Zum Aufwärmen für unser Generationenroulette haben wir eine Reihe leicht zu beantwortender Fragen. Sie haben jeweils fünf Sekunden für die richtige Antwort, und wir gehen davon aus, dass Sie bei der Beurteilung ehrlich zu sich selbst sind. Los geht’s:

a) Welcher Generation wurde in einem bekannten Sachbuch die Eigenschaft der "skeptischen Generation" zugeschrieben?

b) Welche Generation wurden mit Eigenschaften wie "faul", "zynisch" oder "unzufrieden" beschrieben?

c)Welche Generation wird umgekehrt als besonders "aktiv", glücklich" und mit dem Begriff guter "Work-Life-Balance" charakterisiert?

d) Die Generation X, mit der die Alphabetisierung von Generationen begann, verdankt ihre Bezeichnung: a. einem Fotoessay des international berühmten Fotografen Robert Capa, b. der Punkrockband des englischen Musikers Billy Idol, c. einem Roman des kanadischen Schriftstellers Douglas Coupland oder d. einer Studie über populäre Jugendkultur der britischen Journalisten Jane Deverson und Charles Hamblett?

e) Welche Angehörigen der sogenannten stillen Generation füllen mit ihren Rockkonzerten weltweit Stadien?

f) Welche Generation gilt als besonders sensibel?

g) Welche Generation wird mehrheitlich von Angehörigen der meisten anderen Generationen als besonders schwierig in der Zusammenarbeit am Arbeitsplatz bezeichnet?

Spätestens seit in den 1990er-Jahren der Begriff der Generation X populär wurde, ist "Generationendenken" in die Werkzeugkoffer von Marketingleuten wie Personalabteilungen eingezogen. In ihrer Jugend wurden sie in den USA als "MTV-Generation" benannt, weil sie mit dem Musiksender MTV groß wurden, in Deutschland entsprach dies eher der Generation Golf, nach dem Geburtsjahr 1974 des VW Golf getauft. Die Geburtsjahrgänge 1965 bis 1980, die auf die Babyboomer folgten, werden heute mit dem Etikett "X" versehen, das erst so richtig in Umlauf kam, als bereits die meisten "Y" alias Millennials auf der Welt waren.

Mit der Einteilung in Generationen werden Mitarbeitende und Kunden von Personalwesen und Marketing in Schubladen gesteckt. Warum eigentlich?
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Zuschreibungen

Generationen, so das Versprechen dieser Philosophie, definieren das Fühlen und Denken, die Wünsche und Bedürfnisse einer Alterskohorte. Daraus würden sich Produkte und Werbebotschaften ableiten lassen, oder eben Annahmen darüber, welche beruflichen Vorstellungen die Mitglieder einer Generation teilen. Dabei lesen sich diese Definitionen häufig wie Horoskope, in denen sich für jeden Anwendungsfall ein Reizwort findet:

"Millennials stehen im Ruf, keine Loyalität zu kennen, egoistisch und faul zu sein. Andere sehen in ihnen die Generation der digitalen Unternehmensgründer und Innovatoren. Alles nur Klischees? Die kurze Antwort: Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber ist bei ihnen in der Tat kleingeschrieben, und sie scheinen auch auf sich selbst fokussiert. Faul sind sie aber gar nicht" – klärt die Luzerner Zeitung über "Unterschiede zwischen X, Y und Z" auf.

Faulheit, Zynismus und Unzufriedenheit wurden jedoch zuvor bereits der Generation X attestiert, als sie noch die MTV-Generation war, und ehe ihr spätere Studien bescheinigten, "aktiv", "unternehmerisch" und "produktiv" zu sein. Kein Wunder: Ihrem Alter nach stellen diese Geburtsjahrgänge die Mehrheit in den Vorstandsetagen. Digitale Unternehmensgründer wie Mark Zuckerberg (1984) finden sich natürlich nicht erst unter den Millennials, sondern in nicht zu knapper Zahl in der Generation X, wie die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin (beide 1973), oder – schluck! – selbst unter Boomern wie Bill Gates und Steve Jobs (beide 1955).

Biologisches Konzept

Ursprünglich stammte der Begriff der Generation aus der Biologie und bezeichnete die Abfolge des Nachwuchses bei Mensch wie Tier. Dreißig Jahre galten lange Zeit als der menschliche Generationenschritt, in Österreich liegt derzeit das durchschnittliche Alter der Mütter bei über 31 Jahren, Tendenz steigend.

Erst im 19. Jahrhundert wurde aus dem biologischen auch ein soziales Konzept: Mit der Industrialisierung stieg das Tempo sozialer Änderung, und vielfach sahen die Älteren im neuen Denken der nachgeborenen Generationen den Grund für diese Änderung, und nicht in der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Änderung, die sie selbst herbeigeführt hatten. In erster Linie wurde diese Abfolge an Generationen in der Kunst – Literatur, Musik, Malerei – wahrgenommen. Dass generationenbezogene Änderungen auch breite Bevölkerungsschichten betreffen, gewann erst mit der kommerziellen Entdeckung der "Jugendkultur" in den 1960er-Jahren Bedeutung, verkörpert durch Idole wie Elvis Presley, James Dean und die Beatles.

