Am frühen Nachmittag des 7. Dezember 1941 klingelte im Büro von Franklin D. Roosevelt im Weißen Haus in Washington das Telefon. Der aufgeregte Marineminister Frank Knox hatte eine dringende Mitteilung für den US-Präsidenten: "Mr. President, es sieht so aus, als hätten die Japaner Pearl Harbor bombardiert." Roosevelt rang nach Worten – und brachte zunächst nicht mehr als ein ungläubiges "Nein!" heraus.

Der Überfall auf die Pazifikflotte der USA in Pearl Harbor, Hawaii, kostete 2.400 US-Soldaten das Leben.
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Schon bald bestätigte sich die Nachricht, die verheerende Bilanz des japanischen Überfalls lautete: 2.400 tote US-Soldaten, acht versenkte oder beschädigte Schlachtschiffe und fast 200 zerstörte Flugzeuge. Die in Pearl Harbor auf Hawaii liegende Pazifikflotte der USA war zum größten Teil ausgeschaltet, während das japanische Kaiserreich die britischen und niederländischen Kolonien in Südostasien angriff. Tokios "großasiatische" Expansionsbestrebungen schienen einen entscheidenden Schritt vorangekommen zu sein. Am nächsten Tag beendeten die USA ihre Neutralität und erklärten Japan den Krieg.

Tage der Ungewissheit

Im Rückblick erscheint der Angriff auf Pearl Harbor als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. In dessen Folge wurde aus dem verheerenden Krieg, den Deutschland 1939 begonnen hatte, dessen Schauplätze in Europa, Asien und Nordafrika bislang aber noch weitgehend voneinander getrennt geblieben waren, ein globaler Flächenbrand beispiellosen Ausmaßes. Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten stand den Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan eine Allianz gegenüber, die den Krieg schließlich für sich entscheiden konnte. Absehbar war das am 7. Dezember 1941 aber noch nicht.

Allein durch die Bombardierung und den Untergang des Schlachtschiffs USS Arizona starben mehr als 1.100 Menschen.
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Wie sehr die Welt in der Schwebe hing und wie unklar die unmittelbaren Folgen allen beteiligten Akteuren waren, macht eine Rekonstruktion der dramatischen Stunden und Tage nach dem Überfall auf Pearl Harbor deutlich: "Was sich in diesen fünf Tagen abspielte, war folgenschwerer als jede andere diplomatische Krise des 20. Jahrhunderts", schreiben die Historiker Brendan Simms und Charlie Laderman in ihrem Buch "Fünf Tage im Dezember", das pünktlich zum 80. Jahrestag des Angriffs auf Pearl Harbor erschienen ist.

Der britische Premierminister Winston Churchill machte kein Geheimnis daraus, wie groß seine Erleichterung am Abend des 7. Dezember 1941 gewesen war. Die Nachricht des Angriffs auf Pearl Harbor habe ihm, bei aller Tragik, "zur größten Freude gereicht", schrieb er später: Endlich würden sich die Vereinigten Staaten aktiv am Krieg beteiligen. "Großbritannien würde leben, Hitlers Schicksal war besiegelt. Überschwemmt und gesättigt mit Gefühlen und Eindrücken ging ich zu Bett und schlief den Schlaf des Geretteten."

Die US-amerikanische Pazifikflotte wurde weitgehend ausgeschaltet, während Japan zeitgleich in Thailand und auf den Philippinen einmarschierte.
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Katastrophale Engpässe

So gut, wie er es in seinen Memoiren behauptete, dürfte Churchills Nachtruhe aber dann doch nicht gewesen sein. Dass die USA in den Krieg eintreten würden, stand zwar außer Frage. Aber was, wenn sie sich allein auf Japan konzentrieren und sämtliche Ressourcen für den Pazifikkrieg aufwenden würden, anstatt Großbritannien und der Sowjetunion auf der anderen Seite der Welt auch im Kampf gegen Deutschland beizustehen? Noch immer war die Stimmung in den USA stark von Isolationismus geprägt, die Mehrheit der Bevölkerung lehnte einen Krieg gegen Hitler ab. Roosevelt unterstützte Großbritannien und die Sowjetunion zwar nach Kräften mit Rüstungsgütern, vor einer aktiven Kriegsteilnahme war er aber bislang aus innenpolitischen Gründen zurückgeschreckt. Würde sich die Lage jetzt ändern? Sicher war das nicht.

