In der omnipräsenten Debatte über die schleppende Covid-19-Impfung ging die Nachricht unter, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals in der Geschichte eine Empfehlung für den Einsatz eines Malaria-Impfstoffs für Kinder gegeben hat. Auch wenn er um einiges weniger verlässlich ist als der Covid-19-Impfstoff (nur bei jedem dritten Kind könnte dadurch ein schwerer Krankheitsverlauf verhindert werden), wurde der Impfstoff Mosquirix von der WHO als "historisch" bezeichnet. Kritiker geben zu bedenken, dass in westlichen Ländern ein solch ineffizientes Mittel wohl nicht zugelassen worden wäre. Dennoch kann der Einsatz als Erfolg gewertet werden, denn zehntausende Kinderleben könnten im Subsahara-Afrika dadurch gerettet werden; in einer Region, in der jährlich mehr als 260.000 unter fünfjährige Kinder an der Krankheit sterben.

Eine Infektionskrankheit von historischer Bedeutung

Auch wenn immer noch jährlich mehr als 400 Millionen Menschen von dieser Krankheit betroffen sind, hatte die Malaria in der Geschichte der Menschheit schon eine viel größere geografische Ausbreitung als heute. Historiker wie John R. McNeill oder Timothy Weingard haben in den letzten Jahren den Einfluss der Malaria auf die Menschheitsgeschichte (wenn auch etwas überspitzt) hervorgehoben. Die Stechmücke Anopheles, die den Malaria-Parasiten überträgt, konnte Imperien zum Sieg verhelfen oder zu deren Untergang beitragen, meinen sie.

Als die Mongolen im 13. Jahrhundert dabei waren, nach Westeuropa vorzudringen, wurden sie genauso von der Malaria gehindert wie die Briten, als sie Napoleon 1807 bei Walcheren erfolglos zu schlagen versuchten, um das verbündete österreichischen Kaiserreich zu entlasten. Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wurde der britischen Armee zum Verhängnis, dass die amerikanischen Soldaten entweder schon eine gewisse Immunität gegen Malaria aufgebaut hatten oder sich in Malaria-freie Gebiete zurückziehen konnten, während die Briten der Malaria ausgeliefert waren. Auch noch im Ersten Weltkrieg, einem Konflikt, in dem mehr Soldaten durch Krankheit als durch Kampfhandlungen starben, erkrankten viele Soldaten an Malaria, allein 331.721 Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee zwischen 1914 und 1917.

Jahrhundertelang war die Malaria auf mehreren Gebieten der k. u. k. Monarchie endemisch. Besonders die Bewohner der heute bei österreichischen und deutschen Touristen so beliebten Adria litten unter der Krankheit, da dort Feuchtigkeit, hohe Temperaturen und Bodenbeschaffenheit einen Nährboden für die übertragenden Stechmücken lieferten. In Istrien ist die Krankheit seit dem 16. Jahrhundert erwähnt und bekämpft worden, eine systematische Beschäftigung der staatlichen Stellen mit der Krankheit gab es jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert – zuerst aus militärischen, später aus touristischen Gründen.

Ein militärisches Problem Österreich-Ungarns

Das istrische Pula, das heute von vielen Touristen jährlich wegen seines römischen Amphitheaters und seinen langen Badestränden überrannt wird, beherbergte von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zusammenbruch der Monarchie den Hauptkriegshafen der k. u. k. Monarchie sowie die drittgrößte Garnison der Monarchie. An Tourismus dachte zunächst niemand, denn als der Hafen dort errichtet wurde, galt die Stadt als ein heruntergekommenes gefürchtetes Fiebernest. Ende der 1860er-Jahre war noch die Hälfte aller Erkrankungen in Pula auf Malaria zurückzuführen. Schon aus strategischen Gründen – Truppenverschiebungen konnten zur Ausbreitung der Krankheit und zum Ausfall von Truppen führen – war die Marine bemüht, die sanitären Verhältnisse der Stadt zu bessern, was durch Trockenlegung, Frischwasserversorgung und Ventilierung (unter anderem durch den Abriss der Stadtmauern) der Stadt geschah.

