Ein Mann der Widersprüche: Diego Maradona.

Foto: REUTERS/Marko Djurica

Berlin – Diego Maradona ist ein Mythos weit über den Fußball hinaus. Der "Goldjunge" war einer der talentiertesten Fußballer überhaupt, feierte große Erfolge mit der SSC Neapel und der argentinischen Nationalmannschaft – und stürzte dann zunehmend ab. Regisseur Asif Kapadia ("Amy") hat zu Maradonas Zeit in Neapel mit privaten Videos ein beeindruckendes Dokudrama geschaffen. Das für zahlreiche Preise nominierte, komplexe Porträt von 2019 ist am Mittwoch (20.15 Uhr) bei 3sat zu sehen.

Den roten Faden macht dabei gleich zu Beginn Maradonas früherer persönlicher Trainer Fernando Signorini deutlich: "Es gibt Diego. Und es gibt Maradona", sagt Signorini zu Bildern aus der Anfangszeit in Italien. "Diego war ein etwas unsicherer, aber liebenswerter Bub. Maradona dagegen war die Rolle, die er sich zurecht gelegt hatte, um im Fußballgeschäft und auch in den Medien bestehen zu können."

Der Film beginnt 1984 mit dem Wechsel Maradonas von Barcelona nach Neapel. Zu sehen ist ein junger, motivierter Fußballer, der etwas mit der Spielweise in Italien hadert, sich aber schnell in der süditalienischen Stadt wohlzufühlen scheint. Die emotionalen Neapolitaner lieben ihn von Beginn an. Maradona ist der Heilsbringer nicht nur für den Verein, sondern auch für eine Stadt, die innerhalb Italiens als minderwertig abgetan wird.

"Ein wenig Schummelei und eine Menge Genie"

Es folgen zwei gute Jahre in Neapel, ehe Maradona 1986 mit Argentinien zur Weltmeisterschaft nach Mexiko reist und im Viertelfinale zwei legendäre Tore schießt: Beim 1:0 kommt die "Hand Gottes" zu Hilfe, nur wenige Minuten später trifft Maradona nach einem fulminanten Dribbling. "Kosmischer Drachen. Von welchem Planeten kommt der Mann?", kommentierte damals ein Live-Reporter. "Hier ist das gebündelt, wofür man ihn liebt und hasst. Ein wenig Schummelei und eine Menge Genie", sagt der Journalist Daniel Arcucci, eine der wichtigsten und pointiertesten Stimmen im Film.

Wenige Minuten später steuert die Doku auf den Höhepunkt der Karriere Maradonas zu: 1987 wird die SSC Neapel zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte italienischer Meister. Noch auf dem Platz nach dem entscheidenden Spiel wird Maradona nicht nur gefragt, wie er sich fühlt, sondern was für ihn nun Neapel ist: "Mein Zuhause, ganz klar."

Doch ab jetzt geht es mit der Liebe zwischen Superstar und Stadt bergab, sie erdrückt ihn – und der Film folgt diesem Weg in schwierigere Zeiten sehr genau. Der Hype um seine Person wird ihm zu viel, Maradonas Drogenkonsum nimmt Überhand. 1989 will er den Verein verlassen, darf das aber nicht. Im Sommer 1990 verwandelt er bei der WM einen Elfmeter und schießt den Gastgeber Italien aus dem Turnier – und das ausgerechnet in Neapel. Nach Ermittlungen wegen Drogenhandels und Prostitution verlässt Maradona die Stadt fluchtartig. Auch die Camorra hilft ihm jetzt nicht mehr.

An Herzinfarkt verstorben

Ähnlich wie in Maradonas Leben bestimmt auch in Kapadias Dokudrama die vielzitierte zweite Seite der Medaille nun zunehmend die Stimmung. Der Regisseur schafft es durch viele intime Einblicke mit Archivmaterial von Maradonas erstem Agenten, die entscheidenden Momente seines Lebens auszuleuchten, dem Mythos um den Argentinier näher zu kommen und Maradona selbst besser zu verstehen. "Der Goldjunge" hat mit seinem fußballerischen Talent Euphorie entfacht – und dafür letztlich einen hohen Preis gezahlt. Am 25. November 2020 starb er im Alter von 60 Jahren an einem Herzinfarkt. (APA, dpa, 6.12.2021)