"Bild" macht wieder einmal Stimmung gegen Wissenschafter.

Screenshot: Bild.de

Berlin – Auch mit einer Chefredaktion unter dem neuen Vorsitz von Johannes Boie bleibt die deutsche "Bild" auf fragwürdigem Kurs in Sachen Corona-Berichterstattung: So schürte die Zeitung am Samstag online und in der Printausgabe unter dem Titel "Die Lockdown-Macher" die Stimmung gegen drei Wissenschafter – und erntete dafür erneut Kritik.

Gezeigt wurden Fotos der Wissenschafter Viola Priesemann, Dirk Brockmann und Michael Meyer-Hermann, um ihnen die Verantwortung für Lockdowns und strengere Corona-Maßnahmen in den Bundesländern zuzuschreiben. Über ihren Köpfen wurde in der Printausgabe zudem die Schlagzeile "Experten-Trio schenkt uns Frust zum Fest" positioniert, darunter fanden sich Geschenkpakete mit den Aufschriften "Geschenke-Kauf 2G", "Familienfest nach Corona-Regeln" und "Kino-Verbot für Ungeimpfte".

Kritik kommt unter anderem von der Politökonomin Maja Goepel, die sich mit den Wissenschaftern auf Twitter solidarisch erklärt und über den "Bild"-Bericht schreibt: "Das ist nicht nur gelogen, sondern Verleumdung & eine Gefahr für die Freiheit von Wissenschaftler*innen, nach bestem Wissen zu beraten." Darüber hinaus fordert sie eine Klarstellung von Politik und Presserat.

Goepel zur Seite steht der Virologe Christian Drosten, der auf Twitter erklärt: "Ich halte es ebenfalls für geboten, dass die Politik sich zu dieser Darstellung richtigstellend positioniert, um die betroffenen Wissenschaftler zu schützen."

Der "Bild"-Bericht wurde veröffentlicht, nachdem wenige Stunden zuvor ein Fackelzug von Corona-Politik-Gegnern vor dem Haus von Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping aufmarschiert war. Das müsse man "auch erst mal bringen wollen, und das noch im vollen Bewusstsein beim Blick auf das eigene Portal", reagierte der Medienjournalist Daniel Bouhs auf Twitter.

"Übermedien"-Gründer Stefan Niggemeier hatte bereits in der Vergangenheit massive Vorwürfe gegen "Bild" erhoben. So habe deren journalistischer Kurs auch dazu beigetragen, dass die Corona-Lage jetzt noch schlimmer sei, als sie sein müsste. Angesichts eines aktuellen Kommentars des "Bild"-Chefredakteurs Boie unter dem Titel "Das Land zusammenhalten" übte Niggemeier erneut Kritik: Es sei blanker Hohn, wenn Boie "jetzt von 'Zusammenhalt' spricht und 'Respekt voreinander' fordert. Und es nicht mal schafft zu sagen, ob die Hetzschlagzeile gegen Wissenschaftler am Samstag nun 'angemessen' war oder nicht", so Niggemeier auf Twitter.

Ebenfalls zu Wort gemeldet hat sich der SPD-Gesundheitsexperte und designierte Gesundheitsminister Karl Lauterbach: "Alle Entscheidungen zum Beispiel gegen Ungeimpfte wurden AUSSCHLIESSLICH von der Politik getroffen. Es genügt, dass wir 24/7 mit Personenschutz unterwegs sind. Die WissenschaftlerInnen dürfen nicht den gewaltbereiten Querdenkern als Zielscheiben angeboten werden", wird Lauterbach vom Redaktionsnetzwerk Deutschland zitiert. (red, 6.12.2021)