Die leitenden Ärzte der Marine beschäftigten sich eingehend mit dem Malaria-Problem in den österreichisch-ungarischen Streitkräften im Allgemeinen und der Stadt Pula im Speziellen. Wenngleich die Zahl der Malaria-Erkrankungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch besseres Abwassermanagement und die Anwendung von "Chininrum" zurückging, gab es zwischen 1870 und 1899 noch eine Million Malaria-Erkrankungen in der k. u. k. Armee, was dieser geschätzte Kosten von 20 Millionen Kronen verursachte. Das entspricht heute etwa 145 Millionen Euro.

Die Anopheles-Mücke überträgt die Malaria.
Foto: AP/James Gathany

Medizinischer Fortschritt um die Jahrhundertwende

Während der Marinearzt und spätere Admiral August von Jilek (1819–1898) noch Ende der 1860er-Jahre in seinem umfangreichen Werk zur Malariasituation in Pula nur die Bedingungen beschreiben konnte, unter denen Malaria besonders auflebt, so konnte er keine konkreten Ursachen angeben. Er hing der jahrhundertalten Lehrmeinung nach, dass Malaria, wie der italienischstämmige Name "mala aria", schlechte Luft, schon andeutet, durch faulende Ausdünstungen in der Luft (Miasmen) übertragen würde. Stechmücken finden in seinem Werk keine Erwähnung. Das Trockenlegen von Sümpfen wird zwar empfohlen, aber nur weil dadurch die Miasmen verschwinden sollen. Auch das Sanitätshandbuch der k. u. k. Armee von 1876 warnt beispielsweis noch vor Malaria-Ausdünstungen.

Als der k. u. k. Marine-Oberstabsarzt Johann Krumpholz (1846–1910) im Jahre 1902 ein Überblickswerk zur Malariabekämpfung herausgab, hatte sich der Wissensstand zu den Ursachen der Malaria massiv gebessert, und er konnte auf umfangreiche neue Forschungen zurückgreifen: Der in Algerien an einem französischen Militärkrankenhaus arbeitende Alphonse Laveran identifizierte 1880 erstmals den Malariaerreger, wofür er 1907 den Nobelpreis erhielt. Erst der britische Mediziner Ronald Ross, Chirurg und General aus England, erkannte die Anopheles-Mücke 1897 als Überträger des Malariaerregers und wurde dafür schon 1902 mit demselben Preis ausgezeichnet. Wie Krumpholz allerdings unterstrich, war dieser Zusammenhang bereits den afrikanischen Stämmen des Usambaragebiets in Tansania bekannt gewesen.

Kolonialismus und Tourismus an der Adria

Die Malaria war auch eine Herausforderung für den sich an der "österreichischen Riviera" seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten Tourismus. Der in der Eisen- und Stahlbranche reich gewordene Wiener Unternehmer Paul Kupelwieser kaufte 1893 die Pula vorgelagerten Brioni-Inseln, um dort einen Nobelkurort zu betreiben. Da die Malaria seine Pläne durchkreuzte, lud er den deutschen Biologen Robert Koch auf die Inseln ein und finanzierte die erfolgreiche Bekämpfung der Krankheit. Das pittoreske Resort zog in der Folge als Gäste die europäische Hocharistokratie genauso an wie Unternehmer und Künstler.

Kupelwieser ließ Koch zum Dank an die von ihm durchgeführte Befreiung der Brioni-Inseln von der Malaria vom Wiener Bildhauer Josef Engelhart ein Denkmal errichten. Kochs koloniales Wirken sowie seine unethischen Experimente in Ostafrika wurden in letzter Zeit intensiv diskutiert. Auch sein Einsatz gegen die Malaria in Istrien hatte letztendlich einen kolonialen Hintergrund.