Dass die amerikanischen Rüstungslieferungen an ausländische Regierungen noch in derselben Nacht gestoppt wurden, war alles andere als beruhigend – Großbritannien und die Sowjetunion waren dringend darauf angewiesen. Dementsprechend reagierte auch Stalin besorgt auf die Nachrichten aus dem Pazifik: Der japanische Angriff auf Pearl Harbor kam zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Wehrmacht schon vor Moskau stand. Ausbleibende Hilfslieferungen wären für die großangelegte sowjetische Gegenoffensive, die am 5. Dezember angelaufen war, eine Katastrophe.

8. Dezember 1941: US-Präsident Roosevelt unterzeichnet die Kriegserklärung an Japan.
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Euphorischer Diktator

In Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen sorgten die Neuigkeiten aus dem Pazifik genau aus diesem Grund für Euphorie. Hitler hatte Japan darin bestärkt, die USA anzugreifen, und zugesichert, Tokio im Kriegsfall militärischen Beistand zu leisten. Ein ausgeweiteter Pazifikkrieg, der Ressourcen der Vereinigten Staaten verschlang und das britische Empire weiter unter Druck setzte, konnte angesichts der deutschen Rückschläge an der Ostfront nur in seinem Interesse sein.

Bis zuletzt hatte Hitler befürchtet, Tokio würde den Schritt nicht wagen. Als er vom Überfall auf Pearl Harbor erfuhr, habe er plötzlich "wie von einem Alp befreit" gewirkt, berichtete Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, später. Der Diktator fantasierte gar, dass Deutschland den Krieg nun gar nicht mehr verlieren könne.

In Tokio herrschte indes Anspannung. Würde Hitler, der nicht gerade den Ruf eines verlässlichen Bündnispartners genoss, sein Wort halten und an Japans Seite kämpfen? Die Befürchtungen waren unnötig. Schon am 8. Dezember teilte der Diktator seinem Propagandaminister und engen Vertrauten Joseph Goebbels mit: "Wir werden wahrscheinlich an einer Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten nicht vorbeikommen. Aber das ist jetzt nicht mehr so schlimm. Wir sind nun gewissermaßen an der Flanke abgeschirmt."

Folgenreiche Kriegserklärung

Zu großem Erstaunen in Washington und noch größerer Erleichterung in London erklärte Hitler am 11. Dezember den Vereinigten Staaten tatsächlich den Krieg. Damit beendete er nicht nur fünf quälende Tage diplomatischer Ungewissheit, sondern schuf eine neue geostrategische Realität: Der amerikanische Isolationismus war Geschichte, die größte Industrienation der Welt warf nun ihr ganzes Gewicht in den Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan.

Warum Hitler diesen schweren strategischen Fehler beging, wird seither immer wieder diskutiert. Die oft geäußerte Ansicht, Ignoranz und Größenwahn hätten ihn dazu verleitet, weisen Simms und Laderman in ihrem neuen Buch zurück: Der Diktator habe den USA gerade wegen ihres enormen Potenzials den Krieg erklärt. "Ende 1941 sah er ein schmales Fenster der Gelegenheit, die Vereinigten Staaten nicht direkt zu besiegen, sondern einen autarken Achsenblock zu schaffen, der stark genug war, um ihnen zu widerstehen." Bekanntermaßen irrte er – und Churchill sollte recht behalten: Deutschland war militärisch erledigt. Vorbei waren der verheerende Krieg und der nationalsozialistische Völkermord aber noch lange nicht. Die systematische Ermordung der Jüdinnen und Juden, die unter nationalsozialistischer Herrschaft lebten, setzte nun in vollem Umfang ein. (David Rennert, 7.12.2021)