Insgesamt fünf Faktoren scheinen dazu beizutragen, dass ein schwerer Covid-19-Verlauf wahrscheinlicher ist. Die Impfung kann davor schützen

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Es gibt Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren und keine oder nur ganz milde Symptome entwickeln. Und dann gibt es das andere Extrem: Menschen, die um Luft ringen und wochenlang im Krankenhaus um ihr Leben kämpfen müssen. Wer Wochen invasiver Beatmung überlebt, ist zumeist davon gezeichnet und muss sich erst wieder ins Leben zurückarbeiten. Wieso diese großen Unterschiede? Aktuell ist bekannt, dass fünf Faktoren eine wichtige Rolle für das Risiko eines schweren Verlaufs und das Sterberisiko spielen. Was Studien ergeben haben:

Die genetische Veranlagung

Schottische Wissenschafter haben bereits 2020 fünf Genvarianten gefunden, die einen schweren Verlauf begünstigen und eine Studie dazu in Nature puliziert. Zwei davon sind mit der angeborenen Immunabwehr und der Ausschüttung von Interferonen verknüpft. Drei weitere Genvarianten haben mit schweren Entzündungsprozessen zu tun. Werden diese Genvarianten oft abgelesen und entsprechende Stoffe produziert, wirkt dies entzündungsfördernd. Es gibt bereits einen Wirkstoff, das Baricitinib, das für die Rheuma-Therapie zugelassen ist und eine dieser Genvarianten "ausbremsen" kann.

Forscher vom MRC Weatherall Institute of Molecular Medicine der Universität Oxford haben nun kürzlich eine sechste Genvariante, dieses Mal auf dem Gen LZTFL1 auf dem Chromosom 3, dingfest gemacht, publiziert in Nature Genetics. Diese Genvariante erhöht die Anfälligkeit für einen Infektion mit Sars-CoV-2, weil sie die Abwehrreaktion von Schleimhautzellen in der Lunge und in den Atemwegen beeinträchtigt. Wer diese Genvariante hat, hat ein doppelt so hohes Sterberisiko bei Covid-19. Rund 15 Prozent der europäischen Bevölkerung sind Träger dieser Genvariante. In Südasien wie z.B. Indien sind es sogar bis zu 60 Prozent. Das könnte erklären, warum die Sterberate in manchen Gemeinden Großbritanniens und in Indien so hoch war.

Bei dieser Genvariante ist an einer Stelle des Erbgutes die Base Guanin durch Adenin ersetzt. Dies führt indirekt dazu, dass die Abwehrreaktion der Epithelzellen gehemmt wird. Wenn es gelingt, das Gen LZTFL1 medikamentös auszuschalten, könnte man diese Hemmung aufheben. Allerdings muss noch geklärt werden, welche Funktionen das Gen anderweitig hat. "Menschen mit diesem Risikogen können wahrscheinlich ganz besonders von einer Impfung profitieren", sagt James Davies, einer der Oxforder Studienautoren. Und zwar einfach deshalb, weil die Genvariante nicht die Immunabwehr, sondern die Lunge betrifft. "Der Impfstoff sollte aus diesem Grund das erhöhte Risiko weitgehend ausgleichen können."

Vorerkrankungen und sonstige Risikofaktoren

Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Asthma und Lungenleiden sowie Übergewicht erhöhen unabhängig vom Geschlecht und Alter das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf, gegebenenfalls mit Todesfolge. Patienten mit Autoimmunerkrankungen oder Krebs, die aufgrund ihrer Erkrankung mit dem Medikament Rituximab behandelt werden, haben ein erhöhtes Risiko für einen schwereren Covid-19-Verlauf und damit ein deutlich erhöhtes Sterberisiko. Die Rituximab-Einnahme hat zur Folge, dass den Patienten die B-Zellen des Immunsystems fehlen. Die B-Zellen bilden jedoch die Antikörper gegen Viren und andere Krankheitserreger.

Rauchen zählt nicht als Vorerkrankung, kann aber Schäden an der Lunge verursachen, die sich bei einer Covid-19-Erkrankung negativ auswirken. Jedenfalls gibt es Hinweise, dass Rauchen das Risiko für schwerere Verläufe ebenfalls erhöht. Bei Männern spielt laut den Ergebnissen einer Studie von Medizinern der Washington University in St. Louis, USA, auch der Wert für das männliche Sexualhormon Testosteron eine Rolle. Männer, die bereits bei der Einlieferung in eine Klinik sehr niedrige Testosteronwerte von durchschnittlich nur 53 Nanogramm pro Deziliter (Normalwert: ab 250 Nanogramm pro Deziliter) aufwiesen, erlitten häufiger schwere Verläufe mit Aufenthalt auf der Intensivstation und teilweise Beatmung. Das Risiko, an Covid-19 zu sterben, war umso größer, je niedriger der Testosteronwert war.