Die Präsenz deutscher Mediziner wie Koch oder auch des etwas weniger bekannten Mitentdeckers des Syphiliserregers, Fritz Schaudinn, kam nicht von ungefähr. Für Koch und seine Kollegen waren die "unterentwickelten" Verhältnisse auf den adriatischen Inseln mit jenen auf deutschen Überseegebieten vergleichbar. Die Bekämpfung von Malaria und anderen "Tropenkrankheiten" diente deutschen kolonialen Interessen und wurde in einem eigenen Forschungsinstitut in Rovinj vom deutschen Reichsgesundheitsamt vorangetrieben. Unterstützt wurden diese Experimente jedoch auch bereitwillig von der Regierung in Wien, die von einer Befreiung Istriens von der Malaria nur profitieren konnte. Während man sich in Rovinj schon mit der Bekämpfung der Stechmücke beschäftigte, setzte Koch in seinen Experimenten vor allem auf Immunisierung durch bewusste Ansteckung und Therapie mit Chinin (Chininisierung). Dieser Wirkstoff, ursprünglich von indigenen Völkern in Lateinamerika zur Fiebersenkung verwendet, wurde seit dem 17. Jahrhundert in Europa eingesetzt. In Folge verschaffte das Mittel den Europäern im Kolonialisierungsprozess einen klaren Vorteil.

Europa wird Malaria-frei

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Chinin durch das von deutschen Wissenschaftern schon 1934 synthetisierte Chloroquin ersetzt, das auch in der 1955 von der Weltgesundheitsorganisation lancierten Kampagne zur Ausrottung von Malaria zum Einsatz kam. Die Verabreichung des Medikaments wurde mit dem Sprayen des umweltschädlichen Insektizids DDT verbunden. 1945 war Malaria noch in Teilen Südeuropas (Balkan, Italien, Griechenland und Portugal) endemisch. Selbst in Österreich wurden noch 1945 Tabletten gegen Malaria an Schulkinder verteilt. Durch die Kampagne der WHO wurde die Region Europa (die auch Russland und den Kaukasus einschließt) jedoch bereits 1975 erstmals Malaria-frei. In den 1980er- und 1990er-Jahren kam Malaria vor allem durch humanitäre Konflikte in Afghanistan oder dem Irak wieder auf und verbreitete sich auch in Europa erneut. Es brauchte eine neuerliche Initiative der WHO Ende der 1990er-Jahre, um Europa 2015 wieder Malaria-frei erklären zu können.

Mosquirix wird nur ein Teil der Lösung sein

In anderen Regionen der Welt hatte die WHO weniger Erfolg. Im Gegenteil: Es bildeten sich schon in den 1960er-Jahren Choloroquin-resistente Erreger heraus, und es formierte sich lokaler Widerstand gegen den schädlichen Einsatz von Insektiziden. Die WHO musste von einer Ausrottungs- zu einer Eindämmungsstrategie übergehen. Die besonders betroffenen südlichen Länder des afrikanischen Kontinents wurden schon von Beginn wegen zu großen finanziellen Aufwands von der "globalen" Malaria-Ausrottungsstrategie ausgenommen. Auch heute leben von den 400.000 Menschen, die im 21. Jahrhundert jährlich an Malaria sterben, 95 Prozent in Subsahara-Afrika. Die Kupelwieser der Gegenwart sind die Gates, die sich nun wieder der Ausrottung der Krankheit verschrieben haben. Die von ihnen ins Leben gerufene "The Bill & Melinda Gates Foundation" steckte schon viele Milliarden Dollar in Stechmücken- und Malaria-Forschung und war auch an der Entwicklung des nun empfohlenen Impfstoffs maßgeblich beteiligt. Weil der nun eingesetzte Impfstoff nur eine begrenzte Wirksamkeit hat und der Malaria-Parasit in der Vergangenheit hohe Anpassungsfähigkeit gezeigt hat, ist die Gefahr durch die Krankheit jedoch noch lange nicht gebannt, und mehr Investitionen in die Malariaforschung werden in Zukunft notwendig sein. (Lukas Schemper, 3.12.2021)