Das Paradoxe an der Jugendkultur: Während sich einerseits mit zunehmenden Schul- und Studienjahren die Lebensphase "Jugend" immer mehr ausdehnte, schrumpfte mit dem Ende der geburtenstarken Boomer-Jahrgänge der Anteil der Jugend an der Bevölkerung. Die Lösung für eine Heerschar an Marketern, Werbern und Beratern, die sich auf die Erklärung und Bespielung des Jugendmarkts spezialisiert hatte: die periodische Neudefinition der Jugendkultur durch das Konzept der Generationen. Der Charme der Generation, im Unterschied zur Jugendkultur, ist ein lebenslanges, professionelles Erklärungsbedürfnis, von Kindheit und Jugend über Bildung und Ausbildung, Familiengründung, Karriere, Pensionsvorsorge bis zum aktiven (wohlhabenden) Ruhestand.

Schwimmende Grenzen

Das Problem an dieser Typologie, die längst in zahllosen Powerpoints wie in Stein gemeißelt scheint, ist schon ihrer Jahresabfolge inhärent. Während bis zur Generation X Konzessionen an äußere Ereignisse wie die beiden Weltkriege gemacht wurden und die stille Generation von 1928 bis 1945 und die Boomer von 1946 bis 1964 gezählt werden, werden Generationen seither in 15-Jahre-Schritten definiert, als ob Denken, Empfinden und äußere Ereignisse in einem straffen Rhythmus neue soziale "Generationen" hervorbrächten, die jeweils unterschiedlicher Behandlung bedürfen. Aber wieso sollte ein 1965 Geborener, mit Beatles, Stones und Abba aufgewachsen, mehr mit dem Jahrgang 1980 (Gameboy, Queen, Guns N’ Roses) gemeinsam haben als mit dem Geburtsjahrgang 1964?

Die daraus entstehenden Zuschreibungen entbehren manchmal nicht der Skurrilität. So soll IBM im Laufe der späten 2010er-Jahre weltweit 100.000 ältere Mitarbeiter gekündigt haben, um Platz für jüngere zu machen – man wolle damit Millennials ansprechen und so "cool" und "trendy" wie Amazon und Google sein, wie einer der wegen seines Alters gefeuerten Manager vor Gericht erklärte.

Wer fürchtet sich vor der Gen Z?

"Die 37-Jährigen, die sich vor den 23-Jährigen fürchten, die für sie arbeiten", titelte vor kurzem die New York Times über die "Unverfrorenheit" der Generation Z. Einer Studie zufolge soll die Generation Z allen anderen Generationen – von Boomern bis zu Millennials – die meisten Probleme in der Zusammenarbeit machen, während umgekehrt viele Z-ler anderen Generationen dies vorhalten. Aber klingen solche Geschichten nicht wie die bewährten Klagen, die ältere Generationen über jüngere seit jeher äußern? Mit der Zuordnung zu Alterskohorten werden auch Selffulfilling Prophecys in Gang gesetzt.

Womit wir zur (teilweisen) Auflösung unseres Einstiegsquiz kommen. Mit der "skeptischen Generation", die wir bei unserem letzten Beispiel locker auf Z anwenden könnten (demnächst wahrscheinlich auf Gen Alpha), bezeichnete der Soziologe Helmut Schelsky die deutsche Nachkriegsjugend von 1945 bis 1955. Die Generation X wurde sowohl mit negativen Attributen wie "faul, zynisch, unzufrieden" als auch später mit "aktiv, glücklich, Work-Life-Balance" assoziiert – wie es euch gefällt. Es war der Roman Generation X: Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur von Douglas Coupland, der die Bezeichnung für das jetzige X prägte – auch wenn Generation X zuvor schon in den 50er- und 60er-Jahren für jeweils vorangegangene "Generationen" verwendet wurde.

Als besonders sensibel galten bis vor einigen Jahren die Millennials, bis eine Studie der Michigan State University die Boomer als übersensibel entlarvte. Beweisstück Nummer eins: Sie reagieren beleidigt auf "Okay, Boomer", womit ihnen jüngere Generationen gern kontern, wenn ihnen die Argumente ausgehen. Die Rolling Stones, alles andere als "still", füllten bis vor wenigen Jahren noch immer Stadien nicht nur mit Altersgenossen, sondern auch mit Fans aus allen anderen Generationen. Vielleicht ein deutlicher Hinweis darauf, dass Mitglieder unterschiedlicher Generationen sehr viel mehr gemeinsam haben können als Menschen, die der Zufall eines Geburtsdatums angeblich zusammenschweißt. (Helmut Spudich, 28.11.2021)