Wie kommt es in Politik und Wirtschaft zu gesellschaftlich lenkenden Entscheidungen? Beim näheren Hinsehen stechen zwei bestimmende Elemente hervor: spezifische Gruppenüberzeugungen und der sich daraus herleitende, nach außen wirkende Gruppendruck. Beides fügt sich zu einem Ausschließlichkeitscharakter, mit dem von Interessengruppen gewollte Entscheidungen forciert und kommuniziert werden. Das wiederum befördert die Meinung, es gebe für Problemstellungen nur die eine richtige Lösung. Nur diese eine Lösung passt nicht mehr zu den heute mehrheitlich komplexen Problemstellungen.

Komplexität bedeutet, dass in eine Problematik zahlreiche Einflüsse hineinspielen. Und diese sind vielfach miteinander verbunden, stehen in Wechselwirkung, interagieren miteinander. Daraus folgt: Ein komplexes Problem ist bei der Suche nach einer Lösung schwer zu durchschauen, die Problemlösung erfordert eine differenzierte Betrachtung. Wird dem nicht Rechnung getragen, erwachsen aus der präferierten Problemlösung automatisch Folgeprobleme. All das ist wunderbar nachzulesen in Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen von Dietrich Dörner.

Nur diese eine Lösung passt nicht mehr zu den heute mehrheitlich komplexen Problemstellungen.
Foto: iStockphoto

Täglich sichtbar

Und ebenso "wunderbar" im Alltag zu erleben. So edel die Absicht von Interessengruppen auch immer sein mag, in der fehlenden Tiefendurchdringung der Probleme liegt die Gefahr. Diese Gefahr nennt die Kognitionspsychologie confirmation bias (confirmation = Bestätigung / bias = Verzerrung). Kurz gesagt handelt es sich um einen Bestätigungsfehler. Dieser besagt, dass für Entscheidungen nur solche Informationen herangezogen und berücksichtigt werden, die dem gruppenspezifischen Willen und den damit verfolgten Absichten dienlich sind. Alle übrigen fallen unter den Tisch.

Der 2020 verstorbene britische Philosoph Roger Scruton hat das süffisant in Worte gefasst: "Aristoteles lehrte uns, dass alle menschlichen Wesen nach Wissen streben. Aber er vergaß hervorzuheben, dass sie es nur tun, wenn ihnen bestätigt wird, dass das Wissen sie bestätigen wird. Menschen wenden sich von unbequemen Wahrheiten ab und bauen Mauern, um sich dagegen abzuschirmen."

Und in dieses Bestreben wirkt auch die kognitive Dissonanz hinein. Dieser Begriff aus der Sozialpsychologie beschreibt ein allseits bekanntes Empfinden: die innere Zwiespältigkeit. Die kognitive Dissonanz meldet sich stets zu Wort, wenn das Mögen und Wollen mit dem besseren Wissen kollidiert. Im Bestreben, sich davon zu befreien, hat das eigentlich bessere Wissen dann (meist) das Nachsehen. Und so sorgen confirmation bias und kognitive Dissonanz einträchtig für Entscheidungen, die Überzeugungen folgen, anstatt dem Gebot fundierter Auseinandersetzung mit dem zu lösenden Problem zu gehorchen.

Murphys Gesetz

Und dann gibt es ja auch noch Murphys Gesetz. Vom amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy Jr. stammt die Aussage über menschliches Versagen in komplexen Systemen: "Alles, was schiefgehen kann, wird mit Sicherheit auch schiefgehen." Ihren Teil dazu tragen die tonangebenden Experten bei – Wissenschafter, Politiker und Berater. Von ihnen bekommen confirmation bias und kognitive Dissonanz willkommene Unterstützung. Diese Experten wirken meinungsführend. Sie haben die Lufthoheit über alles gesellschaftliche Meinen und Sollen. Das schlägt sich in meinungslenkenden Denktrends nieder. Auf sie kann man sich bei der überzeugungsbestimmten Problemlösung stets berufen. Darunter befindet sich immer das für den eigenen Bedarf Passende. Das alles führt zu der häufigen Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Entscheidungen. Auch deshalb, weil gegen diese Meinungsführerschaft aufbegehrendes Wissen und Denken einen außerordentlich schweren Stand hat.

