehlt: dass Gewalt nicht nur Schläge bedeutet.

Doch genauso eindimensional waren die Bilder von häuslicher Gewalt in den 1980er- und 1990erJahren. Blutergüsse, zersplitterte Couchtische, Platzwunden – es ist unfassbar schwere physische Gewalt, die die TV-Betroffenen nur mit viel Glück überleben. Das wissen die Frauen, sei es Francine (Farrah Fawcett) in Das brennende Bett oder Laura (Julia Roberts) in Der Feind in meinem Bett. Auch in Enough (2002) mit Jennifer Lopez wird Gewalt vor allem als physische Gewalt dargestellt. "In diesen früheren Filmen läuft alles auf eine finale Konfrontation mit dem Täter hinaus", sagt die deutsche Literaturwissenschafterin Sonja Hartl. Die Gewalt ließ sich nur durch Gewalt beenden.

Die Täter

Das lag nicht zuletzt auch an den Darstellungen der Täter: Kontrollwütig, psychopathisch, monsterhaft, der klassische Bösewicht. Es bleibt ein völliges Rätsel, wie Martin Burney aus Der Feind in meinem Bett seinen von Wahnsinn durchdrungenen Blick so lange verbergen konnte, bis ihm Laura das Jawort gab. Das legt auch die fatale Frage nahe: Wie um Himmels willen konnte sie sich auf diesen Kerl einlassen? Die hervorragenden Detektivinnen aus Unbelievable (2019) wissen hingegen, wie gefährlich eine solche Täter-Opfer-Umkehr ist. Die für ihren differenzierten Umgang mit sexualisierter Gewalt gelobte Serie liefert allerdings auch keine neue Darstellung von Tätern, sagt Hartl, denn in der Serie wird ein Mann gejagt, der den Opfern unbekannt ist – und deshalb kaum vorkommt.

Maid bleibt deshalb vorerst die einzige ausführliche TV-Beschäftigung mit dem Thema "männliche Verantwortung", stellt Sonja Hartl fest. "Bisher mussten Männer ihr eigenes Verhalten nicht hinterfragen. In Maid erkennt der Ex-Freund von Alex zumindest, dass er ein Problem hat." Dass der Erkenntnisgewinn aber seine Grenzen hat, zeige die Figur des Vaters von Alex. Der Versuch, es heute besser zu machen, denn auch er hat die Mutter von Alex geschlagen – Verantwortung übernimmt er aber dennoch keine. Die Serie macht somit deutlich, dass Gewalt gegen Frauen nicht das Problem von Frauen ist, sagt Hartl, sondern dass es das Problem der gewalttätigen Männer ist.

Die Frauen

Die Frauenfiguren sind bis heute vor allem eines: ziemlich perfekt. Schön, sanftmütig und trotz traumatischer Erfahrungen haben sie meist viel Energie und Lebensfreude. Und was für großartige Mütter sie erst sind! Die sehr junge Alex wird selbst in Extremsituationen nie laut und nie ungeduldig mit ihrem Kind. Auch wenn sie gerade im Auto flüchtet, findet sie ruhige, tröstende Worte für das Kind. Das ist umso erstaunlicher, da Alex selbst kaum Geborgenheit erfuhr. "Das soll nicht heißen, dass man so keine gute Mutter sein kann", betont Hartl. Doch in schwierigen Situationen plus eigenen traumatischen Erfahrungen derart umsichtig und liebevoll mit dem Kind umzugehen, das ist ein Kunststück, das in Maid als "normal" und halt der Mutterliebe geschuldet dargestellt wird.

Alles für das Kind. Auch für Slim aus Enough ist der Gedanke an ihre Tochter ausschlaggebend für ihr entschlossenes Handeln. "Ihr werdet nie sicher sein", sagt ihr eine Freundin und überzeugt Slim so, ihren Ex doch zu töten, nachdem sie gezögert hat. Auch dafür hält Mutterschaft als Rechtfertigung her, sagt Hartl.

Die Polizei, die Justiz

Sie könne eine einstweilige Verfügung gegen den gewalttätigen Mann erwirken, erklärt ein Polizist Slim, die "für eine Freundin fragt". Sie meint daraufhin, was sie damit solle, "ihn damit bewerfen, wenn er sie wieder angreift?". Und damit kehrt sie der Polizei für immer den Rücken. In vielen Darstellungen von Gewalt gegen Frauen kommen weder Polizei noch Justiz gut weg.

In Unbelievable geht es konkret sowohl um sehr schlechte als auch um hervorragende Polizeiarbeit. "Viele Polizisten wissen nicht, wie sich Opfer von Gewalt benehmen können", sagt Hartl. Deshalb schärfe die Serie die Sensibilität dafür, was besser gemacht werden sollte. Genau wissen das hingegen schon die beiden Ermittlerinnen Grace Rasmussen und Karen Duvall, für die Umsicht und Respekt im Umgang mit Betroffenen selbstverständlich sind. So wird auch dem Erleben der Opfer viel Raum gegeben, lobt Hartl. Rasmussen und Duvall stellen letztlich den gesuchten Serienvergewaltiger – den andere Polizisten erst als Ausgeburt der Fantasie einer jungen Frau abtaten. Somit ist Teil der Erzählung, dass es auch Glück ist, an wen man bei der Polizei gerät, meint Hartl.

Der Ausweg

In älteren Filmen scheint es unumgänglich, dass die Frau nach ihrer Flucht wieder auf den Mann trifft, der sie misshandelt hat, beobachtete Hartl. Laura, Francine, Slim – sie alle töten ihre gewalttätigen Männer. "Damit wird suggeriert, dass das der einzige Ausweg ist, das würde man heute nicht mehr so inszenieren", ist sich Hartl sicher. Unbehagen bereitet ihr an dieser Darstellung zudem, dass damit die Verantwortung auch der Frau zugeschoben würde. Als hätten sie sich den falschen Mann ausgesucht, und jetzt müssten sie halt selbst rauskommen aus dieser Situation. "Das blendet alles Strukturelle an diesem Thema aus." Geändert haben sich auch völlig illusorische Erzählungen über Geld. Ihr Mann lässt Laura zwar kaum für Lohn arbeiten. Als sie jedoch untertaucht, ist wie durch ein Wunder genug da, um ein ganzes Haus zu mieten. In Maid sehen wir hingegen, wie schwer Alex für ihre finanzielle Unabhängigkeit arbeitet. Wunder gibt es kaum.

Die junge Alex (Margaret Qualley) aus der Serie "Maid" verlässt ihren Partner, bevor es noch gefährlicher wird. Ältere Darstellungen häuslicher Gewalt zeigten diese immer nur als physische Gewalt. (Beate Hausbichler, 25.11.2021)