Österreich kämpft am Arbeitsmarkt unter anderem mit strukturellen Problemen, die es Firmen erschweren, qualifiziertes Personal einzustellen. Vor allem an IT-Fachkräften mangelt es.

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Die Mundwinkel gehen beim Thema Rot-Weiß-Rot-Karte durch die Bank nach unten. Nicht ganz unbegründet. Wer auf einen Aufenthaltstitel hofft, um in Österreich arbeiten zu können, braucht Geduld. Das gilt für die entsprechenden drittstaatsangehörigen Fachkräfte genauso wie für hiesige Betriebe, die neues Humankapital ins Land bringen möchten.

Zu bürokratisch, zu langwierig, zu aufwendig – die Liste der Adjektive ist lang, wenn der Weg zur Arbeitserlaubnis beschrieben wird. Begeisterung fehlt. Viele Unternehmer sagen, sie würden es nicht einmal mehr probieren und neue Mitarbeiter generell von ihrer Heimat aus arbeiten lassen. Ein Blick in die Start-up-Szene veranschaulicht, wo die Probleme und Verbesserungspotenziale liegen. Der Mangel an IT-Fachkräften ist hier besonders groß.

"Hat man im Vorfeld alles beisammen, geht es sich vermutlich in vier Monaten aus", sagt Lars Krumtünger vom Krypto-Start-up Coinpanion. Wenn es blöd läuft, könne es aber bis zu sieben Monaten dauern. Das Start-up hat Mitarbeiter aus Indien, Russland und dem Iran nach Österreich geholt. "Unzählige kleine Schritte summieren sich, das macht den Aufwand so groß. Passt ein Dokument nicht, kostet das gleich einmal Wochen."

Wer braucht die Karte?

Ohne die Karte geht es nicht. Arbeitskräfte aus Drittstaaten – weder EWR-Raum noch Schweiz – die länger als sechs Monate in Österreich arbeiten wollen, brauchen den rot-weiß-roten Aufenthaltstitel. Es gibt sechs verschiedene Unterkategorien, die unterschiedliche Zielgruppen adressieren. Zudem müssen Kandidaten ein gewisses Mindesteinkommen aufweisen und krankenversichert sein.

Komplex wird es beim Thema Wohnen. Seit der Novelle des Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetzes (NAG) vergangenen Oktober müssen Karteninhaber in spe zumindest keinen "Anspruch auf eine ortsübliche Unterkunft" mehr nachweisen. Zuvor mussten de facto schon unterschriebene Mietverträge vorgelegt werden. Dem Vernehmen nach braucht es nach wie vor eine Unterkunftsbestätigung für die ersten Monate. Noch ein Stückchen komplizierter wird es, wenn Familienangehörige mitkommen sollen.

Nicht an allem ist die Ausgestaltung der RWR-Karte "schuld", an der Genehmigung hängt auch positiver Visumsbescheid. Hört man sich in der Praxis um, soll die Situation in westlichen Bundesländern etwas besser sein als in der Bundeshauptstadt. Vor allem die Zuwanderungsbehörde MA 35 in Wien soll ein problematisches Nadelöhr darstellen. Doch auch im Westen stöhnen Mitarbeiter des Arbeitsmarktservice und fordern einfachere Prozesse.

Verfahrensauswahl

Die Regierung kennt die Probleme. Eine bei der Austria Business Agency (ABA) Anfang des Jahres eingerichtete Servicestelle soll Firmen bei der Beantragung daher unterstützen. "Es ist schwer, einen Überblick zu bekommen, welches Verfahren überhaupt beantragt gehört", sagt ABA-Geschäftsführer René Tritscher. Reiche man alle Dokumente richtig ein, ließe sich das Verfahren deutlich verkürzen.

"Wir haben seit Jahresbeginn 400 Unternehmen unterstützt, vom Konzern bis zu kleinen Start-ups. Im besten Fall ist der Antrag nach sechs bis sieben Wochen durch." Tritscher sieht überdies ein föderalistisches Problem: Diverse Zeugnisse würden je nach Bundesland unterschiedlich anerkannt. Es gebe aber Bestrebungen, diese Regelung bundesweit zu harmonisieren. Krumtünger von Coinpanion lobt die Servicestelle. Ohne die ABA hätte alles vermutlich noch länger gedauert. Vor allem als junge Firma spare man sich Anwaltskosten. Der Service der ABA ist kostenlos.

900 neue RWR-Karten

Den Zahlen des Wirtschaftsministeriums zufolge hatten im Dezember 2019 rund 485.000 Menschen einen aufrechten Arbeitstitel. 5200 davon mittels RWR-Karte, knapp 105.000 eine Rot-Weiß-Rot-Karte Plus. Bei Letzteren wurde der Aufenthaltstitel verlängert. Vergangenes Jahr ging die Zahl auf 480.000 aufrechte Titel zurück, rund 4500 davon waren RWR-Karten, wovon 900 laut Arbeitsministerium neu ausgestellt wurden.

Scharfe Kritik kommt von Markus Kainz. Er hat zwei Unternehmen gegründet und ist mit seiner Investmentfirma Primecrowd bei über 30 Start-ups beteiligt: "Der Wettkampf um Talente wird immer größer, heimische Firmen werden oft das Nachsehen haben, wenn eine Genehmigung zu lange dauert. Oft gründen Mitarbeiter nach einer Zeit in einem erfolgreichen Unternehmen eigene Firmen. Österreich entgeht diese Wertschöpfung, wenn das wo anders passiert. Arbeiten die Mitarbeiter remote von irgendwo, entgehen dem Staat zudem Steuereinnahmen."

Digitale Hoffnung

Auch in der Wirtschaftskammer ist man mit dem Status quo unglücklich. "Dokumente aus dem Ausland müssen per Diplomatenpost versendet werden; Dokumente werden teilweise nicht auf Englisch akzeptiert, es gibt keine transparente Auskunft zum Verfahrensstand, die telefonische Auskunft ist nicht ausreichend", kritisiert der Start-up-Beauftragte von der WKO Kambis Kohansal Vajargah. Allgemein liegt die Hoffnung auf der Digitalisierung. "Verglichen mit Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Kanada dauert die Bearbeitung zu lange. Durch schnellere Verfahren über Digitalisierung gibt es viel Verbesserungspotenzial."

Durch die Krise wurde spontan einiges ermöglicht, um Amtsgänge digital abhandeln zu können, persönlich war es schwer. Doch durch die Bank sieht man viel Luft nach oben. (Andreas Danzer, 7.12.2021)