Das Alter

Ältere Menschen haben laut einer internationalen Studie unter Leitung von Wissenschaftern der Stanford University, USA, ein deutlich höheres Sterberisiko als jüngere. Jüngere Covid-19-Patienten unter 65 Jahren in Europa (acht europäische Länder, keine Daten für Österreich) machen nur etwa fünf bis neun Prozent aller Corona-Todesfälle aus. In den vier in die Studie einbezogenen US-amerikanischen Zentren sind es ca. 30 Prozent. Zu beachten ist, dass manche Patienten keine Vorerkrankungen hatten, andere dagegen schon. Covid-19-Patienten mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma oder Lungenleiden in der Altersgruppe "jünger als 65 Jahre" hatten ein doppelt so hohes Risiko wie die breite Bevölkerung derselben Altersgruppe. Übrigens zählte auch Übergewicht zu den Vorerkrankungen.

Das Geschlecht

Studienergebnisse erhärten den Verdacht: Männer sind stärker gefährdet als Frauen. Männer und Frauen sind zwar offenbar gleich anfällig für eine Infektion mit Sars-CoV-2. Männer sterben aber häufiger daran als Frauen. Gerade bei den jüngeren Covid-Toten (unter 65 Jahren) ist der Anteil der Männer überproportional hoch, in Deutschland und Italien etwa 80 Prozent. Vergleicht man den Anteil von Männern und Frauen an den Toten ohne Berücksichtigung des Alters, dann beträgt das Verhältnis in Deutschland 65 Prozent zu 35 Prozent. Es sterben also deutlich mehr Männer als Frauen an Covid-19.

Und dabei sind Männer vor der Infektion körperlich nicht in schlechterer Verfassung als Frauen. Aber Frauen haben bis zu den Wechseljahren dank ihrer Sexualhormone eine stärkere Immunantwort auf Impfungen und Infektionen, sowohl allgemein als auch speziell gegen Sars-CoV-2. Die weiblichen Sexualhormone fördern, so die aktuelle Annahme, die durch Antikörper vermittelte Immunantwort gegenüber Viren.

Könnte dieser Geschlechterunterschied auch mit den ACE-2-Rezeptoren auf den Zellen zu tun haben? An ihnen dockt das Coronavirus an, um in die Zelle zu gelangen und ihre Proteinmaschinerie für die Virusvermehrung zu nutzen. Befinden sich mehr dieser Rezeptoren auf der Zelloberfläche, müsste es dies für das Virus leichter machen, eine Zelle zu infizieren. Und siehe da: die Konzentration von ACE 2 im Blut von Männern ist tatsächlich höher als bei Frauen. Auch Vorerkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mit höheren Werten für ACE 2 verknüpft. Ein Vergleich mit den Daten der Sars-CoV-1-Pandemie im Jahr 2003 zeigt, dass das Verhältnis der Sterblichkeitsrate von Männern und Frauen damals ähnlich war. Auch Sars-CoV-1 nutzt den Rezeptor ACE 2, um Zellen zu infizieren.

Der Immuntyp

Die Immunantwort des Einzelnen spielt eine wichtige Rolle. Dazu gehören nicht nur Unterschiede bei den Zellen der Immunabwehr, sondern auch bei bestimmten Botenstoffen des Immunsystems. Schon früh in dieser Pandemie wurde deutlich, dass viele Patienten mit schweren Verläufen von Covid-19 viel zu große Mengen entzündungsfördernder Immunbotenstoffe, sogenannte Zytokine wie Interleukin-6 und TNF-alpha, ausschütten. Das Immunsystem reagiert überschießend auf die Virusinfektion. Es liegt dann ein sogenannter "Zytokinsturm" vor. Er ist sehr gefährlich, kann im ganzen Körper Entzündungen verursachen und im weiteren Verlauf zu Organversagen und schließlich zum Tod führen.

Während bei diesen Patienten Zytokine in zu großen Mengen ausgeschüttet werden, haben französische Forscher beobachtet, dass ihre Körperzellen gleichzeitig zu wenig Interferon-Alpha als Reaktion auf das Eindringen des Virus freisetzen. Interferon-Alpha dient aber den Körperzellen zur Virusabwehr. Interferone hemmen die Virusvermehrung und warnen noch nicht infizierte Nachbarzellen vor den Viren. Ein interessanter Aspekt hierbei: Der niedrige Wert für Interferon alpha im Blutplasma tritt bereits auf, bevor sich der Zustand eines Patienten stark verschlimmert. Er könnte als Frühwarnzeichen für einen drohenden schweren Verlauf dienen.

US-Wissenschaftern gelang es, drei Immuntypen grob zu identifizieren. Dabei ist Immuntyp 1 von besonderer Relevanz, weil er besonders oft mit schweren Verläufen (Nierenschäden, Entzündungen und Organschäden) einhergeht. Er entspricht auch in etwa den Ergebnissen der französischen Forschergruppe. Wer zum Immuntyp 1 gehört, hat zu wenige Immunzellen, die infizierte Zellen abtöten. Von jenen Immunzellen, die die Bildung von Abwehrstoffen gegen die eingedrungenen Viren veranlassen, hat er dagegen zu viele.

Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich für den Einzelnen nicht wirklich zusätzliche Einflussmöglichkeiten. Umso wichtiger es ist, sich vorab so wirksam wie möglich zu schützen: sich impfen lassen, Maske tragen, Hände desinfizieren und Kontakte reduzieren. (Gerlinde Felix, 27.11.2021)