Im Winter 1915 wurde das Expeditionsschiff Endurance von Sir Ernest Shackleton im Südpolarmeer eingeschlossen. 28 Crewmitglieder harrten zuerst auf dem Schiff und, als dieses vom Eis zerdrückt wurde, fast ein Jahr auf dem Packeis aus. Später evakuierten sie mit kleinen Rettungsbooten auf Elephant Island am Südpol. Von dort segelte Shackleton mit fünf Gefährten fast 1.500 Kilometer durch das stürmische Eismeer zur Insel Südgeorgien, um Hilfe zu holen.

Ein Holzschlitten von der Expedition von Ernest Shackleton.
Foto: AP/James Brooks

Alle Expeditionsteilnehmer überlebten und kehrten im Jahr 1917 nach England zurück. Ihre Rettung verdankten sie unter anderem Shackletons Fähigkeit, die Crew im schier aussichtslosen Kampf gegen die antarktischen Naturgewalten jeden Tag aufs Neue zu motivieren. Gleichzeitig vermied er es, seinen Leuten allzu große Hoffnungen zu machen, denn er wusste, diese könnten bei Rückschlägen schnell in Frust umschlagen. Die Empathie und Zuneigung, die er seinen Leuten schenkte, sicherten ihm ihr Vertrauen auch bei schwierigen Entscheidungen. Er wusste, wer wirklich führen will, muss Menschen mögen.

Gute Entscheidungen

Hundert Jahre später fehlt uns bei unserer gesellschaftlichen Expedition "Corona" leider solch nachhaltiges Führungsverhalten. Die Politik ist dabei nur ein Spiegel unserer Gesellschaft. Beobachten wir unser eigenes Umfeld! Wie oft wird da Angst geschürt – ein absolutes No-Go in Teams, denn Angst macht blind und lähmt die Entscheidungsfähigkeit. Sich nur mit Gleichgesinnten zu umgeben, die den eigenen Erfahrungshintergrund teilen und sich wechselseitig in ihren Meinungen bestärken, rächt sich irgendwann.

Wie lassen sich komplexe Probleme lösen? Wer gute Entscheidungen will, muss Widerspruch aushalten und Diversität fördern. Ansonsten stellt sich sehr schnell ein Phänomen ein, das Verhaltenspsychologen "Groupthink" nennen. Dann wird allzu großer Konsens schnell gefährlich. Eine Wagenburgmentalität fördert eine Kultur des Misstrauens gegenüber allem und jedem, das nicht zu hundert Prozent loyal scheint.

Gerade jetzt brauchen wir aber eine Führung, die Allianzen schmiedet, auf kritische Geister zugeht und zuhört. Schwache und steuerbare Personen an Schnittstellen zu platzieren sichert zwar Kontrolle, aber in Zeiten wie diesen verheddern sich die Fäden des Marionettenspiels. Die Folgen solchen Handelns zeigen sich eindrücklich am Beispiel von Sebastian Kurz und seiner "Familie".

Nun kann nicht jeder von uns in einer klassischen Führungsrolle sein. Die höchste Kunst, die der Selbstführung, können wir jedoch alle perfektionieren. Verstärken wir im aktuellen Klima Angst und Verunsicherung, oder bemühen wir uns in unserem Umfeld um Lösungen? Vielleicht ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, andere Menschen um uns in dieser schwierigen Zeit zu ermutigen, aufzumuntern und zu stützen.

Der verstorbene US-amerikanische Autor Alfred Lansing hat übrigens die Geschichte der Endurance in einer wunderbaren Reportage erzählt. Sein Buch 635 Tage im Eis empfehle ich Ihnen als Lektüre für den Lockdown und die kommenden Wintertage! Endurance, also Durchhaltevermögen, werden wir für unsere pandemische Expedition leider weiter brauchen. (Philippe Narval, 29.11.2021)