Andersdenkende werden dadurch faktisch ausgegrenzt. Und mit dem Bannfluch belegt, Querdenker, Unbelehrbare, Verschwörungstheoretiker zu sein. Womit sie an den öffentlichen Pranger gestellt werden. Die Praktiken, Andersdenkende mundtot zu machen, haben sich geändert – das Bestreben aber ganz und gar nicht. Und dabei können nicht nur gesellschaftlich einflussreiche Gruppen überaus rigide reagieren, wird die von ihnen vertretene Sichtweise nicht geteilt und in Zweifel gezogen.

Schuss nach hinten

Das blauäugige Eingehen auf den berühmten Satz "Sagen Sie mir Ihre ehrliche Meinung!" birgt deshalb stets das Risiko, zum Schuss zu werden, der nach hinten losgeht. Gruppierungen wie Parteien, (Umwelt-)Verbände, Unternehmen brauchen Konformität, innere Übereinstimmung, um eine in ihrem Sinn wirkungsvolle Argumentations- und Aktionsweise nach außen an den Tag zu legen. Sorgt doch der nach innen wirkende Konformitätsdruck für die nach außen wirksame Überzeugungs-, Durchsetzungs- und Schlagfähigkeit.

Und dieser Druck bekommt durch das Harmoniedenken noch Verstärkung. Harmonie in der Gruppe fördert die Übereinstimmung. Sie ist "der Kuschelfaktor" in Gruppen. Die Gruppenharmonie sorgt für das Empfinden von hoher sozial-emotionaler Integration und löst in dem Einzelnen das Bewusstsein aus, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Empfinden. Kann sich dadurch doch der "schwache" Einzelne stark fühlen – ein für die innere Geschlossenheit von Gruppen bedeutsamer Faktor. Sträuben sich Gruppenmitglieder gegen das Konformitätsdenken, torpedieren sie mit ihrem Querstellen die Gruppenharmonie. Das wird als Angriff auf den Gruppenzusammenhalt gewertet. Verständigt sich die Gruppe mehrheitlich auf eine Meinung, dann, so die Gruppenlogik, muss das die richtige sein.

Verantwortung übernehmen

Die Illusion der Unanfechtbarkeit gehört unverzichtbar zur Gruppenillusion. Was im Weiteren bedeutet, jeder verlässt sich auf das Urteil der anderen, die Gruppe als Ganzes trägt die Verantwortung für das Gruppenwollen und die dementsprechenden Entscheidungen so wie das daraus folgende Vorgehen. Das wirkt entlastend für alle und enthebt die einzelnen Gruppenmitglieder der persönlichen Verantwortung. Das Gleiche gilt für die Annahme, Schweigen bedeute Zustimmung. Auch dadurch wird die gruppeninterne Auffassung untermauert, das Richtige anzustreben. Zweifeln Gruppenmitglieder beharrlich an der Richtigkeit der Gruppenüberzeugungen, wird der Druck auf sie verstärkt. Dafür sind die sogenannten Mindguards zuständig. Ihre Aufgabe ist es, die geschlossene Gruppenmeinung aufrechtzuerhalten.

Zu einer pluralistischen Gesellschaft gehören aber Gruppierungen mit hoher Eigenüberzeugung, gehören der Meinungswettbewerb und die entsprechende öffentliche Auseinandersetzung. Die damit verbundenen Schattenseiten sollten aber nicht übersehen werden. Auf ausgrenzende Überzeugungen aufgebautes Wollen von Interessengruppen dient weder der Lösung komplexer Probleme noch der gesellschaftlichen Stabilität. Bereits in seinem 1945 erschienenen Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" warnte der in Wien geborene und später in Großbritannien lebende und lehrende Karl Popper weitsichtig: "Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition." (Hartmut Volk, 9.12.2021)